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Neuer Investor bei „Abendzeitung“

München strahlt

Von Henning Peitsmeier
 - 14:55

Es ist ein ungleiches Gespann, das jetzt die Geschicke der zahlungsunfähigen Münchner „Abendzeitung“ bestimmt. Hier der niederbayrische Verleger und promovierte Literaturwissenschaftler Martin Balle, da der Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher, der sein Vermögen vor allem mit Immobilienfonds gemacht hat. Beide kennen einander auch erst seit wenigen Wochen, und doch wollen sie sich nun gemeinsam zu den Rettern einer Münchner Institution aufschwingen.

Die „Abendzeitung“ sei eine „wunderbare Zeitung“, sagte Balle; „München leuchtet“, bemühte Boetticher sogleich Thomas Mann. Wie auch immer, Balle und Boetticher haben vom Gläubigerausschuss am Dienstag den Zuschlag für die insolvente Münchner Boulevardzeitung erhalten. Es habe am Ende viele Interessenten gegeben, sagte Insolvenzverwalter Axel Bierbach, das beste Angebot sei das des Straubinger Verlegers mit seinem Partner gewesen. Balle und Boetticher wollen sowohl die gedruckte Zeitung als auch den Internetauftritt der „AZ“ fortführen. Von den rund hundert Beschäftigten dürften jedoch nur zwanzig bis 25 einen neuen Vertrag erhalten. Auch wenn Balle am Dienstag beschwor, dass „Münchner Redakteure aus München berichten“ müssten, so dürfte ein Großteil der neuen „AZ“ demnächst aus Straubinger Produktion stammen – nur das Feuilleton und der Sport sollen Münchner Kolorit behalten.

Balle und Boetticher übernehmen die Markenrechte und den Abonnentenstamm, nicht jedoch die Verbindlichkeiten oder das Anlagevermögen. Über den Kaufpreis sagten sie nichts. Die Zeit für den Verkauf der „AZ“ drängte, das Erscheinen war nur noch bis zum 30. Juni gesichert. Danach wechseln die Mitarbeiter in eine Auffanggesellschaft, und einige wenige erhalten das Angebot, für die neue „AZ“ zu arbeiten, die demnächst im handlicheren Berliner Format erscheinen soll. Balle und Boetticher wollen als „publizistisch gleichberechtigte Herausgeber“ fungieren, das wirtschaftliche Risiko trägt aber überwiegend der niederbayerische Verleger. Er wolle bis Ende Dezember „nichts verlangen“, sagte Balle, lediglich die Kosten für die „AZ“-Herstellung auf den eigenen Druckmaschinen werde er berechnen. Die „Abendzeitung“, bisher von einer eher linksliberalen Leserschaft bevorzugt, solle künftig „liebenswürdigen“ Boulevard machen, „nicht billig und seicht“, sagte Balle, dessen fünfzehn Regional- und Lokalzeitungen wie das „Straubinger Tagblatt“ und die „Landshuter Zeitung“ eher konservativ geprägt sind.

Es ist auf jeden Fall ein gewagtes journalistisches Experiment, für das sich Balle und Boetticher ein Jahr Zeit lassen. Der Wirtschaftsanwalt Boetticher kennt immerhin die Geschichte des publizistischen Scheiterns. Er war Miteigentümer der 2002 eingestellten Zeitung „Die Woche“.

Quelle: FAZ.NET
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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