Chavismus in Venezuela

Auch die Ewigkeit hat einmal ein Ende

Von Matthias Rüb, Caracas
06.03.2015
, 20:51
Säkulare Heiligenverehrung: Anhänger des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez in Caracas.
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An seinem zweiten Todestag wird Hugo Chávez, der „Comandante Eterno“, in Venezuela groß gefeiert. Doch dem Chavismus laufen die Anhänger davon.
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Man weiß nicht, wie man nennen soll, was am Donnerstag in Venezuela begonnen hat und bis zum 15. März dauern wird. Es ist eine Mischung aus aufgewärmter Staatstrauer, jährlichem Heldengedenken und säkularer Heiligenverehrung. Am 5. März 2013 starb der venezolanische Präsident Hugo Chávez – im Alter von 58 Jahren und nach zweijährigem Kampf gegen eine Krebserkrankung, über deren Art sich das Regime in Caracas bis heute in Schweigen hüllt. Zehn Tage lang soll nun der zweite Todestag von Chávez offiziell begangen werden – mit Feuerwerken und Märschen, Kundgebungen und Debatten, Sondersendungen im Staatsfernsehen und Sonderausgaben von regierungstreuen Zeitungen.

Vor zwei Jahren gehörte auch der Taxifahrer Manuel Lopez, der aus Angst vor Repressalien nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen will, zu den Hunderttausenden Venezolanern, die an Chávez’ Sarg vorbeidefilierten. Zum Begräbnis des Präsidenten und Revolutionsführers waren seinerzeit mehr als 30 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt gekommen.

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Lopez lebt mit Frau und Kindern in einem Viertel im Westen der Hauptstadt Caracas, wo an den Fassaden der unansehnlichen Wohnblocks riesenhafte Porträts des salutierenden „Comandante“ Hugo Chávez zu sehen sind. Oder auch nur sein stilisiertes Unterschriftskürzel. Oder Chávez auf dem Fahrrad, Chávez in der Hängematte, Chávez beim Abfeuern eines Gewehrs. Die Propaganda des Regimes unter Präsident Nicolás Maduro, wonach sein Amtsvorgänger eigentlich noch am Leben sei, stimmt jedenfalls mit Blick auf die Wandbilder von Caracas und anderen Städten Venezuelas: Hugo Chávez ist allgegenwärtig.

Lopez ist auch zwei Jahre nach Chávez‘ Tod ein treuer „Chavista“, wie die Anhänger der sozialistischen Ideologie des zum Präsidenten aufgestiegenen Fallschirmspringers der Streitkräfte heißen. Von der venezolanischen Opposition, die Maduro vorzeitig aus dem Präsidentenamt jagen will, hat er keine gute Meinung. „Das sind keine Menschen, das sind Tiere“, schimpft er. Und er glaubt auch zu wissen, wer hinter ihnen steckt: „Die Vereinigten Staaten mischen sich nicht nur bei uns in Venezuela ein, sie wollen die ganze Welt beherrschen. Aber die Welt hat sich geändert. Die Chinesen stehen auf unserer Seite, sie helfen uns, ohne uns kontrollieren zu wollen.“

Der Taxifahrer macht sich keine Illusionen über die Lage im Land: „Wir haben viele Probleme“, gesteht er ein. Die Versorgungsengpässe, die Gewaltkriminalität, die Inflation. „Alles wird immer teurer, nur das Benzin nicht, gottlob“, sagt er. Kürzlich musste er die Klimaanlage in seinem Jeep „Renegade“ austauschen, das hat ihn mehr als 350 Dollar gekostet; die meisten Dollars musste er sich auf dem Schwarzmarkt zum Umtauschkurs von rund 250 Bolívar zum Dollar besorgen. Dafür müsste der Taxifahrer nach seinem offiziellen Gehalt mehr als ein halbes Jahr arbeiten. Ohne Nebeneinkünfte – wie eigentlich verbotene Taxifahrten vom Flughafen in die Stadt für amerikanische Dollar – ginge nichts. Immerhin sei aber der Preis fürs Benzin seit Chávez’ Tod nicht gestiegen, lobt Lopez.

