Flüchtlingskrise auf Kos

Ein Ort, den es in Europa nicht geben dürfte

Von Ann-Dorit Boy, Kos
17.08.2015
, 10:33
Die griechische Insel Kos
Auf der griechischen Insel Kos hausen Flüchtlinge als Obdachlose am Strand oder in einem verlassenen Hotel. Sie wollen nur eines: schnell weg.

Auf halber Strecke zum Anleger drehen sich die Gäste der Urlaubsinsel Kos gerne noch ein letztes Mal um, bevor sie im Abendrot die Fähre nach Athen besteigen. Sie werfen dann einen wehmütigen Abschiedsblick auf die uneinnehmbar hohen Mauern der Festung, die bunten Sonnenschirme an den Stränden, die Fischrestaurants an der Hafenpromenade und die Ausflugssegler.

Ghazal Bouta und ihr Mann werfen keinen einzigen Blick zurück. Die junge Mutter mit der schneeweißen Tunika und dem lachsfarbenen Kopftuch schiebt ihre Tochter in einer Kinderkarre mit einer Geschwindigkeit in Richtung Abfahrt, als würde man sie jagen. Um keinen Preis der Welt würden sie das Schiff verpassen wollen, auf das sie seit einer Woche warten.

Flüchtlingspolitik
Flüchtlingsansturm überfordert Urlaubsinsel Kos
© AP, afp

Familie Bouta hebt sich durch die frischen Kleider und die Karre etwas ab von den anderen Flüchtlingen aus Syrien, die in einer lange Schlange zum Fähranleger laufen. Viele tragen matte Säuglinge über den Unterarm gehängt, an den Händen weitere Kinder und Tüten. Sie alle haben Tage auf der griechischen Insel Kos verbracht, an die sie sich nicht gern erinnern werden. „Es war grauenhaft“, sagt Ghazal Bouta. Das Wort hat Wucht, wenn es jemand wählt, der aus Homs kommt, einer Stadt, von der nach Jahren des Bürgerkriegs außer Trümmern nicht viel übrig ist. Der Ehemann trägt einen Arm bandagiert. Splitterbombe, sagen sie. Deshalb übernimmt seine Frau das Kinderwagenschieben. Das Reden übernimmt sie auch, weil sie als Übersetzerin tadellos Englisch spricht. Und weil sie so wütend ist, dass es einfach heraus muss.

Bild: F.A.Z.

Wie Bittsteller, wie den letzten Dreck, wie Tiere habe man sie behandelt, sagt Bouta. Die kleine Familie gehörte zu den Flüchtlingen, die vor einer Woche in einem alten Stadion mitten in der Inselhauptstadt Kos unter sengender Sonne eingesperrt wurden. Alle sollten sich dort versammeln, um registriert zu werden, hatten die Beamten gesagt. Am Montag strömten tausend Menschen hinein, am Dienstag wohl noch einmal so viele. Dann schloss die Polizei die Türen und öffnete sie 18 Stunden lang nicht mehr. Ghazal Bouta und ihr Kind kauerten sich wie die anderen Frauen und Kinder an den Rand des leeren Stadions, wo Mauern und Bäume einen schmalen Schatten werfen. Die Männer standen in der Mitte und warteten.

Griechenland nimmt am meisten Flüchtlinge auf

Doch es geschah nicht viel. Zwei oder drei Polizisten nahmen quälend langsam die Pässe entgegen, von denen, die noch welche hatten, und füllten die Zettel aus, die Flüchtlinge brauchen, um in die griechische Hauptstadt weiterreisen zu können, wo sie Asyl beantragen können. Die Augustsonne brannte auf die Steine hinunter und es gab im Stadion kein Trinkwasser, keine Nahrung und fast keine Toiletten. „Können Sie sich das vorstellen?“, fragt Bouta. Nach einem Tag wurden selbst junge starke Männer ohnmächtig. Die Leute von „Ärzte ohne Grenzen“, der einzigen internationalen Hilfsorganisation vor Ort, schlugen Alarm. Als Ghazal Bouta und ihr Mann merkten, wie gefährlich die Lage wurde, kletterten sie mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Kind über eine Mauer und einen Müllcontainer in die Freiheit.

