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Ägypten

Schlacht im Stadion

Von Rainer Hermann
 - 18:06
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Immer, wenn sich die Fußballmannschaften von Port Said und Ahly aus Kairo gegenüberstehen, droht die Spannung in rohe Gewalt umzuschlagen. Die Anhänger beider Clubs sind für ihre Aggressivität bekannt. Dass Port Said ohnehin ein gefährlicher Ort ist, haben im 20. Jahrhundert die britischen Besatzer leidvoll erfahren, und vor dem Sturz von Husni Mubarak war es in der vernachlässigten Hafenstadt am Suezkanal immer wieder zu heftigsten Auseinandersetzungen gekommen. Ahly war wiederum der Fußballverein der arabischen Nationalisten, die ebenfalls den britischen Besatzern die Stirn boten - wobei der Umstand, dass die beiden Vereine einen gemeinsamen Feind hatten, ihre Anhänger einander nicht näher gebracht hat.

Am Dienstagabend hatte Port Said dem Gegner aus Kairo die erste Niederlage seit dem November 2010 zugefügt. Nach dem Abpfiff strömten die Anhänger von Port Said auf den Platz, verprügelten erst die Spieler aus Kairo und nahmen sich dann deren Anhänger auf den Tribünen vor. Nach weniger als einer Stunde lagen im Stadion mindestens 71 Tote, 300 Personen wurden verletzt. Er habe an mehreren Kriegen teilgenommen, sagte der Abgeordnete Badri Farghali aus Port Said einem Fernsehsender - aber so viele Tote habe er nirgends an einem Ort gesehen. Der Vereinsarzt von Ahly, Ehab Ali, sprach sogar von einem „geplanten Krieg“.

„Beabsichtigte Feindseligkeit“

Dabei war es zunächst ein fast normales Fußballspiel. Vor dem Anpfiff hatte die Stadionleinwand ein Bild des früheren Ahly-Spielers Mahmoud al Chatib gezeigt, des ägyptischen Pelé, der in Deutschland wegen eines Gehirntumors operiert wurde. Zur Halbzeit lagen die Gäste wie erwartet vorn, und die für ihre obszönen Beleidigungen bekannten Ultras von Ahly verhöhnten den Gegner in lauten Gesängen und auf Spruchbändern als „impotent“. Das Spiel wurde für einige Zeit unterbrochen. Doch dann lag Port Said plötzlich mit 3:1 vorn, Ahly spielte nur noch mit zehn Mann, und nach dem Abpfiff kam es zum Inferno.

Erst flogen Feuerwerkskörper, dann Steine und Flaschen. Die Ultras zogen ihre Messer, schlugen mit Eisenstangen zu. Die Spieler aus Kairo und einige ihrer Fans retteten sich in die Kabinen, wo sie verarztet wurden. Die meisten, die später tot im Stadion lagen, wiesen Wunden am Kopf auf. Muhammad Abu Trika, Ahlys großer Star, warf als erster der Polizei vor, untätig zugeschaut zu haben. Das Innenministerium reagierte prompt und versicherte, man habe für genügend Sicherheit gesorgt, sei aber von der „beabsichtigten Feindseligkeit“ überwältigt worden.

Männlich, jung, arbeitslos und wütend

Mehr und mehr Ungereimtheiten kamen in den folgenden Stunden zutage. Als Zufall kann noch abgetan werden, dass erstmals bei diesem Fußball-Klassiker weder der Gouverneur der Provinz noch ihr Polizeichef auf der Tribüne saßen. Die Polizei hatte aber an dem Abend darauf verzichtet, die Zuschauer beim Einlass auf Messer und Eisenstangen abzutasten, es waren weniger Polizisten als bei vergleichbaren Spielen um den Rasen postiert, und sie bildeten auf der Tribüne keinen Riegel zwischen den Ultras beider Mannschaften. Der Chef der Ultras von Port Said gab zudem zu Protokoll, er sei von „Kriminellen“ aufgefordert worden, sich an der Entführung von Spielern von Ahly zu beteiligen, um die Regierung erpressen zu können.

