Eine Stadt in Angst

Text von CHRISTIAN MEIER
Fotos von DANIEL PILAR

25. Juli 2021 · Die Taliban stehen vor Kabul. Viele Einwohner der afghanischen Hauptstadt sind verzweifelt und fragen sich, ob sie fliehen sollen. Ein paar junge Frauen wollen kämpfen.

Die Kämpferinnen stehen an die Hauswand gedrängt, die Waffen schussbereit. Kurzes Durchatmen, dann geht es um die Ecke. Noch zwei Meter bis zu der Tür. Sie nehmen Position ein, sichern alle Richtungen, die Gewehre im Anschlag. Die erste stößt die Tür auf und geht hinein, die anderen vier folgen ihr. Sie verteilen sich in dem fast leeren Raum. Auf einmal springt eine vermummte Gestalt hinter einem Sessel hervor und ruft laut „Allahu akbar!“ Die erste Frau schreit auf, dann brechen alle in lautes Gekicher aus.

Auch Azizullah lacht, ihr Trainer, der unerwartet als islamistischer Militanter posiert hat. Auf so etwas müsst ihr gefasst sein, bedeutet er ihnen dann. Noch etwas außer Atem gehen sie zurück zu den anderen Frauen, die draußen in Reih und Glied stehen und darauf warten, dass sie an der Reihe sind. Die nächste Gruppe ist schon weniger überrumpelt, entschlossen nehmen sie den Angreifer ins Visier, als er wiederauftaucht, diesmal hinter einem anderen Möbelstück.

Militärisches Training für Frauen der Hazara-Gemeinschaft, um sich gegebenenfalls gegen einen Angiff der Taliban verteidigen zu können.
Militärisches Training für Frauen der Hazara-Gemeinschaft, um sich gegebenenfalls gegen einen Angiff der Taliban verteidigen zu können.

Gut ein Dutzend junge Frauen haben sich an einem Spätnachmittag auf dem Dach eines Hauses im Westen von Kabul versammelt. Die meisten sind um die zwanzig Jahre alt. Unter dem Flecktarn, in den sie gesteckt wurden, blitzen bunte Armbanduhren hervor, sie tragen Sneakers, Ballerinas oder Schuhe mit Absätzen. Seit etwa zwei Wochen nehmen sie an dem Training teil, zweimal pro Woche eine Stunde. Mit dem Auseinanderbauen und Zusammensetzen der Gewehre haben manche noch etwas Mühe, und eine kann nicht mal richtig zielen. Die Kalaschnikow ist zu lang für ihre Arme. Aber Azizullah lobt die Teilnehmerinnen: „Sie sind sehr ambitioniert und wollen stark sein.“ Er selbst war bei den Spezialkräften der afghanischen Armee. Heute leitet er den Personenschutz für einen Parlamentsabgeordneten, der auch das Training organisiert hat. Stolz sei er, sagt Azizullah, „denn ich bringe diesen Frauen bei, dem Volk und dem Land zu dienen und ihre Heimat zu verteidigen“.

„Wir wollen das bisschen Freiheit nicht verlieren, das wir haben", sagt eine der jungen Frauen aus Kabul.

Was wie ein etwas merkwürdiger Zeitvertreib aussieht, ist für die jungen Frauen alles andere als ein Spiel. Kabul war in den vergangenen Jahrzehnten nie ein sicherer Ort, doch jetzt ist mit dem Abzug der ausländischen Truppen eine Machtübernahme durch die Taliban auch in der Hauptstadt wieder zu einem realistischen Szenario geworden. Die Frauen sehen es als Bedrohung. „Meine Familie erinnert sich daran, wie es damals war“, erzählt Marukha. Die 21-Jährige meint die bedrückende Taliban-Herrschaft in Kabul von 1996 bis 2001. „Sie wollen das nicht noch einmal erleben.“ Daher müsse sie sich jetzt vorbereiten, sagt Marukha. Die anderen berichten Ähnliches, sprechen von den „dunklen Tagen“, von denen sie in Büchern lesen und von denen ihre Lehrer erzählen. Sie sind Studentinnen oder Schulabsolventinnen und reden davon, dass es eine „Pflicht“ für sie sei, sich jetzt im Umgang mit Waffen zu üben, damit sie im Ernstfall sich selbst und ihre Familien verteidigen können. Für Frauen sei das besonders wichtig, sagt die 18 Jahre alte Shegofa, denn: „Wir wollen das bisschen Freiheit nicht verlieren, das wir haben.“

Wer dieser Tage Kabul besucht, erlebt eine Gesellschaft, die unter großer Anspannung steht. An der Oberfläche ist es vielerorts ruhig. Die mysteriösen Morde an zahlreichen Vertretern von Staat und Zivilgesellschaft, die die Bewohner Kabuls und anderer großer Städte seit dem Herbst in Panik versetzt hatten, scheinen weniger geworden zu sein. In den vergangenen Tagen wurde das Opferfest gefeiert, da hielten die Taliban eine inoffizielle Waffenruhe.