Nur eine Zwischenstation: Syrische Flüchtlinge bei der Ankunft auf Kos
Nur eine Zwischenstation: Syrische Flüchtlinge bei der Ankunft auf Kos Bild: Reuters

Im Stadion brach unterdessen Verzweiflung aus. Männer stritten, Frauen wurden hysterisch, Kinder schrien. Irgendwann war die Wut so groß, dass die Männer aufbegehrten und hinausdrängten. Da riss die Polizei eine Tür auf und sprühte mit einem Feuerlöscher in die Menge. Auch eine Rauchbombe sollen sie geworfen haben. Die Bilder gingen um die Welt und der Bürgermeister von Kos, Giorgos Kiritsis, schrieb einen Hilferuf an die Regierung in Athen, der durch die Presse ging. Er warnte darin vor einem „Blutvergießen“ auf der Insel.

Der arme Bürgermeister, was soll er tun? Konnte man denken. Alleingelassen von der Regierung in Athen, die 24 Stunden am Tag damit beschäftigt ist, die Staatspleite zu verhindern und sich um sonst nichts mehr kümmern kann. Und Athen wiederum alleingelassen von Brüssel. Hatte sich Ministerpräsident Alexis Tsipras nicht schon vor Monaten beschwert, dass sein Land zum Auffanglager werde? Ausgerechnet Griechenland, das größte Sorgenkind der Europäischen Union, muss mittlerweile die meisten Flüchtlinge aufnehmen, sogar mehr als Italien. Auf den griechischen Inseln der östlichen Ägäis – Kos, Lesbos, Samos und Chios – sollen seit Jahresbeginn 120.000 Flüchtlinge gelandet sein, viele von ihnen in den vergangenen Wochen. Im gesamten Vorjahr waren es, zum Vergleich, gerade 30.000. Wie sollen die das schaffen?

Das alles ist richtig – und doch habe sich Bürgermeister Kiritsis nicht nur den Krawall im Stadion, sondern auch das aktuelle Ausmaß der Misere selbst zuzuschreiben, sagen einige Leute auf Kos. Seit drei Monaten kommen fast jede Nacht Boote mit Flüchtlingen an. Die türkische Küste liegt in Sichtweite, nur wenige Kilometer entfernt. Erst kamen Dutzende, dann Hunderte, zuletzt Tausende. Vor Sonnenaufgang sieht man die Leute an Land waten, sich umarmen und küssen vor Freude, weil sie noch am Leben sind und weil sie glauben, nun in Europa in Sicherheit zu sein. An den Wegesrändern bleiben billige Schwimmwesten liegen, wenn die kleinen Gruppen mit nassen Hosenbeinen in Richtung Stadtzentrum trotten, zur Polizeiwache. Sie wollen sich rasch registrieren lassen und weiterreisen. Kos ist natürlich nicht das Ziel der Reise, sondern ein Umsteigehafen auf dem langen Weg nach Deutschland, Frankreich, Schweden und so weiter.

 Ein Polizist versucht eine Massenhysterie unter den Flüchtlingen in Kos
Die Bilder gingen um die Welt: Ein Polizist versucht eine Massenhysterie unter den Flüchtlingen in Kos mit einem Feuerlöscher zu verhindern Bild: AFP

Es sind vor allem Syrer wie Ghazal Bouta, aber auch viele Afghanen, Pakistaner, Iraker und manchmal Afrikaner, die über die Türkei und die Griechischen Inseln in die EU einreisen. Manche haben ihr Heimatland erst ein paar Tage zuvor verlassen. Andere haben ihr Glück schon einige Monate oder sogar Jahre lang in der Türkei oder im Iran versucht. Ghazar Boutas Familie hat neun Monate in Istanbul gelebt. Sie hatte dort Arbeit bei einer Handelsgesellschaft. Aber am Ende überkam sie das Gefühl, dass die Gewalt aus Syrien ihnen in die neue Heimat gefolgt war. Sie entschieden sich, es in Deutschland zu versuchen. Also fuhren sie in die türkische Küstenstadt Bodrum und kauften sich drei Plätze auf einem Boot nach Kos. Um die 1500 Euro kostet ein Platz zurzeit. Kurz vor dem Ziel kam ihnen die griechische Küstenwache entgegen und nahm sie auf.

