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Abschied aus Brüssel

Wie Jacques Chirac einst Jean-Claude Juncker abhörte

Von Thomas Gutschker, Brüssel
Aktualisiert am 29.11.2019
 - 17:57
Jean Claude Juncker
Drei Jahrzehnte lang bespielte Jean-Claude Juncker die europäische Bühne. Nun tritt der Luxemburger ab – und offenbart zum Schluss noch eine abenteuerliche Geschichte.

Jean-Claude Juncker ist eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten. Am Freitag, seinem letzten Arbeitstag als EU-Kommissionspräsident, gab er noch eine pikante Geschichte preis. Sie stammte aus dem Jahr 1997, Juncker war Premierminister in Luxemburg und hatte einen Termin in Paris. Nachts um zwei bekam er plötzlich einen Anruf in seinem Hotel: Bill Clinton war am Apparat, er wollte über Airbus und Boeing reden. Juncker wunderte sich: Woher wusste der amerikanische Präsident die Nummer seines Zimmertelefons, zumal er in letzter Minute das Hotel gewechselt hatte? Noch mehr aber wunderte er sich, als er am nächsten Tag Jacques Chirac traf. Der begrüßte ihn mit den Worten: „So wie du Clinton geantwortet hast, sollen Europäer immer mit Amerikanern sprechen!“ Spätestens da wusste Juncker, dass er bei vertraulichen Telefonaten viele ungebetene Zuhörer hatte.

Als Juncker das bei seinem letzten Auftritt im Pressesaal der Kommission erzählte, bemerkten aufmerksame Zuhörer noch etwas. Der Präsident hatte den Insider-Newsletter von „Politico“ an diesem Tag nicht selbst geschrieben, obwohl er unter seinem Namen veröffentlicht worden war. Denn dort war die Anekdote komplett anders wiedergegeben worden – es war eine schöne Erinnerung an den Stille-Post-Effekt, der regelmäßig eintritt, wenn Sprecher reden und nicht die Politiker selbst. Brüsseler Korrespondenten haben sich in den vergangenen fünf Jahren oft beklagt, dass Juncker sich so selten im Mittags-Briefing blicken ließ. Immerhin, zum Abschied tat er ihnen den Gefallen – und wurde mit Beifall begrüßt.

Wo er künftig leben werde? „Anderswo“

Viel mitteilen wollte er freilich nicht an diesem Tag, mit dem dreißig Jahre zu Ende gingen, die der Luxemburger auf europäischer Bühne verbracht hat: als Finanz- und Premierminister von Luxemburg, als Vorsitzender der Eurogruppe und zuletzt als Präsident der Kommission. Wo er künftig leben werde? „Anderswo.“ Einen Rat für seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen? „Keinen.“ Was er über den Verfall der Rechtsstaatlichkeit in einigen Mitgliedstaaten denke? „Ich bin hochgradig besorgt.“

Der große Abschied ist Juncker verwehrt geblieben. Vor zwei Wochen musste er sich einer Operation wegen eines Aneurysmas unterziehen. Sein Stellvertreter Frans Timmermans führte derweil die Geschäfte – für den Niederländer ein kurzes Intermezzo, bevor er sich nun wieder hinter von der Leyen einreihen muss. Juncker, der in wenigen Tagen 65 Jahre alt wird, wirkte am Freitag gut erholt. In den fünf Jahren machte ihm seine Gesundheit immer wieder zu schaffen. Mal waren es Nierensteine, dann Ischias-Probleme. Das war auch der Grund, warum er sich früh entschied, es bei einer Amtszeit zu belassen. Einer, der die gesamte Zeit mit dem Präsidenten zusammenarbeitete, sagte dieser Tage, Juncker sei ein guter Präsident gewesen, aber zehn Jahre zu spät nach Brüssel gekommen. Tatsächlich hätte er schon 2004 Kommissionspräsident werden können – damals wollte er aber in Luxemburg bleiben.

Oft hat Juncker gesagt, die Einzigen, die den Maastricht-Vertrag von 1992 überlebt hätten, seien der Euro und er selbst gewesen. Da passte es gut, dass am Freitag eine neue Umfrage des Eurobarometers veröffentlicht wurde. Demnach glauben 76 Prozent der befragten EU-Bürger, dass der Euro gut für die Eurozone ist; 65 Prozent halten ihn für gut für ihr eigenes Land. Das waren die höchsten Werte, seit die Gemeinschaftswährung 2002 eingeführt wurde. Für Juncker war es ein schönes Abschiedsgeschenk. Seine von Krisen geprägte Amtszeit begann mit der Weigerung der neuen griechischen Linksregierung, sich an die Sparauflagen der internationalen Geldgeber zu halten. Um ein Haar wäre Griechenland aus der Eurozone gefallen. Juncker stemmte sich mit aller Macht dagegen. Er setzte sich durch – im Rückblick sein größter Erfolg.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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