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Erfolgsgeschichte Moon Boot

Alle in einem Boot

Von Walter Wille
Aktualisiert am 21.07.2019
 - 11:23
Auf großem Fuß: Der Moon Boot hat sich auch bei Nicht-Astronauten durchgesetzt - anders als der Raumanzug.
Zu groß, zu plump, zu abgefahren: Man könnte meinen, der Moon Boot ist nur eine Fußnote der Raumfahrt-Geschichte. Er hat aber große Spuren hinterlassen – und das nicht nur bei Astronauten.

Die Welt eines Kindes war vor 75 Jahren eine andere als heute. Giancarlo Zanatta klopfte krumme Nägel gerade, als er sechs war. Er verwendete einen Hammer, nahm als Unterlage große, flache Steine, die er am Fluss Piave auflas, und achtete darauf, sich nicht auf die Finger zu hauen. Liest man das Buch, in dem Zanatta seine Erinnerungen festgehalten hat, bekommt man den Eindruck, dass er trotzdem keine schlechte Kindheit hatte. Und schließlich ist etwas aus ihm geworden: Gründer und Eigentümer eines Sportartikel- und Outdoor-Konzerns. Ein gemachter Mann, der große Fußabdrücke hinterlässt.

Weggefährten beschreiben Zanatta, der 1938 geboren wurde, als mutig und nimmermüde. Er selbst sieht sich als wissbegierig, begeisterungsfähig, stur. Er ging seinen Weg mit Beharrlichkeit und Tatkraft, aber das Leben, auf das er nun im Alter von gut 80 Jahren zurückblickt, wäre ganz anders verlaufen ohne Zufälle und schicksalhafte Wendungen. Ereignisse wie die Mondlandung. Oder den Unfall seines Großvaters.

Der war Bauernsohn und für die Feldarbeit bestimmt, bis zu jenem Moment, in dem er beim Brennholzsammeln im Wald von einem herabfallenden Ast getroffen wurde. Fortan war der Großvater körperlich stark behindert, so dass er sich einen Beruf suchen musste, bei dem er im Sitzen arbeiten konnte, Schneider etwa oder Schuhmacher. Er entschied sich fürs Schustern - und brachte damit alles auf den Weg.

Der Betrieb des Großvaters, den der Vater übernahm, lag in Nervesa della Battaglia unweit der „Schuh-Hauptstadt“ Montebelluna in Venetien. Am Ende des Zweiten Weltkriegs bestand er aus einem kleinen Raum mit ein paar Schusterbänken. Sechs, sieben Mitarbeiter fertigten und reparierten Schuhe mit und ohne Stöckel, Stiefel für Holzfäller, Bau- und Steinbrucharbeiter, Wanderer, Wildhüter und Hirten. Schuh-Oberteile wurden damals mit Nägeln am Leisten befestigt. Die herausgezogenen Stifte hämmerte der kleine Giancarlo gerade, damit sie sich wiederverwenden ließen. Vom Ersparten gönnte er sich die eine oder andere Karussellfahrt.

Zanatta trotzte seinen Kritikern

Als der heranwachsende Sohn seinen Eltern eröffnete, den Betrieb fortführen zu wollen, waren Vater und Mutter nicht beglückt, sondern entsetzt. Dem Geschäft trauten sie keine große Zukunft zu. Lieber eine Banklehre, etwas Sicheres. Aber Giancarlo blieb hartnäckig, bestand darauf, das Handwerk von Grund auf zu lernen, das Schneiden und Nähen von Leder. Er absolvierte ein Praktikum in Treviso und besuchte eine Schule für Gestaltung in Mailand, wo er 1956 mit 18 Jahren ein Diplom in technischem Schuhdesign erwarb.

Gemeinsam mit Ambrosiano, seinem Bruder, legte er los. Die beiden holten Aufträge herein, liehen sich viele Lire, kauften Maschinen, verwandelten die Werkstatt in eine Fabrik. Sie zeigten sich auf Fachmessen, knüpften Fäden, lernten die richtigen Leute kennen und unternahmen erste Schritte auf einem Gebiet, das heute als „Forschung und Entwicklung“ bezeichnet wird. Giancarlo war der Mann fürs Kreative und Kommerzielle, Ambrosiano kümmerte sich um Einkauf und Produktion. Sie setzten auf technischen Fortschritt und nannten ihr Unternehmen Tecnica.

Das war Anfang der sechziger Jahre, in einer Zeit, in der der Wintersportmarkt Fahrt aufnahm. Après-Stiefel aus Fell - zunächst Seehund, später Ziege - kamen in Mode. Tecnica expandierte, war dabei, als der Skischuh sich vom Wanderschuh aus Leder mit angepasster Sohle zum Lederstiefel mit Plastikbeschichtung entwickelte und bald darauf zum Schnallenstiefel, der ganz aus Kunststoff war. Besonders das innovative Tecnica-Modell Tecnus in doppelschaliger Bauweise war dabei erfolgreich.

Aus einer Idee wurde eine Erfolgsgeschichte

Und dann kam die Mondlandung. Im Oktober 1969 war Zanatta auf Geschäftsreise in Amerika unterwegs, als in der Grand Central Station in New York, beim Warten auf einen Zug, ein riesiges Leuchtbild seine Aufmerksamkeit erregte: Armstrong und Aldrin in ihren Raumanzügen. Zanatta war baff, vor allem wegen der Stiefel und der "elefantenartigen Spuren", die sie hinterließen. „Ich begann die verrückte Idee zu entwickeln, ein Paar Schuhe mit demselben futuristischen Charakter zu kreieren. Als ich nach Italien zurückkam, war das mein einziger Gedanke.“

Zanatta zeichnete Skizzen, zog einen weiteren Designer hinzu, ließ Prototypen bauen und zeigte das Ergebnis „mit ungeniertem Stolz“ seiner Frau. „Aber anstatt mich zu ermutigen, kühlte sie meinen Enthusiasmus. Mein Vater fragte mich, ob ich meinen Verstand verloren hätte, und ich erspare mir, die Kommentare meines Bruders wiederzugeben.“ Er schwor sich, die Sache dennoch durchzuziehen, notfalls auf eigene Faust. „Ich glaubte an mein Produkt.“

Bald lenkten die Kritiker ein, wohl in der Hoffnung, irgendwann würde er schon aufgeben. Im Sommer 1970 packte er die Prototypen, ein rotes und ein blaues Paar, in einen Koffer und fuhr damit „etwas verschämt, wie ein Zigarettenschmuggler“ zu einer Messe in Mailand. Der Mut wurde belohnt. „Jedes Mal, wenn ich den Koffer öffnete, lächelten meine Kunden anerkennend.“ Von September bis Dezember 1970 wurden 6000 Paar verkauft, im folgenden Jahr 20.000, dann 40.000, dann 100.000. Die stürmische Nachfrage erforderte den Bau eines neuen Fabrikgebäudes. Im Jahr 1984 stellte Tecnica eine Million Paar her - 4000 am Tag.

Zanatta hatte ein überirdisches Produkt erschaffen. Moon Boots wurden im Louvre ausgestellt und im Museum of Modern Art in New York. Die Zahl der verkauften Paare liegt inzwischen bei mehr als 25 Millionen. Der oft kopierte Schuh ist einer der wichtigsten kommerziellen Erfolge in der Geschichte der Tecnica-Gruppe, die zu einem der größten Akteure der Branche aufstieg und heute die Unternehmen Blizzard, Nordica, Lowa und Rollerblade unter ihrem Dach vereint. Mit Giancarlos Sohn Alberto als Tecnica-Präsident ist schon die nächste Generation am Ruder. Und das alles nur, weil ein Ast heruntergefallen ist.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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