20 Jahre Tiananmen

Ein Tag wie jeder andere

Von Till Fähnders, Peking
02.06.2009
, 10:34
Vor fast 20 Jahren rollten Panzer über den Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Die Demokratiebewegung wurde blutig niedergeschlagen, mehrere hundert Menschen wurden getötet. Doch im chinesischen Internet und in der Presse kommt der Jahrestag nicht vor.
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Vor fast 20 Jahren rollten Panzer über den Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Die Volksbefreiungsarmee schlug die von den Studenten angeführte Demokratiebewegung blutig nieder, mehrere hundert Menschen wurden getötet. Doch im zensierten chinesischen Internet kommt der Jahrestag nicht vor, genauso wenig wie in der staatlichen Presse. Der 4. Juni 1989 (auf Chinesisch nur „liu si“ - „sechs, vier“ genannt) ist für die heutigen Studenten ein Tag wie jeder andere. „Für uns spielt der Tag keine Rolle mehr“, sagt eine Politikstudentin der Volksuniversität in Peking.

Wer bei der Bildersuche der chinesischen Google-Version den Begriff Tiananmen eingibt, findet zunächst nur bunte Bildchen, auf denen das Tor zum Himmlischen Frieden abgebildet ist. Die internationale Version zeigt dagegen Aufnahmen von 1989: als Erstes das berühmte Foto von dem „Tank Man“, der sich mit Einkaufstüten in beiden Händen den Panzern in den Weg stellte. Chinas Bevölkerung, die große Sympathien für die demonstrierenden Studenten hegte, stand damals unter Schock, weil die Führung das Gewehr gegen das eigene Volk gerichtet hatte. Das Ausland war über die Brutalität empört. Doch Chinas Führung verordnete Schweigen.

„Das ist Geschichte“

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„Warum erinnert ihr Ausländer nur immer wieder daran?“, stöhnt die Studentin. „Das ist Geschichte.“ Die in den achtziger Jahren geborenen Chinesen wissen wenig von damals, es sei denn, sie leben im Ausland. Selbst wenn viele die Reaktion der damaligen Führung als zu hart empfinden, wird in der Regel Verständnis geäußert und wenig Kritik. Die junge Generation hat eigene Interessen, will einen lukrativen Beruf annehmen, eine Familie gründen.

Die meisten Chinesen scheinen sich der offiziellen Version der Dinge angeschlossen zu haben. Demnach war der Militäreinsatz notwendig, um die Stabilität Chinas zu sichern und „Chaos“ zu verhindern, wie es später in Osteuropa oder Russland ausgebrochen sei. Das Eingreifen der Armee habe Chinas rasante Entwicklung erst möglich gemacht. Der Schießbefehl war die Voraussetzung für das zweistellige Wirtschaftswachstum, ließe sich diese Logik wohl verkürzt zusammenfassen.

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Dennoch scheint die Führung die Furcht nicht loszulassen, dass sich die Geschichte einmal gegen sie wenden könnte. Denn es gibt auch einige, die die Erinnerung nicht loslässt. Vor ein paar Wochen versammelten sich am Muttertag neunzehn Chinesen an einem unbekannten Ort in Peking. Das Thema ihres geheimen Seminars: „20 Jahre Demokratiebewegung“. Die Teilnehmer waren Intellektuelle wie der frühere Philosophieprofessor Xu Youyu oder der Anwalt Teng Biao. Wenig später erschien ein Protokoll der denkwürdigen Sitzung im Internet. Die Intellektuellen sprachen sich gegen das Vergessen aus. „Wir haben kollektiv für eine so lange Zeit über den 4. Juni geschwiegen, dass wir uns an der Vertuschung dieses Verbrechens praktisch mitschuldig gemacht haben“, zitierte die Dozentin der Filmakademie, Cui Weiping, aus einem Brief, den sie schon vor zehn Jahren an einen Freund geschrieben hatte.

Noch bevor die neunzehn mit der Diskussion begannen, gedachten sie der „Mütter vom Tiananmen“, die damals ihre Kinder verloren haben. Ein loser Zusammenschluss von Frauen und Männern kämpft unter diesem Namen seit Jahren für eine Neubewertung der Demokratiebewegung von 1989. Zu den bekanntesten Kritikern der amtlichen Amnesie gehört auch der 76 Jahre alte Bao Tong. Er war einst Sekretär des damals entmachteten Parteichefs Zhao Ziyang, verbrachte einige Jahre im Gefängnis und lebt seither unter Hausarrest. Berichten nach musste er Peking vor dem Jahrestag verlassen.

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Dissidenten werden ermahnt stillzuhalten

In den vergangenen Tagen haben die Behörden die Einschüchterung der Intellektuellen und ihre Überwachung noch einmal verstärkt. Um mögliche Proteste zu verhindern, klopfen jedes Jahr Polizisten vor dem 4. Juni an die Haustüren der Dissidenten, ermahnen sie, stillzuhalten. Am Tiananmen-Platz stehen Zivilpolizisten. Die Staatsmacht ist wachsam, denn an Herausforderungen der auf Stabilität bedachten Führung fehlt es nicht. Landesweit kommt es jedes Jahr zu Zehntausenden Protesten und „Zwischenfällen mit Massenbeteiligung“. Im vergangenen Jahr erschien die „Charta 08“, in der mehr als 300 Intellektuelle eine Demokratisierung in China und eine Achtung der Menschenrechte forderten. Sie wurde mittlerweile von mehr als 8000 Menschen unterzeichnet.

Der Militäreinsatz vor 20 Jahren war eine politische Richtungsentscheidung, die nach Jahren der Vertuschung nun von der Mehrheit der Bevölkerung offenbar mitgetragen wird. Im Angesicht der Demonstranten stand die Führung damals vor der Frage, ob sie neben der wirtschaftlichen Öffnung auch einen politischen Systemwandel erlauben sollte. In der Parteiführung gab es unterschiedliche Auffassungen. Durch die wochenlangen Demonstrationen der Studenten, die auch Unterstützung im Volk fanden, wurde die Führung in die Enge getrieben. Innerhalb der Partei brach der Machtkampf aus. Die Scharfmacher um Ministerpräsident Li Peng setzten sich gegen die Reformer um Parteichef Zhao Ziyang durch. Unter dem greisen Machthaber Deng Xiaoping entschied sich die Kommunistische Partei schließlich, ihre Macht zu verteidigen, zur Not mit allen verfügbaren Mitteln.

Dieses Prinzip gilt auch heute noch. Insofern ist der von der Führung verschwiegene 4. Juni 1989 vielleicht ebenso ein Gründungstag des modernen China wie der 1. Oktober 1949, dessen 60. Jahrestag die Volksrepublik in diesem Jahr feiern wird - mit der wohl größten Militärparade ihrer Geschichte.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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