Migration

Flucht und Übertreibung in Arizona

Von Andreas Ross
26.07.2014
, 12:34
Oracle, Arizona: Proteste gegen Flüchtlinge, die über Mexiko nach Amerika wollen
Das Thema Einwanderung spaltet die Vereinigten Staaten. Jetzt kommt ein neuer Aspekt hinzu. Aus Mittelamerika reisen viele Kinder ein. Was tun mit den „unbegleiteten Minderjährigen“?
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Wir haben doch nichts gegen Kinder“, sagt Lois Black und richtet sich entrüstet in ihrem Campingstuhl auf. „Aber manche von denen bringen Tuberkulose oder Windpocken mit. Und zwar nicht die normalen, sondern ganz schlimme.“ Hinter der Rentnerin, die früher bei Walmart kassierte, steht Ron Thompson. Er trägt auf seiner sandfarbenen Weste das Abzeichen der „Arizona Border Defenders“ und „verteidigt“ nachts mit anderen Freiwilligen die Grenze gegen illegale Einwanderer.

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„Wir sind eine Art Such- und Rettungsdienst“, sagt der pensionierte Polizist und grinst breit. Manche der mittelamerikanischen Kinder, die seit Monaten zu Abertausenden in die Vereinigten Staaten strömen, seien mit der Schweinegrippe infiziert, hat er gehört. Thompson bezweifelt, dass die Gesundheitsbehörde alles im Griff hat. „Und das Dengue-Virus etwa ist sowieso kaum feststellbar.“ Es dauert etwas, bis sich auch Marilyn Melton mit ihrer leisen Stimme Gehör verschafft.

Sie sitzt zwei Klappsessel neben Lois Black unter der Zeltplane, die den Demonstranten an der Wüstenpiste bei Oracle Schatten spendet. „Wenn erst der Winter kommt“, unkt sie, „dann werden sich diese schrecklichen Krankheiten rasend schnell verbreiten.“ Die Wutbürger von Oracle, einer Ansammlung verstreuter Häuser und Ranches mit gut 3.500 Einwohnern, sagen es klar: „Wir wollen die hier nicht.“

„Ich habe solche Angst um meine Enkel!“

Die, das sind nach Gerüchten vierzig bis sechzig der bisher knapp 60.000 Minderjährigen vor allem aus Honduras, El Salvador und Guatemala, die sich seit dem vorigen Herbst ohne Eltern bis Texas durchgeschlagen haben und nun irgendwo auf ihre Anerkennung als Flüchtling oder ihre Abschiebung warten müssen. Hier, das ist die „Sycamore Boys Ranch“ im sandigen Nirgendwo von Arizona, wo schwererziehbaren Jugendlichen zwischen Riesenkakteen Disziplin beigebracht wird und die Bundesregierung offenbar ein paar Dutzend junge Immigranten unterbringen will.

Wer zur „Boys Ranch“ will, muss von dem kleinen Protestlager aus noch vier kurvenreiche Meilen die Schotterstraße hochfahren. Doch Marilyn Melton lässt sich nicht von dem Hinweis beruhigen, dass die Ausländerkinder weit entfernt von der Schule und den Läden im Ort untergebracht seien. Ihr ist bang, böse wirkt sie nicht. „Ich habe solche Angst um meine Enkel!“ Es ist erst halb zehn am Samstagmorgen, aber die Sonne hat die Mount Lemmon Road schon auf mehr als 35 Grad erhitzt. Trotzdem sitzen einige der gut zwanzig Demonstranten schon den fünften Tag in Folge hier.

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Es sind immer dieselben Pritschen- und Geländewagen, die an ihren Flaggen und Plakaten vorbeifahren. Darauf stehen Parolen wie „Setzt den Diktator ab“ oder „Non-Yankees Go Home“. Ihre Meinungen über die Kinder und Jugendlichen, die Mexiko meist halsbrecherisch auf dem Dach eines nicht grundlos „La Bestia“ genannten Güterzugs durchqueren, bevor sie den Rio Grande durchwaten und sich in Texas den Gesetzeshütern stellen, haben die aufgebrachten älteren Leute längst ausgetauscht.

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Auch ihrer Verachtung für Barack Obama haben sie einander ausgiebig versichert. Aber manchmal belebt ein neues Gerücht die Runde. „Wie ich höre“, verkündet Ron Thompson von der Bürgermiliz gewichtig, „sind die Kinder heute Nacht angekommen.“ Die Regierung habe ihren Gegnern, die in Zelten Wache hielten, ein Schnippchen geschlagen und den Transport über die gefährlichere Zufahrt von Süden aus abgewickelt. „Das ist doch verrückt, nachts mit einem Bus voller Kinder“, sagt Thompson.

