Nawalnyj berichtet aus Haft

„Fast alle sind Mörder“

Von Friedrich Schmidt, Moskau
23.06.2022
, 13:50
Nawalnyj wird im Mai in einem Moskauer Gericht per Video zugeschaltet.
Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalnyj berichtet über seine neue Strafkolonie. Das Regime dort sei kaum zu ertragen, heißt es in einem Instagram-Beitrag.
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Alexej Nawalnyj wird nach eigenen Angaben in der Strafkolonie „strengen Regimes“, in die der russische Oppositionsführer Mitte Juni verlegt worden ist, in einer „kleinen, isolierten Gruppe“ festgehalten, in der „fast alle Mörder“ seien. Es handele sich um ein „Gefängnis im Gefängnis mit einem völlig verrückten und kaum zu ertragenden Regime“, hieß es am Donnerstag in einem Post im sozialen Netzwerk Instagram. Solche Beiträge werden meist nach Besuchen von Nawalnyjs Anwälten veröffentlicht.

Am Dienstag hatte der Gefangene, dessen diverse Verurteilungen laut Menschenrechtsorganisationen politisch motiviert und zum Teil auch vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beanstandet worden sind, berichtet, dass ihm die Verwaltung seines neuen Straflagers im Dorf Melechowo 240 Kilometer östlich von Moskau eine erste Rüge ausgesprochen habe. Begründet habe sie dies mit einem Bericht seiner früheren Strafkolonie in Pokrow hundert Kilometer östlich von Moskau, wo Nawalnyj seit dem Frühjahr 2021 festgehalten worden war, er habe sich am letzten Morgen dort in einem T-Shirt statt in Häftlingskleidung gewaschen. Die neue Rüge führe dazu, dass 30 frühere Verweise nicht verfielen, sondern ein weiteres Jahr gälten und der neuen Straflagerverwaltung unter anderem ermöglichten, ihn im „Strafisolator“ in Einzelhaft zu nehmen.

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Einsatz von Häftlingen, um andere zu drangsalieren

Die übrigen Häftlinge seiner Gruppe beschrieb Nawalnyj als „ruhig“ und „wohlwollend“. Seine Haftstrafe von neun Jahren – die nach einem fadenscheinigen Betrugsprozess verhängt worden war – sei die kürzeste in seinem „Zug“, im Durchschnitt hätten seine Mithäftlinge Strafen von 13 bis 15 Jahren, Doppelmörder 19 oder 20 Jahre. Mit zu langen Strafen verurteilten Häftlingen sei es einfacher zu „sitzen“, da es weniger Hektik und Konflikte gebe; jedoch seien die Häftlinge im Bestreben, auf Bewährung freizukommen, sehr abhängig von der Lagerverwaltung, schrieb Nawalnyj. Darin kann man eine Anspielung darauf sehen, dass die Verwaltungen russischer Strafanstalten traditionell Häftlinge einsetzen, um andere zu drangsalieren.

Die „strenge“ Strafkolonie IK-6, in der Nawalnyj noch seltener Besuch empfangen und seltener Briefe und Päckchen bekommen darf als in seiner früheren, ist für Fälle von Folter und Misshandlung berüchtigt. Nawalnyj ist jüngst auch wegen „Gründung einer extremistischen Gruppierung“ angeklagt worden, dabei drohen ihm 15 Jahre Haft. Gemeint ist seine Stiftung zum Kampf gegen Korruption. Nawalnyjs Mitstreiter setzen ihre Arbeit aus dem Exil fort, ordneten etwa vorige Woche dem Gazprom-Vorstandsvorsitzenden Alexej Miller zahlreiche Luxusimmobilien wie Paläste zu, die im bei Präsident Wladimir Putins Elite beliebten neobarocken Stil gehalten sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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