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Afrikanische Flüchtlinge in Israel

Auszug aus dem Gelobten Land

Von Hans-Christian Rößler, Tel Aviv
 - 17:09
Reise ins Ungewisse: Ein Sudanese blickt nach seiner Festnahme aus dem Fenster eines Busses der israelischen Einwanderungsbehörde

Der Laden im Süden von Tel Aviv verkauft DVDs und afrikanisches Bier, doch viele Eritreer kommen nur, um nachzusehen, ob ihr Name auf der Liste am Schaufenster steht. Dann ist in ihrem Ersatzpostamt ein Brief oder ein Päckchen aus der Heimat für sie angekommen. Eine eigene Adresse besitzen sie in Israel nicht; Neuankömmlinge in Tel Aviv haben oft nicht einmal ein eigenes Bett.

Zweihundert, manchmal dreihundert Menschen schlafen im Levinski-Park, neben dem Busbahnhof - auf dem Rasen rund um den Spielplatz mit der roten Rutschbahn. Die Sommernächte sind warm, das Gras ist weich. Morgens verbreitet sich beißender Uringeruch.

Wer nicht freiwillig ausreist, wird abgeschoben

Mehr als 60.000 Einwanderer ohne gültige Papiere leben in Israel, gut zwei Drittel davon in Tel Aviv - die meisten in den Vierteln des armen Südens rund um den Busbahnhof. Gäbe es nicht Schilder auf Hebräisch, man könnte in manchen Straßen meinen, man sei in Khartum, Juba oder Asmara. „Wenn es besetzte Gebiete gibt, dann sind sie hier in Tel Aviv. Die Afrikaner nehmen uns unsere Stadt weg“, schimpft ein israelischer Passant. Der Unmut der Einheimischen wächst. Beschimpfungen schlugen schon in Gewalt um.

Neuankömmlinge aus Afrika können deshalb froh sein, wenn sie nicht ungeschützt am Straßenrand schlafen müssen und sich ihnen die graue Metalltüre an der Nave-Schaan-Straße öffnet. Auf den verschlissenen Schaumstoffmatratzen in der Notunterkunft drängen sich bis zu 200 Schläfer. Sie teilen sich eine Dusche, eine Toilette und eine Küche, unter der Spüle streiten sich zwei Ratten um den Abfall. Viertausend Dollar muss der kleine Hilfsverein „Bnai Darfur“ für diese Absteige zahlen. Einige verdienen so an der Not der Afrikaner. Das zeigen auch die Schilder, die Wohnungen in allen Größen anbieten. Die Eigentümer kümmert es nicht, wie viele Menschen dort am Ende wohnen, Hauptsache, sie können die hohe Miete bezahlen.

Seit einer Woche aber haben die Sudanesen andere Sorgen. „Die Polizisten fragen gar nicht lang. Es reicht, dass man schwarz ist, damit sie einen festnehmen. Die Leute sind völlig verunsichert“, sagt Guy Jusef, der für Bnai Darfur („Söhne Darfurs“) arbeitet. Am vergangenen Sonntag hat die israelische Polizei damit begonnen, Südsudanesen in Gewahrsam zu nehmen. Die Beamten durchkämmen systematisch Straßen, Arbeitsplätze und Unterkünfte. Wer nicht freiwillig ausreist, wird abgeschoben. An diesem Sonntag sollen die ersten Flugzeuge in den Staat starten, der erst vor einem knappen Jahr unabhängig wurde. Mehrere hundert Südsudanesen nahm die Polizei schon in Abschiebehaft, mehr als 300 meldeten sich aus freien Stücken, weil sie für sich keine Zukunft mehr in Israel sehen. Zuvor hatte ein israelisches Gericht entschieden, dass die Lage in Südsudan für eine Rückkehr sicher genug ist.

Andere Stimmen haben keine Chance

„Die israelischen Politiker behaupten, es müssen nur die Südsudanesen gehen. Aber warum werden dann auch Leute aus Darfur verhaftet? Wir denken, dass das nur der Anfang ist“, befürchtet Guy Jusef. Zu Südsudan unterhält Israel diplomatische Beziehungen und kann deshalb auch Bürger dorthin abschieben. Der muslimische Norden Sudans, zu dem auch Darfur gehört, ist jedoch aus israelischer Sicht ein „Feindstaat“. Es gibt deshalb keine offiziellen Kontakte und keine Abschiebungen. Nach Schätzungen von Menschenrechtlern leben in Israel 15.000 Sudanesen und knapp 800 Südsudanesen; die Behörden sprechen von 1500. Dazu kommen gut 35.000 Eritreer. Nach Ansicht des israelischen Außenministeriums können sie nicht nach Hause geschickt werden. Bei einer Rückkehr in das autoritär regierte Land könnte ihr Leben in Gefahr sein.

Dina Emunah interessiert sich für solche Zahlen und Einzelheiten nicht. Für die Frau aus dem Hatikvah-Viertel im Süden Tel Avivs ist klar, dass es viel zu viele Afrikaner sind. Die religiöse Jüdin, die ihr Haar mit einem modischen Tuch bedeckt, zeigt auf die mit Möbeln vollgestellten Balkone der niedrigen Häuser. „Die Afrikaner sind überall. Sie nehmen uns die Arbeit und die Wohnungen weg.“ Das ist nur der Beginn einer langen Anklage. Alte Leute in dem Viertel wagten sich nicht mehr vor die Türe; einer Frau habe ein Ausländer vor der Tür den Ring vom Finger gerissen. Als sie hören, worum es geht, kommen Nachbarn dazu und überbieten sich mit Schreckensgeschichten. Mädchen seien auf den Straßen nicht mehr vor Vergewaltigern sicher. In den überfüllten Häusern erledigten die Afrikaner ihre Notdurft im Treppenhaus. „Sie können sich einfach nicht benehmen“, schimpft eine Passantin.

