Fall Trayvon Martin

Er ist nicht Rodney King

Von Matthias Rüb, Washington
15.07.2013
, 20:22
Empörung: Tausende protestieren gegen den Freispruch des Todesschützen Zimmerman
Nach dem Freispruch im Fall Trayvon Martin, der 2012 in Florida erschossen wurde, wird womöglich Zivilklage erhoben. Kritiker erinnern an die Rassenunruhen 1992.
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Was wird jetzt eigentlich aus Bill Lee? Bekommt er seinen Job wieder? Wird er rehabilitiert? Der Name Bill Lee fiel nicht im Prozess gegen George Zimmerman, der am 26. Februar 2012 in der Stadt Sanford in Florida den 17 Jahre alten schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte und am späten Freitagabend vom Vorwurf des Mordes mit bedingtem Vorsatz freigesprochen wurde. Der Name Bill Lee fiel auch nicht in der Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung der Nachrichtensender über das Verfahren gegen George Zimmerman. Immerhin wurde Lee von einer lokalen Fernsehstation wenige Tage vor dem Urteilsspruch befragt.

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Bill Lee war an jenem verregneten Sonntagabend im Februar 2012, als Martin starb, Polizeichef von Sanford. Die Stadt nahe Orlando hat rund 54.000 Einwohner, gut 57 Prozent sind Weiße, 30 Prozent Schwarze und 13 Prozent andere Minderheiten. Bill Lee ist weiß. Er wurde am 26. Februar 2012 zum Tatort gerufen, wo der Polizeichef und seine Leute in dem Wohngebiet „The Retreat at Twin Lakes“ den getöteten Jungen Trayvon Martin auf einem Rasenstück neben einem Gehweg fanden. Martin trug einen Kapuzenpullover, er hatte sich bei einem kleinen Geschäft Kaubonbons und Eistee gekauft.

Polizeichef ist überzeugt, richtig gehandelt zu haben

Der Todesschütze George Zimmerman wurde von Lee und seinen Leuten vernommen, die Tatwaffe wurde sichergestellt, Spuren wurden gesichert. Und Zimmerman wurde noch am gleichen Abend nach Hause geschickt. „Warum haben Sie ihn nicht festgenommen?“, wurde Lee vom Reporter des Senders Local 6 in der vergangenen Woche gefragt. „Weil ich einen Eid abgelegt habe“, erwiderte Lee: „Die Verfassung und die Gesetze Floridas besagen, dass man niemanden festnehmen kann, wenn nicht ausreichend Verdachtsmomente gegen ihn vorliegen.“ Der Fall, über den zunächst nur örtliche Medien berichtet hatten, wuchs sich etwa vier Wochen später zum Gegenstand nationaler Erregung aus, und Polizeichef Lee wurde entlassen. Sein Nachfolger Cecil Smith ist übrigens Schwarzer.

Lee ist bis heute überzeugt, dass er richtig gehandelt hat. Hätte er Zimmerman festgenommen, hätte er die Stadt - seinen Arbeitgeber - dem Risiko eines Verfahrens wegen unrechtmäßiger Festnahme ausgesetzt, sagt Lee. Aber nachdem Zimmerman, der sichtbare Verletzungen am Hinterkopf und im Gesicht aufwies, noch an Ort und Stelle und später bei der Vernehmung im Polizeiquartier glaubwürdig versichert hatte, er habe in Notwehr gehandelt, sei ihm als Polizeichef nichts anderes übrig geblieben, als den Todesschützen freizulassen: „Wir hatten nicht genügend Informationen, um seine Aussage zu widerlegen oder anzuzweifeln.“

Er wollte vom Einkaufen nach Hause laufen: Trayvon Martin wurde am Abend des 26. Februar 2012 erschossen
Er wollte vom Einkaufen nach Hause laufen: Trayvon Martin wurde am Abend des 26. Februar 2012 erschossen Bild: AFP

Genau das ist - anderthalb Jahre später - auch einem ganzen Team von Staatsanwälten in dem viel beachteten Verfahren nicht gelungen. Zimmerman wurde von den sechs weiblichen Geschworenen - fünf Weißen und einer Latina - in der Nacht zum Samstag freigesprochen. Daraufhin kam es in verschiedenen amerikanischen Städten zu Protestmärschen gegen den Freispruch; abgesehen von einigen Rangeleien in New York mit der Polizei sowie von Sachbeschädigungen in Südkalifornien blieben die Demonstrationen friedlich.