Zunächst war die Schlacht im Stadion eine Auseinandersetzung zwischen den Ultras der beiden Vereine - sie sind männlich, jung, arbeitslos und wütend. Die Ultras bekämpfen nicht nur die Anhänger des Gegners, sondern auch die Polizei und den Staat. Seit mehr als vier Jahren tragen sie gegen die ebenfalls für ihre Brutalität bekannte ägyptische Polizei, die sie als Vertreter des verhassten Staats wahrnehmen, Rachefeldzüge aus. Woche für Woche hatten sich vor Mubaraks Sturz die Ultras mit der Polizei Schlachten geliefert. Das Stadion wurde dabei - neben der Moschee - zum wichtigsten Ort, um die Abneigung gegen den Staat auszudrücken.

Auch in der Revolution Anfang vorigen Jahres spielten die Ultras eine wichtige Rolle: Ohne den Schutzwall der abgehärteten Ultras wären die zartbesaiteten Facebook-Benutzer auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen die Sicherheitskräfte rasch am Ende gewesen. Seit Mubaraks Sturz hat sich für die Ultras aber nichts verbessert, und sie skandieren in jedem Spiel weiter Rufe gegen den Hohen Militärrat und dessen Vorsitzenden, General Hussein Tantawi, was von den Fernsehsendern an jedem Spieltag direkt in alle ägyptischen Haushalte übertragen wird.

„Ultras vom Tahrir-Platz“

In der Nacht zum Donnerstag schrieben die „Ultras vom Tahrir-Platz“ auf ihrer Facebook-Seite: „Wir wollen deinen Kopf, du Verräter Tantawi!“ Der Feldmarschall und das Regime stelle sie vor die Wahl, für die Freiheit zu kämpfen oder für die Teilnahme an der Revolution hingerichtet zu werden, schrieben sie. Dieses Massaker sei inszeniert worden, um sie zu diskreditieren. In den „Ultras vom Tahrir-Platz“ organisieren sich vor allem die Anhänger von Ahly und dessen Erzrivalen Zamalek - erst auf dem Tahrir-Platz haben sie die Solidarität miteinander entdeckt.

Als die Ultras von Zamalek am Dienstag während des Spiels ihrer Mannschaft gegen Ismailiya von den Ereignissen in Port Said hörten, zündeten sie in der Pause aus Protest ihre Flaggen an und verließen das Stadion. Erst hieß es, ein Kurzschluss habe zum Brand einer Tribüne des Stadions geführt. Dann soll es ein Feuerwerkskörper gewesen sein. Vielleicht war es auch Brandstiftung.

„Anschlag gegen den Übergang in eine Demokratie“

Zur gleichen Zeit ordnete Tantawi an, dass Hubschrauber und Militärflugzeuge die verletzten und überlebenden Fußballspieler und -fans aus Port Said zurückbringen sollten. Soldaten wurden in Port Said postiert, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Tantawi rief beim Fernsehsender von Ahly an und versprach, die Schuldigen zu bestrafen, fuhr selbst zum Flughafen, um die Rückkehrer zu empfangen. Wenig später traf in Kairo ein Zug mit zurückkehrenden Anhängern ein. Da skandierten Tausende: „Das Volk will die Hinrichtung des Feldmarschalls!“

Vor dem Jahrestag des Beginns der Erhebung am 25. Januar hatte Tantawi den Ausnahmezustand teilweise aufgehoben. Am Montag dieser Woche forderte jedoch sein Innenminister, Muhammad Ibrahim, das Parlament auf, den Ausnahmezustand neuerlich zu verhängen. Am Dienstag wurden in Kairo am helllichten Tag drei Banken ausgeraubt, am Mittwoch fand dann in Port Said die Schlacht im Stadion statt.

Der Grund für diese Tragödie, wetterte der stellvertretende Vorsitzende der Partei der Muslimbrüder, Issam al Eryan, seien die absichtliche Vernachlässigung und die Abwesenheit von Militär und Polizei. Er unterstellte den Sicherheitskräften, einen „Anschlag gegen den Übergang in eine Demokratie“ zu verüben und Rache zu nehmen. Viele - so auch die „Bewegung des 6. April“, die den Kern der Revolutionäre stellt - vermuten, das Militär habe die Tragödie von Port Said inszeniert; es werde versuchen, das Sicherheitsvakuum zu füllen und die Macht zu behalten.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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