Einwanderer in Oslo

Der norwegische Patient

Von Sebastian Balzter, Oslo
30.07.2011
, 17:42
Der norwegische Kronprinz Haakon am Dienstagabend in einer Osloer Moschee
Der Attentäter malte alles pechschwarz, sprach von „Hölle“ und „muslimischen No-Go-Areas“. Andere sehen 150 Nationalitäten, die friedlich nebeneinander wohnen. Und alle sprechen vom selben Stadtviertel in Oslo. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Ein Besuch in Holmlia.
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Sogar der König braucht in Norwegen einen Fahrschein. Das Schwarzweißfoto von Olav V., der dem Straßenbahnschaffner für die sonntägliche Fahrt hinaus in den Wald am Stadtrand von Oslo einen Zehn-Kronen-Schein entgegenstreckt, ist zum Sinnbild für ein Land und sein Gesellschaftsmodell geworden. „Gleichberechtigung“ heißt das politische Ideal dazu, es ist der Stempel, mit dem die Arbeiterpartei Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat, inzwischen wacht sogar ein eigenes Ministerium darüber. Gleich waren aber schon die Passagiere nicht, die sich im Winter 1973 jenen berühmt gewordenen Straßenbahnwagen mit ihrem König teilten.

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Hinter ihm sitzt ein Mann mit dunkler Haut und schwarzem Haar, er macht sich schmal neben seinem Nachbarn, hat den Blick aber so fest auf die Szene vor sich gerichtet, als gelte es eine Lektion für das Überleben in seiner neuen Heimat zu lernen. Per Zufall wurde er viel später ausfindig gemacht: Muhammad Fayyaz war einer der ersten Einwanderer aus Pakistan in Norwegen.

Fast 40 Jahre danach, im Sommer 2011, wohnen hier gut 30.000 pakistanische Einwanderer der ersten und zweiten Generation, so viele wie aus keinem anderen überwiegend muslimischen Herkunftsstaat. An sie muss Anders Behring Breivik gedacht haben, als er sich auf die Wahnsinnstaten vorbereitete, die vor einer Woche 77 Menschen das Leben gekostet haben. Und er muss an das Ideal von Gleichheit gedacht haben, mit dem Norwegen nun zu kämpfen hat wie mit einem gefährlichen Virus. Eines der Hassobjekte in Breiviks ideologischem Pamphlet ist „Multikulti“, „Oslo Øst“ ein anderes.

Überall werden in Oslo Blumen niedergelegt, auch im Regierungsviertel
Überall werden in Oslo Blumen niedergelegt, auch im Regierungsviertel Bild: ©Helmut Fricke

Denn nirgendwo in Norwegen wohnen so viele Einwanderer wie im Osten der Hauptstadt. Die Vorortbahn in eines der von Breivik als „muslimische No-Go-Areas“ beschriebenen Viertel hält am Hauptbahnhof an Gleis 19. Nur zehn Minuten dauert die Fahrt nach Holmlia, wo mehr als zwei Fünftel der 15.000 Bewohner nicht in Norwegen geboren wurden. Es ist der Stadtteil mit der höchsten Einwandererquote. Die ist hier doppelt so hoch wie in Oslo insgesamt und gut viermal so hoch wie im norwegischen Durchschnitt.

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Eine Stele erinnert an den Mord durch drei Neonazis

Zehn Jahre ist es her, dass die in den Achtzigern auf dem Reißbrett entworfene Siedlung zu trauriger Berühmtheit kam. Von der Bahnstation sind es noch einmal 15 Minuten zu Fuß bis zu dem Parkplatz hinter einem Supermarkt, auf dem Benjamin Hermansen im Januar 2001 von drei jugendlichen Neonazis erstochen wurde. Der dunkelhäutige Sohn eines Ghanaers und einer Norwegerin war gerade erst 15 Jahre alt. Eine Stele erinnert an den Mord, davor liegen Blumen. „Gegen das Vergessen“ steht auf dem Steinblock. „Die Täter haben nur rein zufällig ausgerechnet hier zugeschlagen“, versichert Nadeem Butt, einer der norwegischen Pakistaner. „Sie kamen aus einem anderen Stadtteil.“