Zum Opferfest besuchen viele Afghanen Friedhöfe.

„Wir wollen das bisschen Freiheit nicht verlieren, das wir haben.“
SHEGOFA

Trotzdem blickt kaum jemand zuversichtlich in die Zukunft. Man trifft Leute, die ihre Unruhe mal besser, mal schlechter verbergen können. Viele sind fassungslos angesichts der Entscheidung der Amerikaner und ihrer Verbündeten, das Land überstürzt zu verlassen und – so sehen es die meisten – schutzlos den Taliban zu überlassen. Der frühere Präsident Hamid Karzai nannte den Abzug in einem Interview mit der F.A.Z. „verantwortungslos“. Sein Nachfolger, Aschraf Ghani, macht dagegen seit Wochen gute Miene zum bösen Spiel und spricht von einer „Gelegenheit“ für Afghanistan, „wirkliche Souveränität“ zu erreichen.

Angespannte Ruhe: In Kabul herrscht Unsicherheit angesichts des Vormarschs der Taliban.
Angespannte Ruhe: In Kabul herrscht Unsicherheit angesichts des Vormarschs der Taliban.

Ghani gilt als abgehoben und die Regierung als gleichermaßen korrupt wie ineffizient. Hinter den Kulissen werden Machtkämpfe ausgefochten. Bei den Leuten haben derweil Verschwörungstheorien Hochkonjunktur: Woher haben die Taliban all die guten Waffen? Sie verfügen über Drohnen, oder nicht? Wie kam es, dass ihnen so viele Orte kampflos übergeben wurden? Wer steht hinter ihnen? Auch wenn es eher in die Kategorie Kriegspropaganda fallen dürfte, dass die Taliban sagen, sie hätten 85 Prozent des Landes unter Kontrolle, steht fest, dass die Islamisten der Regierung seit dem Frühjahr überraschend große Teile Afghanistans entrissen haben. Auf dem Papier sind Armee und Polizei immer noch stärker und besser ausgerüstet. Aber die Islamisten haben ganz offensichtlich das psychologische Momentum auf ihrer Seite.

Afghanistan steht auf der Kippe. Unter Beobachtern in Kabul heißt es, die nächsten Wochen könnten entscheidend sein, auch für das weitere Schicksal Ghanis. Gibt es eine Bewegung zum Widerstand, gelingt es dem Präsidenten und der Armee, in die Offensive zu gehen und Gebiete zurückzuerobern? Falls das nicht geschieht und die Taliban ihre Herrschaft über die neu eroberten Distrikte und die Verkehrswege konsolidieren, hätte die Regierung irgendwann nur noch isolierte Inseln unter ihrer Kontrolle – einige Regionen im Zentrum des Landes und die großen Städte.

F.A.Z.-Karte-sie.

Die größte Insel wäre dann die Fünf-Millionen-Stadt Kabul. Das Gefühl des Belagerungszustands hat die Bewohner schon jetzt erfasst. An einem großen Checkpoint im Westen der Stadt, an der Straße nach Ghazni und Kandahar, sagt der Kommandeur, bis ins 30 Kilometer entfernte Maidan Shahr sei die Straße sicher. Hinter der Hauptstadt der Provinz Maidan Wardak herrschten jedoch die Taliban. Ein Straßenabschnitt werde „Todesstraße“ genannt wegen der häufigen Zugriffe der Aufständischen. „Wenn du zur Armee oder zur Polizei gehörst oder für die Regierung arbeitest, schneiden sie dir den Kopf ab.“ Aber auch nahe dem Checkpoint komme es praktisch jede Nacht zu Gefechten, berichten andere Soldaten und ein Bewohner eines nahe gelegenen Dorfes. Der Kommandant, der angehalten ist, sich gegenüber Journalisten nicht negativ zu äußern, bestätigt das indirekt: Er sehe die Angriffe und Infiltrationsversuche der Taliban vor allem als psychologisches Instrument. Sie wollten zeigen, wie nahe sie der Hauptstadt sind.

Sicherheitskräfte kontrollieren an den Checkpoints in die Stadt kommende Waren.
Sicherheitskräfte kontrollieren an den Checkpoints in die Stadt kommende Waren.

„Sie herrschen durch Terror“, sagt ein Kabuler, der im Bildungsbereich arbeitet und nicht namentlich genannt werden möchte. Dass die Taliban moderater geworden seien, sei ein Märchen. Es sei die gleiche Barbarei wie früher, sagt er und verweist auf die Berichte, die es nach den jüngsten Eroberungen gab. So sollen die Taliban in einigen Gebieten in der nördlichen Provinz Balkh angeordnet haben, dass Frauen nur noch in Begleitung eines männlichen Familienangehörigen das Haus verlassen dürfen, während die Männer sich fünfmal am Tag zum Gebet in der Moschee melden müssen. Am schockierendsten findet er Berichte aus der Provinz Tachar im Nordosten des Landes. Dort sollen die Islamisten angeordnet haben, dass alle unverheirateten Frauen über 15 und Witwen unter 45 Jahren mit Taliban-Kämpfern verheiratet werden.

Dass die Taliban dies dementieren, ist für die Wirkung solcher Berichte unerheblich. Alle seine Freunde hätten jetzt panische Angst, sagt der Mann in Kabul. „Das eine Gespräch, das wir in diesen Tagen immer führen, sobald die Begrüßungsfloskeln ausgetauscht sind, ist: Was ist dein Exit-Plan?“ Zehntausende Afghanen versuchen zurzeit, Visa für die Türkei zu bekommen. Die Zahl derjenigen, die sich zu Fuß auf den beschwerlichen Weg nach Westen machen, der über Iran führt, steigt schon wieder.

Viele wollen gar nicht weg. In der Diskussion in Deutschland werden afghanische Flüchtlinge oft nur als Last wahrgenommen, als Störenfriede, die ein bequemes Leben in Europa anstreben. Oft ist es jedoch die nackte Angst, die sie forttreibt. Lebensplanungen werden zerstört, Familien auseinandergerissen, Kinder ins Ungewisse geworfen. Zumal in Kabul sind es meist die Gebildeten, westlich Orientierten und gesellschaftlich Aktiven, also diejenigen, die etwas aufgebaut haben und eigentlich ein gutes Leben haben könnten. Jetzt müssen sie darüber nachdenken, ihre bisherige Existenz aufzugeben.

Man sieht, wie das an den Menschen nagt. „Niemand hier will gehen“, hebt Mary Akrami hervor, die Leiterin des „Afghanischen Frauennetzwerks“. Während des Gesprächs in ihrem gut gesicherten Büro schwankt sie zwischen beißender Kritik, Sarkasmus und schierer Verzweiflung. „Es ist einfach zu viel“, wiederholt sie irgendwann nur noch, als wisse sie sonst nichts mehr zu sagen.

„Es ist einfach zu viel“: Die Frauenrechtlerin Mary Akrami.
„Es ist einfach zu viel“: Die Frauenrechtlerin Mary Akrami.

Sie berichtet vom immer größer werdenden Druck, der insbesondere auf Frauen und Menschenrechtsaktivisten laste. Die über das Land verteilten Frauenrechtsschützerinnen ihrer Organisation benötigten inzwischen selbst Schutz, sagt Akrami. Gerade seien sie dabei, sichere Unterkünfte in Kabul zu organisieren für die Aktivistinnen, die wegen Bedrohungen in die Hauptstadt flöhen. Aber das sei schwierig, es sei nicht genug Geld da. Zumal die Frauen ja nicht allein kämen. „Da hängen immer ganze Familien dran.“

Auch Mary Akrami selbst wird bedroht. Vor einem Jahr erhielt sie einen Brief im Namen der Taliban. Darin hieß es, sie solle besser die negative Propaganda gegen das „Islamische Emirat“ einstellen. „Wenn dir etwas passiert, bist du dafür verantwortlich.“ Daraufhin zog Akrami mit ihrer Organisation in ein neues Büro. Zur bitteren Realität im Kabul dieser Tage gehört, dass man nicht weiß, ob der Brief wirklich von den Taliban stammt. Akrami war Mitglied der Delegation, die 2019 in Doha erstmals mit Vertretern der Taliban sprach. Durch ihr lautstarkes Eintreten für Frauenrechte gehe sie nicht nur den Islamisten auf die Nerven, sagt die 45-Jährige, die schon 2001 an der Petersberger Konferenz in Bonn teilnahm und das erste Frauenhaus des Landes gründete. Auf allen Seiten gebe es Leute, die vom Krieg profitierten. Sie und andere Frauenrechtlerinnen würden als „Störfaktoren“ angesehen.