Es fehlt an offiziellen Mitteilungen

Offenkundig stimmt es gar nicht. Aber es fehlt an offiziellen Mitteilungen, die dem Wüstengeflüster Einhalt gebieten könnten. Keine Bundesbehörde hat zur Stadt Oracle oder zu ihren Bürgern Kontakt aufgenommen. Presseanfragen bleiben unbeantwortet. Es gibt weder Gesundheitsbulletins noch Aufschlüsselungen, wie viele der Minderjährigen nach Einschätzung der Heimatschützer Rauschgiftbanden angehören. Dass Kinder in ihre Gemeinde kommen sollten, haben die Leute überhaupt nur von Paul Babeu gehört, dem Sheriff des Landkreises.

Provokanter Kritiker der Grenzpolitik Obamas: Paul Babeu
Provokanter Kritiker der Grenzpolitik Obamas: Paul Babeu Bild: AFP

Babeu ist einer, den die Fernsehsender anrufen, wenn sie einen provokanten Kritiker der Grenzpolitik Obamas etwas fragen wollen; der 45 Jahre alte Mann ist in seiner Uniform sehr telegen. Er will anonyme Hinweise von Grenzschützern bekommen haben und hat die Sache in die Öffentlichkeit getragen. Die Betreiber der „Sycamore Boys Ranch“ bestätigten dann in einer dürren Mitteilung die „dringende Anfrage“ der Regierung. Washington sucht im ganzen Land nach Orten, wo Ausländerkinder untergebracht werden können, während das Jugendamt prüft, bei welchen Verwandten sie ihr Verfahren abwarten können.

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Eines Morgens hing dann im Postamt von Oracle ein Aushang: Morgen kommen die Kinder. Keiner weiß angeblich, wer den Zettel an die Pinnwand geheftet hat. Aber im Tempo einer Wüstenspringmaus flitzte das Gerücht durch Arizona, und aus fernen Orten fuhren Demonstranten nach Oracle, um sich den unerwünschten Gästen in den Weg zu stellen. Ein paar hundert waren da, als tatsächlich ein Schulbus um die Ecke kam. Beinah wäre die Lage eskaliert, doch im letzten Moment begriffen die aufgebrachten Bürger, dass das nur Pfadfinder auf dem Weg ins Ferienlager waren.

„Wir protestieren hier nicht gegen die Kinder“

„Wir protestieren hier nicht gegen die Kinder“, bekräftigt Robert Skiba, der den kleinen Aufstand in Oracle organisiert hat und seine Worte bedächtiger wählt als die meisten hier. „Wir wehren uns dagegen, dass unsere Regierung nicht mit uns redet.“ Wären nicht alle seine Fragen und Bitten ignoriert worden, behauptet er, „dann hätten wir gemeinsam eine Lösung gefunden“. So laut auch über die „Invasion“ der Kinder geschimpft wird: Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der mit eigenen Augen einige der „unbegleiteten Minderjährigen“ gesehen hat, über die das Land streitet. Arturo Garino ist so jemand.

Will die „unbegleiteten Minderjährigen“ gesehen haben: Arturo Garino, Bürgermeister von Nogales
Will die „unbegleiteten Minderjährigen“ gesehen haben: Arturo Garino, Bürgermeister von Nogales Bild: Andreas Ross

Er ist Bürgermeister von Nogales, dem Grenzort hundert Meilen südlich von Oracle. Die mittelamerikanischen Kinder klettern zwar nicht über den hohen Stahlzaun in seiner Stadt, sondern kommen seit Jahr und Tag über Texas ins Land. Doch die Öffentlichkeit geriet erst in Aufruhr, als im Juni ein Grenzschutzgebäude in Nogales zum Durchgangslager umfunktioniert wurde und die Regierung mit der Verschickung der jungen Ausländer begann. Nahezu täglich werden mehr als hundert Kinder eingeflogen.

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Sie nehmen die Schlafplätze derjenigen ein, die auf den Weg zu Angehörigen irgendwo in den Vereinigten Staaten geschickt werden – egal, ob diese Väter und Mütter, Onkel und Tanten sich selbst legal aufhalten oder nicht. Garino erfuhr erst zwei Tage vor Ankunft des ersten Flugzeugs, dass seine Stadt zur Drehscheibe für die minderjährigen Einwanderer wird. Immerhin durfte er das Lager dann besichtigen. Vielleicht zwei Drittel der siebenhundert Mädchen und Jungen, die meist nur drei bis fünf Tage in Nogales blieben, seien schon Teenager, berichtet er. Die Katastrophenschutzbehörde versorge die Kinder gut.