Butt trägt den rosenförmigen Anstecker der Arbeiterpartei am Revers seines Sakkos, seine dunklen Haare sind gescheitelt, sein Gesicht ist frisch rasiert. Seit vier Jahren ist er der Ortsvorsteher von Holmlia, seine Biografie könnte in jeder Integrationsbroschüre als Erfolgsbeispiel abgedruckt werden: 1975 zog er aus einer kleinen Stadt bei Islamabad seinem Vater hinterher nach Stavanger. Vier Wochen später stand er zum ersten Mal auf Langlaufski, Schnee hatte er nie zuvor gesehen. Er machte eine Ausbildung zum Schiffsbaumechaniker, betrieb danach einen Lebensmittelladen, dann einen Videoverleih, dann eine Imbissbude. Kurz vor dem Mord an Benjamin Hermansen wurde ihm die Stelle als Chef des Antirassistischen Zentrums in Oslo angeboten, also zog er mit seiner Frau und den drei Kindern nach Holmlia. Jetzt, mit 52 Jahren, kandidiert er für den Stadtrat.

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Keine bröckelnden Betonklötze, sondern rote Ziegelsteinbauten

„Es muss die Hölle sein, dort zu leben“, hat Breivik in einem seiner Interneteinträge über Oslo Øst geschrieben. An einem Sommermorgen aber hat Holmlia mehr von einem skandinavischen Idyll als von einer Hochburg der Kriminalität oder einem sozialen Brennpunkt. Die Wohnblöcke im Zentrum sind keine bröckelnden Betonklötze, sondern maßvolle rote Ziegelsteinbauten mit sieben oder acht Stockwerken. Die zwei Ladenzeilen, das Café und die kleine Außenstelle der Stadtbibliothek atmen zwar noch das Papier der Stadtplaner, die sie hier ihrer Vorstellung von einem komfortablen Dienstleistungsangebot gemäß angeordnet haben. Aber so sehen viele Fußgängerzonen aus, nicht nur in Norwegen.

Eine junge Mutter mit langen blonden Haaren und kurzer Hose schiebt einen teuren Kinderwagen über den Asphalt, umarmt zur Begrüßung eine Frau im farbenprächtigen Sari. Ein paar Schritte weiter liegt ein kleiner Park, die Wiese ist gemäht. Hinter Kiefern steht die Kirche des Stadtteils, in deren Veranstaltungssaal Nadeem Butt vor wenigen Wochen die Hochzeit seiner ältesten Tochter gefeiert hat. Eine Moschee gibt es auch. Sie ist im Souterrain eines Mehrzweckgebäudes untergebracht, direkt neben einer Kneipe. Die Polizeidienststelle von Holmlia ist bis zum Ende des Monats wegen Sommerferien geschlossen.

Manche Häuser haben einen Blick auf den Fjord

Hier leben mehr als 150 Nationalitäten friedlich zusammen“, sagt Butt. „Es gibt keinen besseren Stadtteil in ganz Oslo.“ Die besten Wohnlagen, Reihen- und Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten, haben sogar einen unverbaubaren Blick auf den Fjord mit seinem glitzernden Wasser. Hier sind die meisten Namen auf den Klingelschildern zwar norwegisch, aber so hoch wie im Westen der Stadt sind die Preise nicht. Und auch vor den günstigeren Wohnblöcken brennen die Mülltonnen nicht, sondern sind in sorgsam gestrichenen Holzschuppen verwahrt.

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Die Norweger ließen sich nur zu gerne täuschen von solchen Bildern, wenden Kommentatoren wie der Publizist Stian Bromark ein. „Wir müssen uns jetzt selbst einer Hausdurchsuchung unterziehen“, fordert auch die Wochenzeitung „Morgenbladet“ nach den Attentaten von Oslo und Utøya. So angeknackst ist das Selbstbewusstsein einer Nation, die sich gerne für so friedlich, fortschrittlich und tolerant wie kaum eine andere halten würde. Nur Luxemburg und die Kleinststaaten Monaco und Liechtenstein erwirtschaften in Europa ein höheres Bruttosozialprodukt je Einwohner als Norwegen. Kein anderes Land sorgt so konsequent dafür, dass Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt gleiche Chancen haben.

Die vermeintliche Offenheit - nur Fassade?