Notdürftige Unterkünfte für die Flüchtlinge  Kos
Notdürftige Unterkünfte für die Flüchtlinge Bild: dpa

Und dann stand Familie Bouta im völlig überfüllten Badeort Kos in einer endlosen Warteschlange zur Registrierung und suchte zunächst vergeblich ein Hotelzimmer. Die Hochsaison der Touristen und die der Flüchtlinge fallen zusammen. Zu den gut 30.000 Inselbewohnern kommen im Sommer Tausende Touristen und in diesem Jahr eben auch noch die Flüchtlinge. Rund 7000 sollen es auf dem bisherigen Höchststand vergangene Woche gewesen sein, inzwischen konnten einige weiterreisen.

Kreuzfahrtschiff als Notfalllager soll die Insel entlasten

Die Stadt Kos, wo zwei Drittel der Insulaner wohnen, ist kein nobles Fleckchen à la Saint Tropez. Hier machen Leute Urlaub, die sehr stark bräunen wollen, große Fleischportionen essen und abends vier Cocktails zum Preis von dreien trinken. Man hört viel Englisch und Holländisch auf der Straße, aber auch Französisch, Deutsch und Russisch. Die Kartenverkäuferin an der Johanniterfestung aus dem 14. Jahrhundert schläft in ihrem Büdchen am Nachmittag fast ein. Zwischen die Ausgrabungen aus römischer und byzantinischer Zeit verirrt sich auch kaum eine Seele, dafür sind die Strandliegen immer voll und die Tanzschuppen laut bis zum Morgen. Die Tourismusgurus vermarkten trotzdem tapfer die lange Geschichte des Eilands und den berühmtesten Sohn der Insel, den Arzt Hippokrates. Vermutlich in China fabrizierte Plastikbüsten des bärtigen Mediziners verkaufen sich jedoch mau in den Tandlädchen der Altstadt. Nach Hippokrates ist der Eid benannt, in dem die Grundlagen der medizinischen Ethik festgeschrieben wurden. Es geht darin, neben vielem anderem um die Pflicht, jedem Kranken zu helfen.

Der Bürgermeister von Kos will den Flüchtlingen nicht helfen. Das sagt Sevi Vlachou, eine Journalistin des lokalen Fernseh- und Rundfunksenders. Kiritsis habe einfach zugesehen, wie immer mehr Flüchtlinge kamen und nichts unternommen. Er habe keine Unterbringung, keine Hilfe und keine ausreichenden Kapazitäten zur Registrierung organisiert. Das mache er gerne: Probleme aussitzen. In einem der wenigen Statements, das der Bürgermeister dieser Tage vor Fernsehkameras abgab, hob er immer wieder hervor, dass Kos doch nur eine Durchgangsstation sei für die Flüchtlinge. Als ob das hieße, man könne ihre Anwesenheit ignorieren.

Syrische Flüchtlinge warten vor dem Fährschiff, um sich zu registrieren
Syrische Flüchtlinge warten vor dem Fährschiff, um sich zu registrieren Bild: AFP

„Die Leute hören doch nicht auf zu kommen, nur weil wir ihnen nicht helfen“, sagt die Journalistin Vlachou, eine dramatisch geschminkte Dame, in einem Café in der Nähe des Hafens. Man muss der Fairness halber sagen, dass sie ein eigenes Hühnchen mit dem Bürgermeister zu rupfen hat. Der lässt den 13 Journalisten des Senders nämlich seit acht Monaten keine Gehälter mehr zahlen. Das sei sein eigener freiwilliger Beitrag zum Sparprogramm des Landes, sagt Vlachou. Deshalb sind sie im Dauerstreik und haben Zeit, über den Bürgermeister zu schimpfen.

Wohin das Abwarten die Stadt Kos geführt hat, kann man an der Promenade mit eigenen Augen sehen. Dort zelten und lagern auf einem Grünstreifen zwischen Straße, Fahrradweg und Meer Hunderte Flüchtlingsfamilien. Männer dösen auf Pappkartons in der Sonne, Mütter stillen ihre Kinder, Wäsche trocknet auf dem Geländer zum Strand und auf Leinen, die zwischen Palmen gespannt sind. Hier warten vor allem Syrer, seit man sie nicht mehr im gegenüber gelegenen Stadion festhält. Vielleicht werden sie aber auch demnächst zumindest vorübergehend verschwinden. Athen hat ein Kreuzfahrtschiff geschickt, das weiß und riesig am Hafen liegt. Dort sollen neu ankommende Syrer sich registrieren und bis zur Weiterfahrt wohnen können. Das Schiff bleibe aber nur zwei Wochen, heißt es in Kos.

