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Deutsches WM-Quartier

Millionen in den Strand gesetzt

Von Matthias Rüb, Porto Seguro
 - 09:01
Man spricht Deutsch: Das „Campo Bahia“ wirbt um Urlauber.zur Bildergalerie

Es ist wieder einmal knapp geworden für Luigi. Er musste die paar Meter vom Taxistand zur Fähre im Laufschritt zurücklegen, zusätzlich mit den Armen fuchteln und dem Kapitän der „Dodô“ zurufen. Hätte Luigi die Fähre über den Rio João de Tiba um halb eins in der Nacht nicht mehr erwischt, hätte er geschlagene zwei Stunden auf die nächste Überfahrt warten müssen. Luigi ist vor gut zehn Jahren aus Italien nach Brasilien gekommen. Der Liebe wegen. Die brasilianische Liebe ist vor ein paar Jahren gegangen, aber Luigi ist in Brasilien geblieben. Genauer in Santo André, einem Fischerdorf mit kaum 800 Einwohnern im brasilianischen Bundesstaat Bahia.

Vor gut einem Jahr ist das verschlafene Dörfchen Santo André berühmt geworden, weil die deutschen Fußballer für die Weltmeisterschaft in Brasilien dort Quartier bezogen. Das „Campo Bahia“, bestehend aus 14 schmucken zweistöckigen Villen, war von einem deutschen Investor und dessen brasilianischem Geschäftspartners eigens für diesen Zweck gebaut worden. Auch ein Trainingsgelände mit Fußballplatz, Flutlichtanlage und Umkleidekabinen hatten sie ein paar Kilometer von der Hotelanlage entfernt angelegt. Nach der Weltmeisterschaft solle die Anlage als Luxusresort kommerziell betrieben werden, ließen die Investoren wissen.

Die Abgeschiedenheit des „Campo Bahia“, so will es die inzwischen entstandene Legende, habe wesentlich zur physischen und vor allem mentalen Aufrüstung der deutschen Nationalkicker für das schwere Turnier beigetragen und damit die vierte Weltmeisterschaft irgendwie oder sogar maßgeblich mit ermöglicht. Hätten die Deutschen vor gut einem Jahr im Achtelfinale gegen Algerien nicht so viel Glück gehabt und wären ausgeschieden, würde die Wahl des Quartiers „Campo Bahia“ heute wahrscheinlich als irgendwie oder sogar maßgeblich mitverantwortlich für das klägliche Scheitern gelten.

Was hat sich in Santo André seit Juli 2014 geändert, womöglich verbessert? „Nichts, alles ist so, wie es vorher war“, sagt Luigi und sagen auch alle anderen Leute, die man dieser Tage in Santo André fragt. Die Dorfstraße ist nach wie vor eine Holperstrecke, ohne Asphaltierung und Befestigung. Der Traum, Santo André werde sich mit dem „Campo Bahia“ zu einer Destination für ökologisch bewussten Luxustourismus entwickeln, ist ein Traum geblieben. Ein findiger Bauentwickler hat ein großes Transparent auf ein Holzgestell aufspannen lassen, mit welchem er für sein „Resort Paraiso Jacuma“ um erhoffte Kundschaft aus Deutschland wirbt. Darauf ist eine deutsche Nationalflagge abgebildet, daneben stehen die Worte: „Willkommen. Seine Luxus-Haus am Strand. Von 399.000 Euro.“ Bisher hat kein deutscher Käufer 399 000 Euro für ein Strandhaus in dem abgelegenen Fischerdorf mit mangelhafter Infrastruktur übrig gehabt.

Santo André gehört zur Stadt Santa Cruz Cabrália, die ihren Namen dem portugiesischen Seefahrer Pedro Álvares Cabral verdankt. Die „Costa do Descobrimento“ (Küste der Entdeckung) mit ihren schier unendlich langen Sandstränden am Südatlantik ist eine beliebte Touristenregion, vor allem für einheimische Sommerfrischler aus dem kühlen Süden des Landes. Die allermeisten Besucher kommen am Flughafen von Porto Seguro an, und viele lassen sich sogleich in Bussen ins rund 25 Kilometer nördlich gelegene Santa Cruz Cabrália verfrachten. Dort gibt es jede Menge Hotels, Restaurants und Diskotheken.