Der Bürgermeister erzählt von Impfungen und zeigt sich überzeugt, dass die Beamten weder kranke Kinder noch Bandenmitglieder ziehen ließen. Der Demokrat hat ein Foto von sich mit Obama auf dem Schreibtisch stehen. Er weist die populäre Behauptung zurück, dass die Grenzschützer vor lauter „Windelwechseln“ die Sicherung der Grenze vernachlässigten. „Um die Kinder kümmern sich andere.“ Garino versteht, dass die Regierung „zum Schutz der Kinder“ die Öffentlichkeit von allen Auffanglagern fernhalte. Aber auch er wirft Washington Geheimniskrämerei vor. „Wie konnten monatelang Zehntausende Kinder in Texas ankommen, ohne dass wir davon erfahren haben?“

Aus Furcht vor der Bevölkerung habe die Regierung viel zu lange gezögert. Erst im Juni wurden Auffanglager eingerichtet und die Herkunftsländer nachdrücklich ermahnt, das Übel an der Wurzel zu packen. Am Freitag waren die Präsidenten aus Guatemala, Honduras und El Salvador ins Weiße Haus geladen. Sie sollen endlich den Banden, der Korruption und der Rechtlosigkeit Einhalt gebieten. Obama beantragte 3,7 Milliarden Dollar beim Kongress, um die „humanitäre Krise“ zu bewältigen.

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Amerika brauche keine weiteren Bedürftigen

Doch die Republikaner wollen zunächst ein Gesetz ändern, das der Kongress 2008 noch unter Präsident George W. Bush beschlossen hatte. Es verbietet die Abschiebung Minderjähriger aus nichtangrenzenden Ländern ohne Einzelfallprüfung. „Wie sollte das auch gehen?“, fragt Bürgermeister Garino. „Wer würde denn in Honduras ein Flugzeug voller Kinder in Empfang nehmen und für die Sicherheit der Abgeschobenen bürgen?“ Stolz erzählt Garino, dass die Bürger von Nogales sofort Kleidung und Spielsachen für die Kinder gesammelt hätten. Kathi Campana von der Maklervereinigung, die mit anderen Frauen tagelang Hosen und T-Shirts nach Größen sortierte, winkt ab.

Selbsternannte Grenzbewacher: Die Bürger Arizonas wollen sich wehren
Selbsternannte Grenzbewacher: Die Bürger Arizonas wollen sich wehren Bild: Andreas Ross

„Das ist doch selbstverständlich. Gerade wir Makler wollen, dass unsere Stadt ein freundlicher und einladender Ort ist.“ Aber dann spricht auch sie davon, dass sich Grenzschützer bei den Kindern mit der Krätze angesteckt hätten, dass Obama Kriminelle ins Land lasse und ihnen mit viel Geld helfen wolle, während es schon in Nogales viele arme Amerikaner gebe. „Hier wohnen Familien, die in ihren Autos schlafen müssen, und andere, die gar kein Auto haben, mit dem sie ihre Kinder zur Schule bringen könnten.“

Über Nacht entschieden sie, dass sie wegmussten

Das Sozialsystem sei seit der Krise so überfordert, sagt die Maklerin, „dass wir keine weiteren Bedürftigen brauchen können, die nichts zur Gesellschaft beizutragen haben“. Warum dann die Kleiderspenden? „Ich wollte, dass die Kinder saubere Sachen bekommen“, sagt Kathi Campana, „und dann nach Hause gehen.“ „Wenn wir zurückmüssen, wird alles noch viel schrecklicher“, sagt Mariela Barahona aus Honduras.

Sie und ihre Schwester haben den Süßigkeitenstand ja nicht mehr, mit dem sie sich in der Hauptstadt Tegucigalpa über Wasser hielten. „Nur noch Schulden haben wir dort“, fügt die 25 Jahre alte Frau traurig hinzu. Vor zwei Wochen hatten sie praktisch über Nacht entschieden, dass sie wegmussten, und der Mann, der ihnen mit der Flucht half, verlangte fünftausend Dollar. Für Mariela Barahona kam es nicht in Frage, ihre fünfjährige Tochter, ihre achtjährige Nichte und ihren zehnjährigen Neffen allein loszuschicken.

