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Rekonstruierte Landung

Der Adler ist gelandet

Von Sibylle Anderl
Aktualisiert am 20.07.2019
 - 21:24
Tranquility Base: Buzz Aldrin erforscht den Landeplatz der Mondfähre.
Der Funkkontakt der Apollo-11-Mission gibt einen Eindruck der dramatischen Geschehnisse vor 50 Jahren. 20 Sekunden lagen zwischen Erfolg und Scheitern der Mission.

Den Programm-Alarm 1202, der Neil Armstrong und Buzz Aldrin an Bord der Mondlandefähre Eagle am 20. Juli 1969 um 20.10 Uhr Weltzeit aufschreckte, hatten die beiden Astronauten bei den simulierten Testflügen nie gesehen. Zum Zeitpunkt des Alarms hatten sie sich der Mondoberfläche schon bis auf rund zehn Kilometer genähert, wesentlich weiter als Apollo10 zwei Monate zuvor. In Simulationen waren die Astronauten darauf trainiert worden, während der Landung bei auftretenden Störfällen sofort einen Abbruch in Erwägung zu ziehen. Jetzt, in der realen Situation, war die Reaktion aber eine ganz andere.

Buzz Aldrin, Pilot der Landefähre und während des Anflugs dafür zuständig, Kommandant Armstrong mit allen für die Landung notwendigen Instrument-Ablesungen zu versorgen, erinnerte sich später: „In einer Simulation trainiert dich jemand darauf, eine bestimmte Reaktion zu zeigen. Also willst du das in der Simulation Richtige tun. Aber wenn es keine Simulation ist, dann willst du das Richtige tun, um die Mission zu erledigen.“ Armstrong teilte diese Einschätzung: „Wir waren so weit gekommen, und wir wollten landen. Wir wollten keine Abbrüche proben.“

In Houston hatten währenddessen die Software-Ingenieure vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der amerikanischen Raumfahrtbehörde (Nasa) den Grund des alle zehn Sekunden wiederkehrenden Alarms erkannt: Der Computer signalisierte eine Überlastung angesichts einer zu großen Anzahl auszuführender Rechenjobs. Was daraus genau folgte, ob eine Konsequenz der Ausfall wichtiger Berechnungen sein würde, war für viele Software-Experten, die von der Erde aus die Mission unterstützten, eine offene Frage, wie sich Fred Martin 1994 erinnerte.

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Armstrongs großer Schritt
Zum 50. Jahrestag der Mondlandung

Aus Houston gab es ein „Go“

Er war leitend am MIT für die Softwareentwicklung zuständig. Die Experten im Kontrollraum gingen dagegen innerhalb von Sekunden davon aus, dass die Mission durch den Alarm nicht gefährdet sein würde: Der Computer würde unwichtige Berechnungen ignorieren, essentielle aber ausführen. Aus Houston gab es ein „Go“, die Eagle konnte weiter abbremsen. Um 20.13Uhr, in einer Höhe von knapp fünf Kilometern, erschien die Mondoberfläche erstmals an der unteren Kante in Armstrongs Fenster. Eine Minute später wechselte die Mondfähre aus der Bremsphase in die Phase des Landeanflugs und begann, sich aus einer bis dahin weitgehend horizontalen Ausrichtung aufzurichten.

Um 20.14 Uhr kam es zum nächsten Programm-Alarm, diesmal 1201. Dass dieser Fehler vom gleichen Typ wie zuvor war und damit kein wirkliches Problem darstellte, war Houston sofort klar. Die ernste Konsequenz des Alarms war aber eine indirekte: Aldrin und Armstrong wurden von der Ausführung des Landeanflugs abgelenkt. „Normalerweise hätten wir in dieser Phase die Landestelle ausgewertet und unsere sowie die Landeposition geprüft. Nun galt unsere Aufmerksamkeit aber nicht so sehr dem Landegebiet, sondern der Frage, ob wir die Landung überhaupt fortsetzen können“, erinnerte sich Armstrong 1969 bei der technischen Abschlussbesprechung der Mission. Der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit sei auf die Vorgänge innerhalb des Cockpits gerichtet gewesen, nicht auf den Landeplatz.

Erst als sie sich weniger als 600 Meter über der Oberfläche befanden, habe sich der Programm-Alarm beruhigt. „Wir sahen, dass das Gebiet der Landung kurz vor einem großen steinigen Krater lag, der von einem Feld großer Steine umgeben war, die einen Großteil der Oberfläche bedeckten“, beschrieb Armstrong den Moment, als er sich endlich auf die Mondoberfläche konzentrieren konnte. Auf der Grundlage der Positionsdaten und der Beschreibung Armstrongs konnten die Missions-Geologen sofort eingrenzen, dass es sich um den West-Krater handeln musste.

„Wir atmen wieder. Vielen Dank.“

Zunächst zog Armstrong eine Landung vor dem Krater in Betracht, schnell war aber klar, dass eine Landung dort zu gefährlich sein würde. Also nach rechts oder links schwenken oder den Krater überfliegen? Armstrong entschied sich für Letzteres und schaltete um auf die manuelle Steuerung der Landefähre – ohne über den mit der veränderten Flugbahn verbundenen höheren Treibstoffverbrauch nachzudenken, wie Aldrin und Armstrong im Nachhinein zugaben. Die Flughöhe der nun fast vollständig vertikal aufgerichteten Landefähre betrug zu diesem Zeitpunkt nur noch rund 180 Meter.