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Präsident Barack Obama hatte kurz nach der mit Spannung erwarteten Urteilsverkündung zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen und daran erinnert, dass Gerichtsentscheidungen respektiert werden müssten: „Wir sind ein Rechtsstaat und die Geschworenen haben ihr Urteil gesprochen“, ließ der Präsident am Sonntagabend mitteilen.

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Obwohl George Zimmerman nach dem Strafverfahren das Gericht als freier Mann verlassen konnte und nicht ein zweites Mal wegen der gleichen Tat angeklagt werden kann, könnte er sich nun weiteren, zivilrechtlichen Prozessen ausgesetzt sehen. Das Justizministerium in Washington hat neue Ermittlungen gegen Zimmerman wegen des Verdachts der Verletzung der Bürgerrechte aufgenommen; auch die Eltern von Trayon Martin könnten ein zivilrechtliches Verfahren gegen Zimmerman anstrengen. Doch auch in einem Bürgerrechtsprozess könnte Zimmerman - wie schon in dem vorangegangen Strafverfahren - nur dann verurteilt werden, wenn ihm nachgewiesen werden würde, dass rassistische Vorurteile ihn unmittelbar zu seiner Tat veranlasst haben.

Im Strafverfahren scheiterte die Staatsanwaltschaft vor allem deshalb, weil ihr nicht der Nachweis gelang, dass Zimmerman die handgreifliche Auseinandersetzung mit Martin begonnen hatte, die schließlich zu dem tödlichen Schuss führte. Die Verteidigung dagegen konnte die Geschworenen davon überzeugen, dass dem 1,70 Meter großen Zimmerman Verletzungen wie das gebrochene Nasenbein, Schwellungen und Abschürfungen am Hinterkopf und im Gesicht von dem zehn Zentimeter größeren Trayvon Martin zugefügt worden waren, ehe er seine Pistole zog und abdrückte.

Ein Sachverständiger schien zudem die Version der Verteidigung zu bestätigen, wonach Martin den Angeklagten zu Boden geworfen, sich auf ihn gesetzt, Zimmermans Kopf auf den Gehweg geschlagen und ihn mit Faustschlägen traktiert habe, ehe Zimmerman - nachdem er 45 Sekunden um Hilfe gerufen habe - seine Waffe gezogen habe. Art und Ort des Durchschusses des T-Shirts sowie des Eintritts der Kugel in Martins Körper würden zeigen, dass die Kleidung Martins nach unten hing - was darauf schließen lasse, dass er sich über Zimmerman gebeugt haben müsse -, als der Schuss gefallen sei, sagte der Sachverständige, den freilich die Verteidigung bestellt hatte.

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Laut Verteidigung habe die Hautfarbe keine Rolle gespielt

Außerdem verfing die Taktik der Verteidigung, den Tod Martins immer wieder als Tragödie zu beklagen und Mitgefühl für den Schmerz der Eltern und Angehörigen des getöteten Teenagers zu zeigen, zugleich aber energisch zurückzuweisen, dass die Hautfarbe von Opfer und Täter eine Rolle bei dem Vorfall gespielt habe. Anders als der Fall Rodney King vor gut zwanzig Jahren tauge der Fall Zimmerman nicht zur Illustration der nach wie vor bestehenden Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika, argumentierte das Verteidigungsteam.

