Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

Lückenhafte Erkenntnisse über das Kindeswohl

Von Susanne Kusicke
22.11.2013
, 20:40
In den Koalitionsverhandlungen noch immer heftig umstritten: das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare
In den Koalitionsverhandlungen wird weiter über das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare gestritten. Die Erfahrungen mit der Vermittlung von Kindern zu gleichgeschlechtlichen Pflegeeltern in Frankfurt jedoch sind gut.

Noch immer streiten Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen darüber, ob gleichgeschlechtliche Paare das Recht erhalten sollen, Kinder zu adoptieren. Das Thema ist ein „ideologoischer Konflikt“, wie Andrea Nahles in der vergangenen Woche nach dem abrupten Ende einer Nachtsitzung der von Manuela Schwesig geführt Koalitionsarbeitsgruppe zur Familienpolitik sagte. Man könnte es auch eine Glaubensfrage nennen.

Die Union beruft sich in ihrer Ablehnung auf das Kindeswohl, hat aber kaum Argumente an der Hand, die eine Beeinträchtigung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Familienkonstellationen eindeutig belegen. Ihr Unbehagen speist sich vor allem aus dem Gedanken, dass Kinder weibliche und männliche Orientierungsmuster brauchen, um sich psychisch ausgewogen entwickeln zu können. Zum anderen zögert man vermutlich auch, Kinder durch eine vollständige Adoption ohne weitere Kontrollmöglichkeiten zu zwei nicht-leiblichen, gleichgeschlechtlichen Elternteilen zu geben.

Zweifel an empirischer Grundlage

Die SPD argumentiert, das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare sei im Sinne der Gleichberechtigung der Homosexuellen überfällig und werde durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ohnehin bald eingeführt. Und sie gibt an, es existiere keine Studie, die Nachteile für die Kinder nachweise.

Diese Argumentation ist allerdings zweischneidig – oder vielmehr lückenhaft. Zwar bescheinigt die bisher einzige bundesweite Studie zu diesem Thema Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sogar mehr Sozialkompetenz und Selbstwertgefühl als Kindern in anderen Familienkonstellationen. Die empirische Grundlage dieser 2009 im Auftrag des Bundesjustizministeriums erstellten Studie wurde jedoch zwei Jahre später vernichtend kritisiert – in einer Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht, das sich damals mit der Sukzessivadoption befasste, also der Adoption eines zuvor schon von einem der Lebenspartner adoptierten Kindes.

Darin schreibt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (dgkjp), Frank Häßler: „Die Studie lässt gar keine generalisierbaren Aussagen über männliche, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu, da diese nur 7,3 Prozent ausmachten.“

„Überwiegende Fremdangaben“ über die Kinder

Kontaktiert worden seien für die von der Soziologin Marina Rupp an der Universität Bamberg erstellte Studie „Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften“ 13.000 Paare. 1059 Eltern seien zu einem Telefoninterview bereit gewesen. 688 der Befragten lebten in eingetragenen Lebenspartnerschaften, darunter 63 Väter. 95 Kinder seien psychologisch untersucht worden; über die Entwicklung der darüber hinaus in der Studie angeführten Kinder wurden die Eltern befragt.

In Häßlers Stellungnahme heißt es dazu: „Die Studie lässt aufgrund der überwiegenden Fremdangaben keine Rückschlüsse auf die subjektiven Wahrnehmungen, Erfahrungen und Störungen der Kinder zu, denn valide Entwicklungsaussagen bedürfen einer Zweipunktmessung bzw. einer gematschten Kontrollgruppe. Die Studie ist für Argumente für vs. gegen die sukzessve Adoption bei Lebenspartnerschaften untauglich. (...) Kindeswohlaspekte sind auch in der vorliegenden zitierten Studie nicht aussagefähig untersucht worden, schon gar nicht bezüglich männlicher Lebenspartnerschaften.“

Mehr Substanzmissbrauch, mehr soziale Störungen

Und Häßler, der an der Universitätsklinik in Rostock die Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter leitet, ging noch einen Schritt weiter: Er machte auf Studien im angelsächsischen Raum aus den Jahren 2009 und 2011 aufmerksam, die festgestellt hätten, „dass homosexuelle Eltern mehr gleichgeschlechtlich orientierte Kinder haben“. Die Rede ist von einem „transgenerationalen Effekt“. Kinder, die mit schwulen Vätern zusammenleben, hätten außerdem „mehr soziale und mehr emotionale Störungen“ und wiesen einen „häufigeren Substanzmissbrauch“ auf.