Gut zu sein, sei typisch norwegisch, hat die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland einmal gesagt. Liberal hingegen ist das Land seit jeher nur ausschnittsweise: Gleichgeschlechtliche Ehen etwa sind seit langem anerkannt, auf hochprozentige Alkoholika aber hält der Staat ein Monopol. Und die vermeintlich typisch skandinavische Offenheit hält Stian Bromark sogar nur für eine Fassade. „Der Mythos vom schönen Land, in dem alles anders ist, hat uns auf unsere Trachten und unsere Gartenzaunmentalität erst so richtig stolz gemacht.“ Das oberste Gebot in Norwegen sei nicht Vielfalt, sondern nationale Geschlossenheit.

Was wird nun aus dem Vorbild im Norden? Welche Bastarde hat das tief in der Volksseele verwurzelte sozialdemokratische Ideal der Gleichheit geboren, seit es Populisten wie die Frontfiguren der zur zweitstärksten politischen Kraft des Landes avancierten Fortschrittspartei mit ihren Prämissen missbrauchen? Hat der Wohlstand, den das Öl aus dem Grund der Nordsee an Land geschwemmt hat, die Norweger oberflächlich werden lassen im Umgang mit seinen Zuwanderern und mit der Furcht der Einheimischen vor ihnen?

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Nadeem Butt denkt in der Sonne von Holmlia lange nach, dann schüttelt er den Kopf. Das Land gehe mit der Migrationsfrage nicht naiv um, sondern ausgesprochen sachlich. „Kein anderes Volk basiert seine Entscheidungen so sehr auf Fakten wie die Norweger.“

Diese Fakten hütet Lars Østby in seinem hellen Arbeitszimmer unter dem Dach eines denkmalgeschützten Jugendstilbaus in der Innenstadt von Oslo. Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert er für die nationale Statistikbehörde Norwegens demographische Entwicklung. Einwanderungsfragen sind Østbys Spezialgebiet. Sein Vollbart ist grau geworden, seine Stimme klingt mal beflissen, mal besorgt, aber seine Augen blicken unerschütterlich freundlich durch die Brillengläser.

„Unsere Datenqualität ist besser als in den meisten anderen Ländern“, verspricht er. Herkunftsland, Wohnort, Schulerfolg, Erwerbseinkommen - all diese Parameter, anderswo zwecks Datenschutz streng voneinander getrennt, kann Østby für seine Analysen miteinander verknüpfen, weil sie für jeden angemeldeten Einwohner des Landes unter einer elfstelligen Personennummer verbucht werden. „Unser gesegnetes Zentralregister macht es möglich“, sagt er. Er meint es nur halb im Spaß.

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Größte Migrantengruppe kommt aus Polen

Was ist dran an dem Gerede von der schleichenden Islamisierung, vor der nicht nur der Attentäter gewarnt hat, sondern zu Wahlkampfzwecken auch die Fortschrittspartei? Østby zieht aus dem Regal neben seinem Besprechungstisch aus Kiefernholz die Statistische Analyse Nummer 119 mit dem Titel „Zuwanderung und Zuwanderer“, auf Seite 16 steht seine Antwort: Die mit Abstand größte Migrantengruppe stammt aus Polen, danach folgen Schweden und Deutschland. „Seit zehn Jahren geht der Anteil der Zuwanderer aus muslimischen Ländern sogar kontinuierlich zurück.“

Zwischen 100.000 und 190.000 Muslime wohnen nach Østbys Berechnung heute in Norwegen, das sind zwischen zwei und vier Prozent der Bevölkerung. Im Nachbarland Schweden liegt der Anteil doppelt so hoch. Bilden die Muslime Ghettos, in die sich kein Norweger mehr traut? Østby zückt Report 22/2009 über die Lebensumstande in Oslo Øst, fährt mit dem Zeigefinger eine der Tabellen darin ab. „Nirgendwo stellt eine nicht norwegische Bevölkerungsgruppe allein mehr als ein Fünftel der Einwohner.“ Sind die muslimischen Einwanderer besonders kriminell?

Der nächste Report, Nummer 21/2011: Ja, Somalier zum Beispiel werden in Norwegen fast dreimal so häufig wegen eines Verbrechens verurteilt wie der Durchschnitt. Unter ihnen ist aber auch der Anteil junger Männer besonders hoch, die generell eine überdurchschnittliche Kriminalitätsrate vorweisen.