Genauer betrachtet ist der Benzinpreis in Venezuela sogar seit dem ersten Wahlsieg von Hugo Chávez im Jahr 1998 unverändert geblieben: Ein Liter Normal-Benzin kostet 0,070 Bolívar. Eine Tankfüllung von 70 Litern kostet also umgerechnet nach dem gegenwärtigen Schwarzmarktkurs nur rund 2 Dollarcent. Dass der venezolanische Staat das Benzin an seine Autofahrer faktisch verschenkt, kostet ihn jährlich rund 12 Milliarden Dollar an Subventionen. Der schwunghafte Schmuggel von Kraftstoff in die Nachbarländer Kolumbien und Brasilien spült nach offiziellen Schätzungen jährlich 2,2 Milliarden Dollar in die Taschen der Schmuggler. Zu den Köpfen der Schmuggelkartelle sollen auch Offiziere der Armee und des Grenzschutzes sowie Mitarbeiter des staatlichen Ölkonzerns PDVSA gehören.

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Wie tief der Chavismus in der venezolanischen Gesellschaft noch verwurzelt ist, ist umstritten. John Magdaleno, Politologe und Meinungsforscher an der Universität von Caracas, hat ermittelt, dass sich im Oktober 2012 – etwa ein halbes Jahr vor Chávez‘ Tod – 44 Prozent der Venezolaner selbst als „Chavistas“ bezeichnet haben; dieser Anteil ist auf jetzt 22 Prozent gefallen. „Das politische Kapital des Chavismus ist auf die Hälfte zusammengeschrumpft“, sagt Magdaleno. Parallel zu dieser Entwicklung hat Präsident Maduro Unterstützung in der Bevölkerung verloren. Kurz nach seinem knappen Sieg bei den Präsidentenwahlen vom April 2013, den die Opposition bis heute wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs nicht anerkennt, zeigten sich bei Umfragen der Meinungsforscher von „Datanalisis“ noch rund 51 Prozent der Venezolaner zufrieden mit der Amtsführung Maduros, den Chávez kurz vor seinem Tod zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Bei der jüngsten Umfrage von „Datanalisis“ vom Januar äußerten nur noch 22 Prozent der Befragten Zustimmung zu Maduro.

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Schwierige Zeiten
Begeisterung für „Chavismo“ in Venezuela lässt nach

Nostalgie für die alten Zeiten, als der charismatische Caudillo Hugo Chávez mit bombastischen Gesten, jovialen Reden und stundenlangen Fernsehsendungen das Volk über die Vorzüge des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ belehrte, erklären die anhaltende Popularität des „Comandante Eterno“, des Ewigen Befehlshabers, nur teilweise. Zahlenvergleiche belegen, dass es der venezolanischen Volkswirtschaft und somit den meisten Menschen in Venezuela vor zwei Jahren tatsächlich noch besser ging. 2012 war die venezolanische Wirtschaft noch um 5,6 Prozent gewachsen, 2014 wurde ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4 Prozent verzeichnet. War die Inflationsrate im Vorjahr vor Chávez‘ Tod mit 21 Prozent schon sehr hoch, so schoss sie 2014 auf mehr als 65 Prozent weiter in die Höhe. Besonders verheerend hat sich der internationale Preisverfall auf dem Ölmarkt für Venezuela ausgewirkt: Der Preis für das Barrel venezolanischen Rohöls sank seit Chávez‘ Tod von rund 102 Dollar auf jetzt knapp 49 Dollar. Dadurch schmolzen die Devisenreserven des Landes dahin, und die Verschuldung stieg rapide. Denn Venezuela bezieht 96 Prozent seiner Deviseneinnahmen aus dem Ölexport und muss bis zu 75 Prozent seiner Nahrungsmittel für die immer knapperen Dollar einführen.

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Maduro reagiert auf die Krise mit verschärfter Repression gegen die Opposition, die ihren inneren Streit zu überwinden sucht und auf einen Sieg bei den Parlamentswahlen Ende dieses Jahres hofft. Man sieht dieser Tage viele schwer bewaffnete Soldaten und Beamte des Geheimdienstes „Sebin“ an Straßenkreuzungen und vor Regierungsgebäuden. Einheiten der Nationalgarde und Stoßtrupps der gefürchteten „Guardia del Pueblo“ (Volksgarde) patrouillieren mit Maschinenpistole und Helm auf geländegängigen Motorrädern in den Straßen. Derweil sprühen die Gegner des Regimes im Schutz der Dunkelheit ihre Parolen auf Hauswände und aufs Straßenpflaster. Zwei Jahre nach dem Tod von Hugo Chávez herrscht kein Friede in Venezuela.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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