Afghanistan

Taliban lösen Demonstration auf und nehmen Journalisten fest

13.08.2022
, 13:26
Frauen demonstrieren am Samstag vor dem Bildungsministerium in Kabul gegen die Beschneidung ihrer Rechte.
Kurz vor dem Jahrestag ihrer Machtübernahme haben die Taliban in Kabul eine Demonstration für Frauenrechte mit Schüssen in die Luft aufgelöst. Zudem wurden mehrere Journalisten vorübergehend festgenommen.
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In Afghanistans Hauptstadt Kabul haben die militant-islamistischen Taliban einen friedlichen Protest von Frauen am Samstag mit Warnschüssen beendet. Auf Aufnahmen, die in Online-Netzwerken verbreitet wurden, war zu sehen, wie Taliban Schüsse abgaben und die Frauen angriffen. Die mehreren Dutzend Frauen demonstrierten gegen ihre Diskriminierung durch die Islamisten seit deren Rückkehr an die Macht vor fast genau einem Jahr. Nach dem Abzug der internationalen Truppen haben die Taliban grundlegende Rechte der Frauen wieder massiv eingeschränkt – wie in den Jahren vor 2001, als sie schon einmal an der Macht waren. Proteste werden unterdrückt.

Bei den Protesten am Samstag wurden zudem mindestens vier Journalisten vorübergehend festgenommen. Wie ein Sprecher des Verbandes unabhängiger Journalisten in Afghanistan (AIJA) der Deutschen Presse-Agentur sagte, handelte es sich dabei um einen afghanischen und drei ausländische Reporter. Erst nach mehr als vier Stunden seien sie wieder freigelassen worden. Die Organisation Reporter ohne Grenzen warf den Taliban vor, die Arbeit von Journalisten durch eine Welle von willkürlichen Festnahmen und Zensur zu erschweren.

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Eine Teilnehmerin der Demonstration von Samstag sagte in einem Video: „Wir befinden uns in einer Apotheke. Sie haben uns hier eingesperrt.“ Die Frauen sangen bei ihrem Marsch durchs Zentrum der Hauptstadt „Essen, Arbeit und Freiheit“. Zudem skandierten sie, die Diskriminierung leid zu sein. Ein anderes Video zeigte Frauen, die an einem geschlossenen Ort in die Enge getrieben wurden.

Taliban-Minister verteidigt Vorschriften

Taliban-Minister Mohammad Chalid Hanafi, der die Einschränkungen der Frauenrechte erlassen hat, verteidigte die Vorschriften. Als Minister für die Verbreitung von Tugend und Verhinderung von Lastern sei es seine Aufgabe, die islamische Lehre umzusetzen: „Wenn es das Recht ist, dass ein fremder Mann und eine fremde Frau auf derselben Bank sitzen und sie dies als Frauen- und Menschenrechte bezeichnen, dann erlauben uns unsere Kultur, unsere Tradition, unser Glaube, unsere Religion, Allah und sein Prophet dies nicht.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagte in einem Bericht unter anderem, dass Frauen in Afghanistan größere Reisen nur noch mit männlichem Begleiter unternehmen dürfen. Auch die Flucht vor häuslicher Gewalt hat sich für Frauen erschwert. Höhere Mädchenschulen sind seit der Machtübernahme der militanten Islamisten geschlossen. Ausnahme sind einige Privatschulen sowie öffentliche Schulen in einigen Regionen. Auch viele Berufe bleiben Frauen mittlerweile versperrt.

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Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef kritisierte unterdessen eine massive Unterfinanzierung der humanitären Hilfe für die Bevölkerung. „Entgegen der Wahrnehmung in Deutschland kann Unicef heute deutlich mehr Hilfe in allen Teilen des Landes leisten“, schreibt der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, im „Kölner Stadt-Anzeiger“. Allerdings seien im laufenden Jahr bisher nur ein Drittel der benötigten Mittel bereitgestellt worden. „Während die Welt zu Recht erneut nach Afghanistan schaut, müssen die Regierungen das Datum zum Anlass nehmen, die Hilfe endlich auszuweiten.“

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„Nahrungsmittelversorgung ist katastrophal“

Die Nahrungsmittelversorgung bezeichnete Schneider als katastrophal. „Über eine Million Kinder sind lebensgefährlich mangelernährt. Acht von zehn Menschen werden auch heute verschmutztes Wasser trinken. Die Kinder zahlen den höchsten Preis in dieser nicht endenden humanitären Katastrophe.“

Schneider prangerte vor allem die Praxis der Taliban an, Mädchen gezielt von Bildung abzuschneiden. Gerade sie dürfe die internationale Gemeinschaft nicht im Stich lassen. „Wenn der Alltag so unbarmherzig ist wie an diesem Jahrestag, dann ist das Recht auf Bildung besonders wichtig.“ Der Preis für Nichtstun wäre „unermesslich“, warnte Schneider.

Die Organisation Pro Asyl kritisierte, noch immer seien in Afghanistan Zehntausende Menschen in Lebensgefahr - „während die Bundesregierung ihre Pläne, gefährdete Menschen zu retten, nur ungenügend umsetzt“. Die Zahl der Menschen, die Schutz bekommen sollten, sei viel zu gering. Pro Asyl erinnerte an den Kongress „Afghanische Ortskräfte - Die Situation ehemaliger Angestellter der deutschen Regierung“, der am Samstag in Berlin stattfand.

Dort seien Unterschriften zu einer Petition „Retten statt reden“ an die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg (Grüne), übergeben worden. Pro Asyl forderte „eine Reform des Ortskräfteverfahrens, ein den Namen verdienendes Bundesaufnahmeprogramm, die kontinuierliche Erteilung humanitärer Visa und die Beschleunigung des Familiennachzugs“. Auch nach Beginn eines Bundesaufnahmeprogramms müssten humanitäre Visa weiter erteilt werden. Rund 20.000 Menschen unterstützten die Forderungen, hieß es.

Quelle: AFP/KNA
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