Was tun? Zu schweigen sei keine Lösung, sagt Akrami. Also stelle sie sich der Realität, dass Leute wie sie morgens nicht wissen, ob sie abends noch nach Hause kommen werden. Will sie doch das Land verlassen, wenn die Lage noch bedrohlicher wird? „Ein Visum könnte eine Lösung für das hässliche Szenario sein, aber...“, sagt sie und lässt den Satz unbeendet. Die Verabschiedung erfolgt wie üblich mit der Versicherung, dass man sich hoffentlich bald bei guter Gesundheit wiedersehen werde, und dem bedrückenden Gefühl, dass dies alles andere als ausgemacht ist.

Während viele in Kabul sich mit der Frage von Bleiben oder Gehen quälen, geben sich andere entschlossen. „Ich lebe in diesem Land. Ich verteidige unser Volk, ich kämpfe gegen die Taliban“, sagt Mahdi Rasikh. „Wenn ich sterbe, dann wird das in diesem Land sein.“ Der junge Parlamentsabgeordnete gehört zu denen, die versuchen, den Widerstand zu organisieren. Im Parlament forderte er kürzlich das Volk dazu auf, sich zu bewaffnen. Mahdi Rasikh ist es auch, der das Militärtraining für die jungen Frauen organisiert hat, das auf dem Dach seines Hauses im Stadtteil Dasht-e Barchi stattfindet.

Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass Rasikh der Volksgruppe der Hazara angehört. Die schiitische Minderheit hatte in den neunziger Jahren unter den Taliban besonders stark zu leiden. Und auch von anderen sunnitischen Terrorgruppen, etwa dem „Islamischen Staat“ (IS), werden sie ins Visier genommen. Sie gelten den sunnitischen Radikalen als Ungläubige. Einige der verheerendsten Terroranschläge der vergangenen Jahre in Kabul galten den Schiiten.

Das Volk bewaffnen? Der Parlamentsabgeordnete Mahdi Rasikh in seinem Haus in Kabul.
Das Volk bewaffnen? Der Parlamentsabgeordnete Mahdi Rasikh in seinem Haus in Kabul.

Ihre Toten begraben die Hazara auf hügeligen Friedhöfen am südwestlichen Stadtrand. Auf einem Plateau sind 49 Gräber angeordnet – allesamt junge Männer und Frauen, die bei einem Selbstmordanschlag auf ein Bildungszentrum im August 2018 getötet wurden. Über den schlichten Steinen, die die Gräber markieren, sind verblichene Fotos der Jugendlichen aufgestellt. Viele blicken ernsthaft, manche keck, manche verträumt. Ein junger Mann, Assadullah, ist gekommen, um das Grab eines Freundes zu besuchen. Fardin saß nur zwei Stühle entfernt, als der Attentäter die Bombe in einer Tasche zündete. Assadullah identifizierte den Freund später im Krankenhaus, er erkannte ihn am Halsband; er trug das gleiche. „Fardin sprach viel über die Zukunft, und jetzt liegt er hier in diesem Grab, und all seine Ambitionen sind mit ihm begraben“, sagt Assadullah leise. Der IS reklamierte damals den Anschlag für sich, aber der junge Mann sieht keinen Unterschied zwischen der Terrorgruppe und den Taliban. „Sie sind alle Feinde der Hazara.“

Zwei Hügel weiter sind vor Kurzem weitere Gräber hinzugekommen: die von Toten des Anschlags auf die Sayyid-al-Schuhada-Schule am 8. Mai. Mehr als 80 Schülerinnen starben, die meisten zwischen 11 und 15 Jahre alt. Von den Gräbern blickt man über Kabul. Die Sonne ist untergegangen, die letzten Besucher machen sich auf den Weg nach Hause. Zitternde Lichtkegel zeigen an, wo die Autos den Weg zurück über die holprigen Wege in die Stadt suchen. Es gewittert, Regen setzt ein, ungewöhnlich für die Jahreszeit. Die grünen Fahnen der Schiiten über den Gräbern wehen trotzig im Wind.

Blick auf eine afghanische Flagge auf dem Sayyid-al-Schuhada-Friedhof in Kabul.
Blick auf eine afghanische Flagge auf dem Sayyid-al-Schuhada-Friedhof in Kabul.

MODELSCHULE IN AFGHANISTAN: Kabul Catwalk
UNSICHERES URLAUBSLAND: Ein Reiseziel namens Afghanistan
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