Touristen und Flüchtlinge: Welten prallen aufeinander

Die Pakistaner, Afghanen, Iraker und alle anderen können ohnehin nur neidisch zu dem Ozeanriesen hinübergucken. Für sie hat niemand eine Unterkunft gesucht. Sie bleiben weiter auf der Straße, obwohl ihre Registrierung noch länger dauert als die der Syrer. Viele haben sich näher an der Polizeistation niedergelassen. Kinder baden in den Rettungswesten der Überfahrt an einem steinigen Strandabschnitt, wo eigentlich ein Schild das Baden verbietet. Man lässt sie gewähren, denn die Stadt hat ihnen ja keine andere Waschmöglichkeit und auch keine Toilette zur Verfügung gestellt. In der kleinen Grünanlage, durch die gelegentlich Touristen zu den Ausgrabungen gehen, riecht es so streng nach Exkrementen und menschlichen Ausdünstungen, dass eine französische Familie gleich wieder abdreht.

Es sind zum Teil sonderbare Begegnungen zwischen den Welten. Grotesk wird es, wenn die kleine rote Touristeneisenbahn vollbesetzt mit Urlaubern in flotten Strohhütchen am Lager der Syrer vorbeizuckelt. Wer Touristen fragt, wie sie das alles finden, hört viel Verschiedenes von Gleichgültigkeit über Erschrockenheit bis zu tiefer Abscheu gegen die Fremden. Ein polnischer junger Mann mit Baseballkappe, der am Nachmittag nebst Freundin im Hafen flaniert, sagt seine Meinung unverbrämt: „Man sollte die Syrer und auch die anderen wieder nach Hause schicken. Dass bei denen Krieg ist, ist doch deren innere Angelegenheit.“ Von dem Hinweis auf unschuldige Zivilisten und Kinder lässt er sich nicht beeindrucken. Wenn es so weitergehe, werde Kos irgendwann eine muslimische Insel, behauptet der Mann. Dann zieht ihn seine Freundin, die zum Stadtbummel nur einen sehr kleinen Bikini trägt, weiter.

 Touristen und Flüchtlinge auf der Insel Kos
Zwei Welten prallen aufeinander: Touristen und Flüchtlinge auf der Insel Kos Bild: AP

Einem Fotografen der englischen Boulevardzeitung „The Sun“ ist es sogar gelungen, eine britische Kleinfamilie zu finden, die sich nicht blöd dabei vorkam, vor einer Gruppe wartender syrischer Männer zu posieren am Eingang des Stadions. Die drei hellhäutigen Briten, Eltern und Tochter, schauen traurig und wütend in die Kamera. Im Hintergrund liegen erschöpfte Kriegsflüchtlinge am Boden. Das Bild sieht aus, als seien die Hauptleidtragenden des Kriegs in Syrien diese Briten, deren Ferien verdorben sind, weil sie auf dem Weg vom Hotel zum Restaurant an Flüchtlingen vorbeigehen mussten.

Vielleicht war es der Ärger solcher Touristen und der örtlichen Restaurantbetreiber, von denen viele ihre Terrassen für die Flüchtlinge sperren, der den Bürgermeister schließlich zu der fatalen Fehlentscheidung trieb, 2000 Leute in ein Stadion ohne Ausstattung pferchen zu lassen. Mit lauten Rufen „Out! Out!“ sollen Ordnungshüter die Flüchtlinge verscheucht und zusammengetrieben haben.

„Sie kommen ja nicht ohne Grund einen so weiten Weg“

Manche Cafébetreiber in Kos versuchen den Kompromiss zwischen Normalität und Solidarität. Das Café de Paris, nur ein paar Schritte vom Stadion entfernt, ist eigentlich ein etwas feineres Etablissement mit sparsamem Design und überdachter Veranda. Seit sich vor die Aussicht auf blaue Wellen und die türkische Küstenlandschaft ein Flüchtlingslager geschoben hat, trinkt hier kaum noch ein Tourist seinen Espresso. Dafür sitzen an den Tischen Männer aus Syrien und Pakistan. Die Patronin Irene Tsagaruli, eine elegante Erscheinung mit Zweitwohnsitz in Athen, taucht manchmal unvermittelt auf, lugt den Gästen in die leeren Tassen und fordert sie auf, nicht den ganzen Tag zu bleiben. Aber immerhin dürfen sie hier überhaupt im Schatten sitzen und an Mehrfachsteckdosen ihre Mobiltelefone aufladen.