Vor Breiviks Festnahme wurden Muslime angefeindet

Wenn Lars Østbys Daten stimmen, woher kommt dann die Debatte? Wenn Holmlia so lebenswert ist, wie Nadeem Butt es darstellt, warum ist der Stadtteil dann nicht nur in Anders Behring Breiviks Weltbild die Hölle, sondern auch für viele andere Norweger kein Platz zum Wohlfühlen? Die Fortschrittspartei wurde für ihre Kampagne in der jüngsten Parlamentswahl mit fast 23 Prozent der Stimmen belohnt. Jetzt schweigt die Partei, für eine politische Diskussion sei es noch zu früh, lässt ihre Vorsitzende ausrichten. Direkt nach den Anschlägen, vor Breiviks Festnahme, wurden Muslime in Oslo auf der Straße angefeindet, berichten die Zeitungen.

Und der Chef der Initiative „Stopp die Islamisierung Norwegens“, der in einer beschaulichen Kleinstadt mit weißen Holzhäuschen an der von Schären gesäumten Südküste lebt und bald 80 Jahre alt wird, hält Holmlia auch eine Woche nach den Attentaten noch für eine Vorstufe der Banlieue. Hundert neue Mitglieder hätten sich seit vergangenem Freitag angemeldet, berichtet er zufrieden, insgesamt seien es jetzt 3000.

Außerhalb Oslos sind Minarett und Schleier exotisch

Der Statistiker Østby legt die Stirn in Falten. Zwar sei die Zahl der Muslime in Norwegen gering, sagt er, früher aber sei sie noch viel geringer gewesen. Seit 1990 habe sie sich wegen der vielen Flüchtlinge aus Krisenregionen fast verfünffacht. Außerdem wohne die große Mehrheit von ihnen in Oslo; für viele Norweger außerhalb der Hauptstadt sind Minarett und Schleier deshalb immer noch exotisch. Schließlich sei, unabhängig von den statistischen Daten, die allgemeine Aufmerksamkeit für das Thema gestiegen: Unter den Somaliern etwa ist auch die Zahl der nach Ansicht der Gerichte grundlos Angezeigten überdurchschnittlich hoch. „Das sind drei Gründe, die einander verstärken.“

Einfach nur eingebildet, gibt am Ende des Spaziergangs durch Holmlia auch Nadeem Butt zu, seien die Probleme von Oslo Øst nicht. Seit Jahren überschreite der Stadtteil sein Budget, weil so viel Geld für Erziehungshilfen ausgegeben werden müsse. In anderen Vorstädten von Oslo, die trister aussehen als Holmlia, liefern sich Jugendbanden hin und wieder Schießereien. Und Sozialarbeiter berichten von den Schwierigkeiten, die Einwanderer mit einer Mentalität haben, in der nicht die Großfamilie, sondern das Individuum im Vordergrund steht. Wer aus einem Bürgerkriegsstaat geflüchtet sei, fühle sich außerdem in den Verästelungen der norwegischen Bürokratie nicht aufgehoben, sondern verloren. Wo jeder Mensch eine Nummer hat und sogar der König einen Fahrschein braucht, kapitulieren manche von ihnen offenbar lieber gleich.

„Wir werden Norwegen noch besser machen“

Vier Tage nach den Anschlägen lädt die größte muslimische Gemeinde der Hauptstadt zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer ein. In die von zwei Minaretten flankierte Moschee passen rund 700 Menschen, sie drängen sich dicht an dicht. Mit untergeschlagenen Beinen hocken Frauen und Männer, Hell- und Dunkelhaarige, Verschleierte und Unverschleierte auf den dicken Teppichen. Das Sicherheitsaufgebot ist bescheiden, ein Überwachungsstaat will Norwegen nicht werden. Vor der Gebetsnische steht der Imam, sein Norwegisch ist hart, aber seine Worte klingen für die Ehrengäste in der ersten Reihe wie Balsam. „Wir werden zu einem Leben zurückfinden, in dem wir einander helfen, unsere Träume wahrzumachen“, sagt er.

„Und Norwegen, so gut es schon ist, werden wir noch besser machen.“ Neben ihm haben im Schneidersitz der Bischof von Oslo, der Bürgermeister, der Gleichstellungsminister und der Kronprinz Platz genommen. Der Enkel von Olav, dem König aus der Straßenbahn, blickt dankbar hinauf zu dem Redner. Vielleicht sieht so das neue Sinnbild dieses Landes aus, das gerne wieder stolz auf sich sein möchte: Sogar der Kronprinz zieht in Norwegen die Schuhe aus, um in die Moschee zu kommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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