In seiner Zusammenfassung für das Gericht sieht Häßler dennoch mehr Argumente für als gegen die gemeinsame (sukzessive) Adoption, da dadurch Rechtssicherheit und umfassendere Erb- und Unterhaltsansprüche für das Kind entstünden, welche aus seiner Sicht überwiegen. In diesem Sinne entschied auch das Bundesverfassungsgericht, als es die Sukzessivadoption Anfang dieses Jahres zuließ.

„Vorurteilsfreie Prüfung“ der Pflege-Bewerbungen

Trotzdem wird die Studie der Universität Bamberg von den Befürwortern der Fremdkindadoption durch homosexuelle Paare weiterhin vor allem dann angeführt, wenn es um das Kindeswohl geht. Das gilt auch für die kleine Gruppe von Kindern, die durch die Vermittlung in eine Pflegestelle mit zwei gleichgeschlechtlichen (Pflege)-Eltern leben. Unter den geschätzt 16000 bis 19000 Kindern, die in Deutschland in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, sind das etwa sechs Prozent.

Diese Kinder haben leibliche Eltern, bei denen sie aber – meist nach einer Intervention des Jugendamtes – vorübergehend oder langfristig nicht leben können. In Frankfurt vermittelt beispielsweise die Pflegekinderhilfe im Jugend- und Sozialamt auch in gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die sich bei der Stadt als Pflegeeltern beworben haben. „Wir prüfen diese Bewerbungen vollkommen vorurteilsfrei“, sagt die Leiterin der Pflegekinderhilfe, Christiane Steinwedel. Auch sie beruft sich auf die Bamberger Studie: „Für Kinder ist es völlig egal, ob sie bei gleichgeschlechtlichen Eltern oder bei gemischten Elternpaaren aufwachsen.“

Blick auf die Beziehung, nicht auf den Trauschein

Die Erfahrungen, die die Pflegekinderhilfestelle seit der ersten Vermittlung an ein gleichgeschlechtliches Paar im Jahr 1996 gemacht hat, seien durchweg positiv, mit männlichen ebenso wie mit weiblichen Paaren. „In meinen sechs Jahren hier gab es kein einziges Problem mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren“, sagt Steinwedel. Die Zahl der Bewerbungen steige seit Jahren, der Kinderwunsch in dieser Gruppe sei sehr stark, die Abbrecherquote gering

„Die Paare durchlaufen dasselbe Prüf- und Vorbereitungsprogramm wie alle anderen, vom Führungszeugnis über die Wohnungs- und Einkommensprüfung, bis hin zu den Gesprächen und Berichten über ihre eigene Herkunft und Kindheit, Erziehungsvorstellungen, Bindungsfähigkeit und Krisenbewältigungsstrategien, denen sich hier alle stellen müssen.“ Die Mitarbeiterinnen schauten dabei eher auf die Stabilität der „Eltern“-beziehung als auf den Trauschein. Die Paare müssten sich klarmachen, warum sie diesen Schritt machen wollen, und dass er ihre Beziehung auch verändern könnte.

Ein langwieriger Prozess

Am Ende dieses im Schnitt zehn Monate dauernden, von zwei Mitarbeiterinnen begleiteten Verfahrens steht das Profil einer zukünftigen Pflegefamilie, die nach einer erfolgreichen Vermittlung zweimal im Jahr umfassende Berichte über das Zusammenleben und die Entwicklung des Kindes gibt. Die Pflegefamilien und die leiblichen Eltern, zu denen die Kinder möglichst einmal im Monat Kontakt haben sollen, werden dann nur noch von einer Mitarbeiterin der Pflegestelle betreut, die die Kinder auch ohne die Pflegeeltern regelmäßig kontaktieren soll.

Ein ähnlich engmaschiges Begleitnetz gäbe es im Fall einer vollständigen Adoption allerdings nicht. „Die potentiellen Adoptiveltern werden zwar ähnlich vorbereitet“, sagt Steinwedel. „Aber wenn die Kinder dann adoptiert sind, können wir nur noch unverbindliche Beratungsangebote machen.“

Quelle: F.A.Z.
Susanne Kusicke  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Susanne Kusicke
Redakteurin der Politik.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot