Abgetauchter Soldat in Belgien

Ist die Flucht Teil der Inszenierung?

Von Thomas Gutschker, Brüssel
25.05.2021
, 11:48
Polizeiabsperrung in Kempen am vergangenen Donnerstag
Der abgetauchte Soldat in Belgien wird nun als Terrorist gesucht. Die zuständige Ministerin macht ihre Vorgänger „für das Chaos“ verantwortlich.

Vor einer Woche verließ ein belgischer Berufssoldat schwer bewaffnet seinen Stützpunkt in der Provinz Limburg, nahe der Grenze zu den Niederlanden und zu Deutschland. Seitdem fehlt von dem 46 Jahre alten Jürgen Conings, der „das Regime und die Virologen angreifen“ will, jede Spur. Inzwischen wurde er von Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Die belgische Staatsanwaltschaft hat einen Haftbefehl wegen „Mordversuchs und verbotenem Waffenbesitz in einem terroristischen Kontext“ gegen ihn ausgestellt.

Für die Ermittler steht fest, dass der Mann am Montagabend dem Virologen Marc Van Ranst in der Nähe von Löwen aufgelauert hatte, bevor er verschwand. Der angesehene Wissenschaftler und seine Familie wurden in Sicherheit gebracht. Der Fall hält das Land weiter in Atem, zumal immer mehr haarsträubende Details bekannt werden.

Vier Tage lang haben bis zu 250 Polizisten und 150 Soldaten den Nationalpark Hoge Kempen durchkämmt, auch Kräfte der Bundespolizei nahmen daran teil. Der Mann war in dem schwer zugänglichen Gelände vermutet worden, wo er schon Überlebenstraining angeboten hatte. Sein Wohnort ist in der Nähe, auch sein Auto wurde dort am vorigen Dienstag gefunden.

Gefährder mit Zugang zur Waffenkammer

Wie die Staatsanwaltschaft bestätigte, war das Fahrzeug von Conings mit einer Handgranate präpariert worden. Fachleute entschärften den Sprengsatz und fanden im Wagen vier Panzerfäuste, Munition und eine Zugangskarte für die Waffenkammer. Wie mehrere Medien berichteten, hatte Conings als Schießausbilder freien Zugang zu dem Depot. Ein Videoüberwachungssystem sei seit Langem defekt gewesen, weshalb Aufnahmen nicht gespeichert worden seien. Von dort entwendete der Soldat auch eine Maschinenpistole und eine halbautomatische Pistole, die noch in seinem Besitz sein sollen.

Dies alles geschah, obwohl die belgische Armee den Berufssoldaten seit 2019 wegen seiner Nähe zu Rechtsextremisten beobachten ließ. Nachdem er sich auf Facebook rassistisch geäußert und Drohungen ausgestoßen hatte, wurde ihm zwar die Sicherheitsfreigabe entzogen, nicht aber der Waffenschein. Seit Mitte Februar dieses Jahres wurde Conings vom Terror-Abwehrzentrum der Regierung obendrein als „sehr ernster“ Gefährder geführt, von dem eine „unmittelbare Bedrohung“ ausgehe. Gleichwohl traf die Armee keinerlei Vorsorge, was das Verteidigungsministerium nun untersuchen lässt.

Der oberste Militär des Landes, Admiral Michel Hofman, verwies darauf, dass man nicht genug Personal habe, um Soldaten regelmäßig zu überprüfen. Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder kündigte einen härteren Kurs an. Elf weitere Soldaten, die wegen rechtsextremistischer Bestrebungen beobachtet werden, verloren daraufhin den Zugang zu Waffen und sicherheitsrelevanten Informationen. Rücktrittsforderungen gegen sie selbst wies die wallonische Sozialistin zurück. Stattdessen machte sie ihre Vorgänger „für das Chaos“ verantwortlich, das sie im vorigen Oktober geerbt habe.

Die Polizei durchsuchte am Wochenende mehrere Wohnungen nach Hinweisen auf Conings. Generalbundesanwalt Frédéric Van Leeuw forderte Conings am Sonntagabend auf, „sich an jemanden zu wenden, dem er vertraut“. Bisher habe es keine Verletzten gegeben, es sei keine Gewalt angewendet worden, „und das ist eine sehr gute Sache“, sagte er im flämischen Fernsehen. Die Bevölkerung solle Ruhe bewahren. Doch führten gleich darauf neue Meldungen zu neuer Unruhe. Die Polizei sperrte den Brüsseler Nordbahnhof für anderthalb Stunden, weil ein Zeuge Conings dort gesehen haben wollte.

Nach Ansicht von Fachleuten spricht viel dafür, dass Conings sein Verschwinden im Voraus geplant hat und seine Verfolgung als Teil einer Inszenierung betrachtet. So legte er am vorigen Dienstag die militärischen Auszeichnungen, die er für seine Auslandseinsätze erhalten hatte, am Grab seiner Eltern nieder. Außerdem verfasste er gleich drei „Abschiedsbriefe“. Dass ihn einige Medien als „belgischen Rambo“ bezeichneten, dürfte ihm zupass kommen. Auf Facebook wurde inzwischen ein Unterstützer-Konto für ihn eröffnet, es hatte am Montag mehr als 43.000 Mitglieder. Dort wurde auch zu einem Schweigemarsch aufgerufen, dem sich am Freitag 120 Personen in Maasmechelen anschlossen. Unter den Teilnehmern wurden mehrere Soldaten gesichtet, meldeten örtliche Medien.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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