Vermutlich würden Tausende Kinder auf der Reise nach Norden überfallen und vergewaltigt. „Niemals“, sagt die Mutter fest, als müsse sie sich beweisen, dass sie nicht alle Würde verloren habe. Aber seit eine Bande den Schwestern Geld abpressen wollte, das die nicht hatten, wussten sie, dass ihre Kinder in Honduras praktisch vogelfrei sein würden. Also entsannen sie sich ihrer Tante, die es vor 33 Jahren nach Florida geschafft hatte.

„Familien werden nicht eingesperrt“

Die fünf mussten nicht auf dem Dach von „La Bestia“ ihr Leben riskieren, sie fuhren mit dem Bus. Gut geschmierte Grenzer sorgen dafür, dass die Einreise nach Guatemala und Mexiko für Durchreisende kein Problem ist. Gerade einmal 24 Stunden ist es jetzt her, dass der „Führer“, den die zwei Frauen so teuer bezahlt hatten, ihnen anvertraute, dass sie die letzten Meter nach Arizona allein gehen müssten – und dass sie vermutlich dem Grenzschutz in die Arme laufen würden. „Aber wir sollten uns keine Sorgen machen, denn Familien werden nicht eingesperrt.“ Tatsächlich ging es bei der Einwanderungsbehörde schnell.

Die Beamten riefen bei der Tante in Tampa an, deren Nummer Mariela Barahona bei sich trug. Sie forderten die Frau auf, ihren Verwandten Busfahrscheine für die Reise nach Florida zu kaufen. Am Morgen wurden die Schwestern dann mit einer anderen Familie am Busbahnhof in Tucson abgesetzt. Sie bekamen eine Vorladung in die Hand. Am 19. August müssen sie in Florida zu einer Anhörung. Mariela Barahona weicht der Frage aus, ob sie hingehen wird. Vermutlich weiß sie schon, dass die meisten Verfahren ein bis drei Jahre dauern, weil die Gerichte überlastet sind.

„La Bestia“: Auf dem Dach von Güterzugwagen „reisen“ viele Minderjährige durch Mexiko
„La Bestia“: Auf dem Dach von Güterzugwagen „reisen“ viele Minderjährige durch Mexiko Bild: AFP

Für Obamas Gegner läuft das auf eine Amnestie hinaus. „Diese Leute werden nie abgeschoben“, schimpft Sheriff Babeu. „Wir müssen doch eine Chance haben“, sagt Mariela Barahona in der Wartehalle leise und wischt sich Tränen aus den Augen. Die mit ihren Müttern geflohenen Kinder sind der sichtbare Zipfel des amerikanischen Flüchtlingsdramas. Weil die Zellen des Grenzschutzes überbelegt sind, werden täglich Dutzende Familien zu Busbahnhöfen gebracht. In Tucson begann das vor etwa zwei Monaten, als ohne Ankündigung auf einmal neunzig Frauen und Kinder auf dem Parkplatz abgesetzt wurden.

Die meisten wussten nicht, wo sie ihre reservierten Fahrscheine abholen konnten, geschweige denn, wo die Städte liegen, in die sie reisen sollten. Viele hatten fast nichts zu essen. Freiwillige organisierten Hilfe. Die Busgesellschaft Greyhound stellte ihren Besprechungsraum zur Verfügung, der nur durch ein Gitter von der Wartehalle abgetrennt ist. Beinah rund um die Uhr sorgen dort jetzt hilfsbereite Bürger dafür, dass die Frauen und Kinder versorgt werden, bis ihr Bus kommt und die nächste Etappe ihrer Flucht beginnt.

„Unser Land hat zur Unsicherheit in ihren Ländern beigetragen“

Steve Kozachik war genauso wenig wie die anderen Stadträte von Tucson vorgewarnt worden. „Mit der Intransparenz tut sich die Regierung wirklich keinen Gefallen“, schimpft er. Kozachik, der vor anderthalb Jahren im Streit über das Waffenrecht die Republikaner verließ und sich den Demokraten anschloss, sieht in den bei Greyhound Gestrandeten aber keine illegalen Einwanderer, sondern Flüchtlinge. „Unser Land hat zur Unsicherheit in ihren Ländern beigetragen“, sagt er und verweist auf eine Grafik: El Salvador, Honduras und Guatemala zählen zu den fünf Ländern der Welt mit der höchsten Mordrate.