Das, was es in Santa Cruz Cabrália im Überfluss gibt, gibt es in Santo André nicht. Und das ist ein Problem oder ein Segen, je nach Sichtweise. Für Luigi ist es beides. Er wohnt in Santo André, weil es dort ruhig und beschaulich zugeht. Aber seinen Lebensunterhalt verdient er in Santa Cruz Cabrália, weil er nur dort als Koch in einem italienischen Restaurant Arbeit findet. So pendelt er Tag um Tag mit der Fähre „Dodô“ über den Fluss.

Auch im „Campo Bahia“ herrscht himmlische Ruhe für die wenigen Gäste, die sich in der gepflegten Anlage verlieren. Auch das zum „Campo Bahia“ gehörende Trainingsgelände ist seit Monaten verwaist. Es ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben, daran sind Schilder mit der Aufschrift „Betreten verboten“ angebracht. Von der Strandseite her gelangt man aber durch ein offenes Tor im Zaun auf das Gelände. Der Rasenplatz ist in erstaunlich gutem Zustand, das Gras ist saftig grün, nur hier und da schießt ein wenig Unkraut in die Höhe.

Dass ein privater Investor für ein Luxusresort mit Fußballplatz an der Küste von Bahia mutmaßlich einige Millionen buchstäblich in den Sand gesetzt hat, ist symptomatisch für die Verwendung der Milliarden, die der brasilianische Steuerzahler für die Weltmeisterschaft 2014 aufzuwenden hatte. Acht der zwölf WM-Stadien, die für Gesamtkosten in Höhe von umgerechnet 3,5 Milliarden Euro errichtet oder renoviert wurden, haben allein im vergangenen Jahr ein Defizit von weiteren 42 Millionen Euro verursacht. Vor allem die Stadien in Städten ohne Fußballclubs in der ersten brasilianischen Liga sind wie erwartet zu Millionengräbern geworden. Der Parkplatz vor dem Nationalstadion der Hauptstadt Brasília wird als Busdepot genutzt, Teile der Tribüne sollen zu Büros für Angestellte der Stadtverwaltung umgebaut werden. Zumal in Manaus im Bundesstaat Amazonas und in Cuiabá in Mato Grosso hängen die mit Steuergeldern errichteten Stadion den Stadtverwaltungen wie Mühlsteine um den Hals, die sie immer tiefer in den Schuldenstrudel ziehen. Aber auch von den großen Infrastrukturprojekten, zumal im öffentlichen Nahverkehr, die mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Angriff genommen worden waren und rechtzeitig zum Anpfiff des Eröffnungsspiels hätten übergeben werden sollen, sind 22 bis heute noch nicht fertiggestellt worden oder wurden noch gar nicht begonnen. Das Parkhaus des Flughafens in Salvador da Bahia etwa, das vor mehr als einem Jahr hätte fertig sein sollen, ist bis heute eine Baustelle.

Vor einem Jahr verlor die brasilianische „Seleção“ im WM-Halbfinale von Brasília mit 1:7 gegen die deutsche Nationalmannschaft. Es ist jenes traumatische Ereignis, das sich im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft im eigenen Land am tiefsten in die kollektive Psyche der Brasilianer eingebrannt hat. Am Tag nach der Niederlage schrieb der Physiker André Luis Parreira in einem Kommentar für die Tageszeitung „Folha de São Paulo“, neben den verschwendeten Milliarden für den Stadionbau sei er von einem Ergebnis im Wettbewerb mit den Deutschen viel tiefer bestürzt als von jenem im Halbfinale vom Brasília. Es laute 0:103 und gebe die Zahl der seit 1901 vergebenen Nobelpreise an Vertreter der beiden Länder wider.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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