Die Gastgeberin gesteht zu, dass Kos eigentlich eine eher wohlhabende Insel ist. Viele hier seien politisch konservativ eingestellt und stünden den Sozialisten in Athen – vorsichtig ausgedrückt – skeptisch gegenüber. Für die Not der Flüchtlinge hat Tsagaruli durchaus Verständnis. „Sie kommen ja nicht ohne Grund einen so weiten Weg“, sagt sie. Natürlich müsse man ihnen helfen. Aber muss Kos sich nun an den Gedanken gewöhnen, das griechische Lampedusa zu sein? Muss man ein festes Aufnahmezentrum für die Flüchtlinge finden oder bauen? „Das wollen wir nicht“, sagt Tsagaruli. Und das wolle auch der Bürgermeister nicht, den sie als einen Freund bezeichnet.

Das ehemalige Hotel „Captain Elias“ bietet vielen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf
Das ehemalige Hotel „Captain Elias“ bietet vielen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf Bild: AP

Und weil er das nicht will, gibt es auf Kos auch noch einen Ort, den es in keinem Land der EU geben dürfte. Versteckt hinter Bauruinen, zwischen ausgetrockneten Feldern am Stadtrand von Kos, liegt das ehemalige Hotel „Captain Elias“. In der halb verfallenen Anlage ohne Türen und Fenster hausen seit drei Monaten Hunderte Flüchtlinge aller möglichen Nationalitäten, keine Syrer. Auf dem Höchststand waren es mehr als tausend Menschen. Matratzen liegen auf dem nackten Boden, Kinder laufen dazwischen umher. Weil der Platz nicht reicht, haben Männergruppen auf den umliegenden Feldern Zelte aus Blättern und Holzstücken gebaut.

Für viele Flüchtlinge ist Kos erst der Anfang

Dafür, dass es hier inzwischen zumindest ein paar Duschen gibt, hat „Ärzte ohne Grenzen“ gesorgt, nicht die Verwaltung der Insel. Von der Organisation kommen auch zwei große Zelte neben dem ausgetrockneten Hotelpool, in denen Afrikaner schlafen. Manche von ihnen sitzen schon drei Wochen hier fest. Es gibt keinen Strom, nachts wird es stockfinster, die Mobiltelefone sind leer, die Leute wütend und verzweifelt. Trinken kann man das Wasser aus dem Hahn, aber Essen verteilte hier zweieinhalb Monate lang nur eine Solidaritätsgruppe von gut 40 Inselbewohnern, die es bei Restaurants und Supermärkten erbetteln musste. Marie Pierre Amalvy gehört dazu, eine französische Fotografin, die schon Ewigkeiten auf Kos wohnt.

Sie ist am Nachmittag einmal schnell mit ihrem Auto vorbeigefahren, um ein paar Flaschen Limonade zu verteilen und nach dem rechten zu schauen. Kaum taucht sie auf, stürzen Leute mit tausend Bitten auf sie zu. Zahnpasta, Shampoo! Das bringe sie beim nächsten Mal wieder mit, vertröstet Almavy. Die Helfer seien eine Gruppe von Freunden gewesen, die sich entschlossen habe, etwas für die Flüchtlinge zu tun. Aber als plötzlich tausend Leute hier saßen und Essen von ihnen verlangten, wuchs ihnen die Verantwortung über den Kopf. Vor ein paar Wochen wandten sie sich an den Bürgermeister und verlangten, dass die Gemeinde endlich die Leute versorgen solle. Seitdem bringt die Armee in einem Kleinbus Huhn, Reis und Bohnen oder kleine pappige Sandwiches. Verteilen tun es die Freiwilligen. Aber es ist immer zu wenig. Wer hier strandet, den hat Europa noch schlechter empfangen als die Familie von Ghazal Bouta.

Die Syrerin erzählt am Mobiltelefon, sie seien nach langer Nachfahrt am nächsten Morgen gut angekommen in Athen. Die erste Nacht auf dem Festland haben sie im Hotel schlafen können und mussten nicht in ein Flüchtlingslager der Hauptstadt. Dort gehen die Zumutungen nämlich für jene weiter, die glauben, sie hätten mit Kos das Schlimmste hinter sich gelassen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot