Konflikt in Äthiopien

Wie Abiy Ahmed vom Vermittler zum Kriegsherrn wurde

Von Christian Meier
25.11.2020
, 12:24
Die Militärkampagne, die Abiy Ahmed gegen die Regionalregierung in Tigray führt, bedroht die Stabilität Äthiopiens und ganz Ostafrikas. Dabei wollte der Ministerpräsident die Konflikte zwischen den Volksgruppen beilegen.

Betrachtet man sein Leben, so wirkt Abiy Ahmed eigentlich wie geschaffen dafür, die Konflikte zwischen den verschiedenen Volksgruppen in Äthiopien zu schlichten – so wie er Brücken zum verfeindeten Nachbarn Eritrea baute, wofür er 2019 den Friedensnobelpreis erhielt. Stattdessen ist der Ministerpräsident des ostafrikanischen Landes in den vergangenen Wochen zum kompromisslosen Kriegsherrn geworden – im eigenen Land.

Die Militärkampagne in der Region Tigray gegen die dort herrschende TPLF-Partei, die Abiy sich seit dem Amtsantritt im April 2018 zum Feind gemacht hat, bedroht die Stabilität nicht nur Äthiopiens. Und auch Abiys Ruf als junger Reformer und Friedensstifter nimmt immer größeren Schaden, je länger die Kämpfe dauern, je mehr Tote und Flüchtlinge es gibt und je mehr Unruhe.

Abiy Ahmed wurde 1976 in einem kleinen Ort in der Provinz Oromia als jüngstes von 13 Kindern eines Bauern geboren. Sein Vater ist Muslim, seine Mutter Christin. In Abiy wurde zum ersten Mal ein Angehöriger der größten ethnischen Gruppe des Landes Regierungschef. Unter den Oromo gab es ebenso wie unter den Amharen seit langem Unzufriedenheit, weil das Land seit dem Ende der Diktatur Mengistu Haile Mariams 1991 von Angehörigen einer viel kleineren Volksgruppe, den Tigray, regiert wurde. Deren TPLF dominierte die Regierungskoalition.

Als junger Soldat im Krieg gegen Eritrea

Unter Abiy änderte sich das. So rasch er das Land politisch öffnete, politische Gefangene freiließ, Exilierte zurückkehren ließ, so schnell entfremdeten er und die TPLF sich voneinander. Zugleich wuchsen die lange Zeit unterdrückten Spannungen innerhalb Äthiopiens, eines Landes mit mehr als hundert Ethnien. Schon im Juni 2018 gab es einen Anschlag auf Abiy während einer Kundgebung und ein Jahr darauf einen Putschversuch. Dabei hatte er sich zum Ziel gesetzt, dem äthiopischen Staat eine neue politisch-gesellschaftliche Grundlage zu geben: eine, die nicht auf ethnischen Identitäten beruht. Abiy spricht von „Medemer“ – das amharische Wort, das auch der Titel eines Buches von ihm ist, steht für „Synergie“ oder „Einheit in Diversität“.

International wurde vor allem Abiys Reform- und Friedenspolitik wahrgenommen. In seiner Nobelpreisrede begründete der damals 43 Jahre alte Politiker diese eindrücklich mit seinen Erfahrungen als junger Soldat in dem blutigen Grenzkrieg gegen Eritrea von 1998 bis 2000. In der Armee wurde er als Fernmeldetechniker ausgebildet; dort lernte er auch seine Frau kennen, mit der er vier Kinder hat. Als Teil der äthiopischen Blauhelmtruppen war Abiy 1995 in Ruanda. Später soll er bei interreligiösen Konflikten in Oromia vermittelt haben; das machte er auch zum Thema seiner Doktorarbeit.

Für das Militär wirkte Abiy am Aufbau einer Behörde zur Überwachung der Telekommunikation mit. 2010 wechselte er in die Politik, wurde Parlamentsabgeordneter für eine Oromo-Partei und 2015 kurzzeitig Wissenschaftsminister. Seine politische Karriere gründete vor allem auf seinen Fähigkeiten als Vermittler – jedenfalls bis jetzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meier, Christian
Christian Meier
Redakteur in der Politik.
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