Selbst der für Lateinamerika zuständige Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte hat neulich daran erinnert, dass es die Gewalt dort so nicht gäbe, wenn die Amerikaner ihr Rauschgift nicht so teuer bezahlten. Neulich hat eine junge Mutter am Busbahnhof erzählt, wie ihr ein Bandenboss eine Pistole an die Stirn gehalten und gefordert habe, sie solle ihren dreizehn Jahre alten Sohn übergeben. Sie flohen noch in derselben Nacht. Manche Banden zwingen Kinder, ihre Mitgliedschaft in der Bande mit einem Mord zu besiegeln.

Kozachik setzt sich jetzt für eine Art Zwischenlager in Tucson ein, um die unwürdige Situation am Busbahnhof zu beenden. „Ich stelle mir nicht die Frage, ob und wie weit wir die Schleusen öffnen können“, sagt er, „ich helfe Menschen in Not.“ Auf keinen Fall will er dafür Geld der Stadt einsetzen, die mit ihrer großen Universität eine liberale Enklave im konservativen Arizona ist. „Ich werde mir nicht nachsagen lassen, dass ich Steuergeld verschwende, um illegale Einwanderer zu beherbergen.“

Sheriff Babeu dagegen hält es für „obszön“, auch nur über die Gründe nachzudenken, die Eltern dazu bewegen könnten, ihre Kinder auf die Flucht zu schicken. Wenn die üble Lage in den Ländern Amerikas ein Problem sei, „warum starten wir dann nicht eine Luftbrücke und holen alle Kinder zu uns?“, fragt er zynisch. In Babeus Dienstzimmer hängt ein altes Wahlplakat von Ronald Reagan. Seinen ersten Versuch, sich in den Kongress wählen zu lassen, brach der Sheriff vor zwei Jahren wohl auch deshalb ab, weil sein früherer mexikanischer Lover ihn als schwul outete, Nacktfotos verbreitete und behauptete, Babeu habe ihm im Zank mit Abschiebung gedroht.

Doch als Sheriff wählten die Bürger Babeu wieder, und konservative Politiker suchen seine Nähe. Denn seit Jahren fordert der oberste Ordnungshüter vom Pinal County, die Nationalgarde an die Grenze zu schicken. Der texanische Gouverneur Rick Perry hat das für seinen Staat gerade angekündigt – aber es ist verfassungsrechtlich umstritten, ob die Soldaten überhaupt bewaffnet sein dürfen, wenn sie vom Gouverneur geschickt werden. Als Babeu vor Jahren zum ersten Mal verlangte, Tausende Soldaten an die Grenze zu schicken, antwortete ihm Arturo Garino aus Nogales, er solle sie doch an der Grenze seines Landkreises postieren, der achtzig Meilen vor Mexiko endet. Babeu lästerte, Garino habe wohl von derselben „Kool Aid“-Limo getrunken wie Obama.

Obama sei Amerikas größter Menschenschmuggler

Seitdem hat eine Kool-Aid-Flasche im Büro des Bürgermeisters einen Ehrenplatz. Babeu kann es nicht leiden, wenn Politiker aus den Grenzorten so tun, als verstünden die Leute weiter nördlich nichts von der Problematik. „Wir haben bei uns einmal 76 Mitglieder des Sinaloa-Kartells festgenommen, die 106 Waffen bei sich trugen“, sagt er. „Auf unseren Bergen stehen nachts die Spitzel der Kartelle und halten Ausschau.“ Garino dagegen verweist auf die insgesamt seit Jahren rückläufige Zahl illegaler Einreisen und sagt, die Krise um die Flüchtlingskinder habe nichts mit mangelhaftem Grenzschutz zu tun.

„Sie werden ja alle geschnappt.“ 90.000 unbegleitete Kinder könnten es am Ende des Haushaltsjahrs gewesen sein, fürchtet die Bundesregierung. „Unser Land geht endgültig pleite, wenn wir die ganze Welt durchfüttern“, sagt Lois Black in Oracle. Obama, den Satz wiederholen sie hier gern, sei Amerikas größter Menschenschmuggler, wenn er die Kinder jetzt über das ganze Land verteilen lasse.

Robert Skiba, der Organisator des Protests, ist nach langem Grübeln zu dem Schluss gekommen, dass sich die Regierung dem Gespräch mit dem Volk verweigere, weil sie Unruhe und Chaos stiften wolle. „Dann kann Obama das Kriegsrecht verhängen und für immer an der Macht bleiben“, sagt der frühere Personalchef. Er meint es ernst, „und alle meine Bekannten hier sehen das auch so“. Er habe sich vorgenommen, legt Skiba in aller Ruhe dar, selbst seine Anerkennung als Flüchtling zu beantragen. „Denn meine Regierung bedroht mein Leben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas
Andreas Ross
Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.
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