Andere Stimmen haben keine Chance. Als eine Frau mit einer großen Sonnenbrille verlangt, man sollte die Einwanderer wenigstens legal arbeiten lassen, damit sie sich selbst versorgen können, fallen die anderen über sie her. „Dann lockst du nur noch mehr von ihnen an“, meint ein Mann. Er schlägt eine andere Lösung vor: Man müsste alle Ausländer nur in den Norden Tel Avivs schicken, wo die Reichen und die Linken wohnen, die so viel Verständnis für die Einwanderer hätten. „Glaubt mir, die wollen sie auch nicht. Aber mit uns kann man das ja machen“, empört er sich.

Der Innenminister sieht sich an einer ganz anderen Front

Im Tel Aviver Hatikvah-Viertel musste eine Demonstration im Mai in Gewalt ausarten, um Regierung und Parlament wachzurütteln. Afrikaner wurden angegriffen, Geschäfte geplündert. Schon zu Jahresbeginn hatte Innenminister Eli Jischai Abschiebungen angekündigt. Aber dann geschah nichts. Jetzt kamen auf einmal Parlamentsabgeordnete in den Süden Tel Avivs. Miri Regev, Abgeordnete von Netanjahus Likud-Partei, bezeichnete die Sudanesen in Israel als ein „Krebsgeschwür“. Jeder, der die israelische Grenze illegal überquere, sollte erst einmal drei Jahre ins Gefängnis kommen, empfahl sie. Ihr Fraktionskollege Danny Danon will ein Gesetz einbringen, das es ermöglichen soll, alle illegalen Migranten innerhalb von drei Jahren aus Israel zu verbannen.

Der stellvertretende Tel Aviver Bürgermeister Assaf Zamir schwankt bei solchen Aussagen zwischen Empörung und Hilflosigkeit. „Es gibt Politiker, die das Thema nutzen, um sich zu profilieren. Aber es besteht kein Zweifel. Die Regierung hat uns im Stich gelassen. Als Stadtverwaltung können wir das Problem nicht mehr alleine lösen“, sagt der junge Israeli, der an der Spitze einer linken Bürgerpartei ins Rathaus gekommen ist. Der Innenminister sieht sich allerdings an einer ganz anderen Front. „Wir führen keinen Krieg gegen Infiltranten, sondern für die Rettung des jüdischen Traums im Lande Israel“, sagt Eli Jischai von der ultraorthodoxen Schas-Partei. Mit Infiltranten meint Jischai die Ausländer, die ohne Visum über die ägyptische Grenze kommen.

Der Umgang mit diesen Menschen rührt an den Kern des Selbstverständnisses Israels als jüdischer Staat. Eigentlich ist Israel seit seiner Gründung ein Einwanderungsland. Wer mindestens jüdische Großeltern nachweisen kann, darf sich dort sofort niederlassen und hat Anspruch auf die Staatsangehörigkeit. Mehr als 15.000 Menschen jüdischer Herkunft nehmen jedes Jahr dieses Recht in Anspruch.

Container- und Zeltstädte für 20.000 Menschen

Aber auch viele nichtjüdische Ausländer zieht es auf der Suche nach Arbeit nach Israel. In dem kleinen Land mit seinen knapp acht Millionen Einwohnern leben etwa 240.000 Gastarbeiter, Flüchtlinge und Asylbewerber, mindestens ein Viertel von ihnen ohne ein gültiges Visum. Sie sind bereit, für kargen Lohn Alte zu pflegen, Häuser zu bauen oder auf den Plantagen zu arbeiten. Jedes Jahr verteilen die Behörden 100.000 Visa für Gastarbeiter. Gleichzeitig ist es aber fast unmöglich, in Israel Asyl zu erhalten: Im vergangenen Jahr wurde ein Antrag von insgesamt 4063 positiv beschieden. Seit der Gründung des Staates vor 64 Jahren wurden nur 157 Flüchtlinge anerkannt.

Abschieben kann Jischai die meisten anderen jedoch nicht. In die Pässe der Nordsudanesen und Eritreer stempeln seine Beamten deshalb die Worte „bedingte Entlassung“. Sie waren zunächst inhaftiert worden, weil sie illegal die israelische Grenze überschritten hatten. Da man sie aber nicht in ihre Heimatländer zurückschicken kann, wurden sie nach einigen Wochen freigelassen. Sie dürfen vorerst bleiben, aber weder legal arbeiten noch studieren.

Bisher scheint die israelische Politik vor allem darin zu bestehen, den Einwanderern das Leben so schwer zu machen, dass sie freiwillig gehen. Die ersten sollen bald in die neuen Container- und Zeltstädte geschickt werden, die die Regierung für 20.000 Menschen baut. Einige Südsudanesen haben schon aufgegeben und sich freiwillig bereit erklärt heimzukehren. Auf dem offiziellen Formular dafür soll auch eine Spalte ausgefüllt werden, die vielen schwerfällt: „Zukunftspläne nach der Ankunft“.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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