Um 20.16 Uhr zeigte die Tankanzeige noch acht Prozent Füllstand an, eine Minute später in einer Höhe von 30 Metern war sie schon auf fünf Prozent gesunken. Bei dieser Tankmarke wurde automatisch ein Countdown ausgelöst, nach dessen Ende die Landung entweder innerhalb von 20 Sekunden hätte erfolgen oder abgebrochen werden müssen. Um 20.17 Uhr gab Charles Duke, Verbindungssprecher in Houston, durch, dass es 60 Sekunden bis zum Ablauf des Countdowns waren, die Eagle war zwölf Meter von der Oberfläche entfernt. Dann waren es „30 Sekunden“ bei einer Höhe von sechs Metern.

In Houston war die Anspannung enorm. Als Buzz Aldrin um 20.17 Uhr beim Stand von 39 Sekunden schließlich „contact light“ meldete, dass also mindestens eines der Beine der Landefähre den Boden berührt habe, war die Erleichterung beispiellos. „Da wussten wir, dass sie gelandet waren – und sofort entlud sich die Spannung. Wir alle atmeten auf. Wir hatten es geschafft“, erinnerte sich Duke im Mai 2019 bei einem Besuch in Deutschland an diesen besonderen Moment. Wenige Sekunden später sandte Armstrong an Houston die berühmte Mitteilung: „Houston, hier ist Tranquility-Station, der Adler ist gelandet.“ Duke wollte antworten und bekam vor Aufregung den Namen der Mare-Region nicht fehlerfrei zustande. Erst im zweiten Anlauf antwortete er: „Roger, Tranquility“, und weiter, „Wir atmen wieder. Vielen Dank.“

Kurzes Telefonat mit dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon

Dass es im finalen Teil der Landung angesichts des vermeintlich niedrigen Tankstands noch zu einem Abbruch hätte kommen können, hält Duke im Rückblick für unwahrscheinlich: „Wenn ich gesagt hätte – und da bin ich absolut sicher: ‚Eagle, Abbruch!‘, dann wäre mir absolute Stille entgegengeschlagen. Ich hätte wohl die Antwort bekommen: ‚Bitte wiederholen, Houston, ich verstehe Sie nicht richtig.‘ Und dann wäre er gelandet.“ Tatsächlich stellte sich in der späteren Auswertung der Mission heraus, dass die Astronauten doch noch mehr Treibstoff hatten, als angenommen wurde. Angesichts der Bewegung der Flüssigkeit in den Tanks arbeitete die Anzeige nicht zuverlässig. Der verbleibende Treibstoff hätte noch für 45 Sekunden gereicht, inklusive der 20 für einen Abbruch nötigen Sekunden.

Nach der Landung trafen Aldrin und Armstrong zunächst Vorbereitungen für einen sofortigen Wiederaufstieg, der notwendig gewesen wäre, wenn beispielsweise einer der Treibstofftanks beschädigt worden wäre. Innerhalb weniger Minuten gab die Bodenkontrolle aber Entwarnung: Die Eagle hatte die Landung gut überstanden. Der dritte Apollo-Astronaut, Michael Collins, der im Kommandomodul des Raumschiffs Columbia 110Kilometer über der Oberfläche im Mondorbit kreiste, konnte seinen Kollegen um 20.30 Uhr gratulieren: „Tranquility-Station, von hier oben hat es sich großartig angehört. Ihr habt das phantastisch gemacht.“ Armstrong antwortete: „Danke, halte jetzt die Station im Orbit da oben bereit für uns.“

Als Armstrong schließlich sechseinhalb Stunden nach der Landung um 2.56Uhr als erster Mensch den Mond betrat, verfolgten auf der Erde mehr als eine halbe Milliarde Menschen das Ereignis am Bildschirm, viele weitere am Radio. Die knapp zweieinhalb Stunden, die Armstrong und Aldrin auf der Mondoberfläche verbrachten, sahen neben dem Enthüllen einer Gedenkplakette, dem Aufstellen der amerikanischen Flagge und einem kurzen Telefonat mit dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon vor allem die Sammlung von Mondgestein und weitere wissenschaftliche Experimente vor.

„Es gab nie eine Staubwolke“

Dennoch blieb Zeit, den ungewohnten Zauber der Umgebung zu genießen. Armstrong beschrieb später seine Verwunderung angesichts der erdunähnlichen Gegebenheiten: „Ich war überrascht von der vermeintlichen Nähe des Horizonts. Ich war überrascht von der Bewegung des Staubs, den man mit dem Stiefel weggetreten hat, und ich war überrascht, auch wenn das natürlich ganz logisch war, dass Schritte keinen Staub aufwirbelten. Es gab nie eine Staubwolke. Das ist natürlich eine Folge der fehlenden Atmosphäre.“

Aldrin beschrieb seinen ersten Eindruck vom Mond mit den Worten „herrliche Trostlosigkeit“. Dem schlossen sich später einige Astronauten an, die in weiteren fünf Apollo-Missionen auf dem Mond landen würden. Hinsichtlich ihrer historischen Bedeutung konnte keine der weiteren Landungen mit Apollo 11 mithalten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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