Anhaltende Militärgewalt

Berichte über 80 Tote bei Protesten in Myanmar

10.04.2021
, 19:03
Bei Protesten gegen das Militär in Myanmar sind nach Angaben von Aktivisten Dutzende Menschen getötet worden. Staatsmedien berichten zudem, dass 19 Menschen in Zusammenhang mit den Demonstrationen zum Tode verurteilt wurden.

Nach Angaben von Aktivisten wurden bei der brutalen Niederschlagen von Protesten am Freitag in der Stadt Bago Dutzende Menschen getötet. Die Hilfsorganisation für politische Gefangene (AAPP) sprach am Samstag von „mehr als 80“ Toten in der viertgrößten Stadt in Myanmar. Viele Details sind derzeit aber noch unklar.

Da die Militärjunta inzwischen das Mobilfunknetz stark gedrosselt hat, wird es zunehmend schwierig, Nachrichten über Razzien und Tote zu überprüfen. Von der Nachrichtenagentur AFP überprüfte Videoaufnahmen scheinen das brutale Vorgehen von Militär und Polizei in der rund 65 Kilometer nordöstlich von Yangon gelegenen Stadt jedoch zu bestätigen: Darauf ist zu sehen, wie Demonstranten hinter Sandsackbarrikaden kauern und mit selbstgebauten Gewehren hantieren, während im Hintergrund Explosionen zu hören sind.

Aller Gewalt und Einschüchterungsversuchen zum Trotz gingen die Proteste gegen die Militärherrscher am Samstag weiter, vor allem in der Wirtschaftsmetropole Yangon und der zweitgrößten Stadt Mandalay.

Ein Anwohner berichtete AFP, wie Leichen in einen Armeelaster geladen wurden, der kurz darauf wegfuhr. Den Rettungskräften sei es nicht erlaubt worden, in die Nähe der Toten zu kommen. Viele Einwohner seien vor der Gewalt in die nächstgelegenen Dörfer geflüchtet. Die staatliche Zeitung „New Light of Myanmar“ berichtete hingegen nur von einem Toten. Demnach waren die Behörden gegen „Aufrührer“ eingeschritten.

Nach einer Zählung von AAPP wurden seit dem Militärputsch Anfang Februar mindestens 618 Zivilisten getötet. Ein Juntasprecher nannte hingegen am Freitag die Zahl von 248 getöteten „gewalttätigen Terroristen“.

19 Menschen erhalten Todesurteil

Für scharfe Kritik sorgten unterdessen Berichte der Staatsmedien, wonach 19 Menschen von einem Militärgericht in Myanmar wegen Raubes und Mordes zum Tode verurteilt worden seien, davon 17 in Abwesenheit. Der Fachmann Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wies darauf hin, dass in dem südostasiatischen Land seit mehr als 30 Jahren niemand mehr hingerichtet worden sei.

Da die Fälle vor einem Militärgericht gelandet seien, gebe es keine „Garantien für einen freien und fairen Prozess“ und keine Berufungsmöglichkeit, sagte Robertson. Er vermutet dahinter eine neue Strategie der Militärs, die Menschen einzuschüchtern, um sie von der Straße und zurück zur Arbeit zu zwingen. Norwegens Außenministerin Ine Eriksen Soreide bezeichnete die Todesurteile als eine „besorgniserregende Entwicklung“, die nicht hingenommen werden dürfe.

Der Putsch ließ auch alte Konflikte zwischen dem Militär und Rebellen der verschiedenen ethnischen Minderheiten wieder aufbrechen, von denen einige offen die Protestbewegung unterstützen. Im nördlichen Staat Shan überfiel die Rebellengruppe TNLA nach eigenen Angaben in der Morgendämmerung einen Polizeistützpunkt, dabei wurden örtlichen Medienberichten zufolge mehr als ein Dutzend Polizisten getötet. Laut TNLA wurde bei anschließenden Luftangriffen des Militärs mindestens ein Rebellenkämpfer getötet.

Richard Horsey vom Politikinstituts International Crisis Group (ICG) hatte am Freitag bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats davor gewarnt, dass Myanmar kurz davor stehe, zu einem „gescheiterten Staat“ zu werden. Das Vorgehen der Junta könne dazu führen, dass das Land „unregierbar“ werde.

Quelle: AFP
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