Der Schwarze Rodney King war im März 1991 nach einer Verfolgungsjagd in Los Angeles von fünf weißen Polizisten verprügelt worden. Die Videoaufnahmen der Gewaltorgie gingen seinerzeit um die Welt. Nach dem Freispruch der Polizisten vom April 1992 starben bei den schwersten Rassenunruhen seit Jahrzehnten 53 Menschen in Los Angeles. Seinerzeit wurde der Skandalfreispruch des örtlichen Gerichts durch ein vom Justizministerium angestrengtes Verfahren vor einem Bundesgericht mit Gefängnisstrafen für zwei der Beamten revidiert.

„Wir werden das Justizministerium dazu auffordern, wie im Fall Rodney King vorzugehen“, teilte der schwarze Pastor und einstige Präsidentschaftskandidat Al Sharpton mit. Justizminister Eric Holder prüft den Fall Zimmerman bereits. Doch ob die heutigen Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen in den Vereinigten Staaten mit jenen vor zwei Jahrzehnten vergleichbar sind, ist mehr als fraglich. Nach dem Urteil von Sanford und den bisherigen Reaktionen spricht viel dafür, dass der Fall George Zimmerman gerade nicht als Wiederholung des Falls Rodney King verstanden werden kann.

Trotz Massakern und des Falles Martin: Regulierung hat es schwer

Vor fast einem Jahr, am 20. Juli 2012, war ein Kino in der Stadt Aurora nahe Denver in Colorado Schauplatz eines Massakers: Der damals 24 Jahre alte und offenbar psychisch kranke Amokläufer James Holmes erschoss bei der Premiere des Batman-Films „The Dark Knight Rises“ zwölf Menschen, weitere 58 wurden zum Teil schwer verletzt. Das Hauptverfahren gegen Holmes beginnt im Februar 2014. Die Verteidigung wird auf Schuldunfähigkeit plädieren, weil sich Holmes während der Tat in einem „psychotischen Schub“ befunden habe.

Am 14. Dezember 2012 löschte der offenbar ebenfalls psychisch kranke, 20 Jahre alte Adam Lanza in einer Grundschule in Newtown in Connecticut 27 Leben aus, ehe er sich mit einer seiner Waffen selbst tötete. Die Regierung in Washington unternahm nach den Massakern von Aurora und Newtown den Versuch, eine Verschärfung der Waffengesetze - etwa das Verbot von Sturmgewehren und großen Munitionsmagazinen - zu erreichen. Der Versuch muss bisher als gescheitert gelten: Die Waffengesetze in den meisten Bundesstaaten bleiben lax. Der Verkauf von Sturmgewehren, Pistolen und Munition boomt, weil die Käufer vor einer befürchteten Verschärfung der Gesetze Vorräte anlegen.

Viel spricht dafür, dass auch Versuche, den Fall Zimmerman zum Anlass für die Verschärfung des in vielen Bundesstaaten weit ausgelegten Rechts auf Selbstverteidigung (Stand Your Ground) zu nehmen oder die vielerorts üblichen Bürgerwehren stärker zu regulieren, scheitern werden. In mehr als der Hälfte der 50 Bundesstaaten gibt es Gesetze, die das Recht auf Selbstverteidigung - etwa mit der eigenen Schusswaffe - weit auslegen: Wer sich selbst, sein Haus oder seine Wohnung bedroht sieht, kann sich zur Wehr setzen, ohne zuvor alle Möglichkeiten des Rückzugs und der Vermeidung einer gewaltsamen Auseinandersetzung ausgeschöpft zu haben.

In Florida gilt das Gesetz auch im öffentlichen Raum, nicht nur auf eigenem Grund und Boden. Umstritten ist, ob die immer weitere Verbreitung von Schusswaffen in Privathaushalten zu mehr Sicherheit oder umgekehrt zu mehr Gewalt führt. Gleiches gilt für die seit der Gewaltwelle der späten sechziger Jahre verbreitete Aufstellung von Bürgerwehren zum Kampf gegen Einbrüche und andere Verbrechen. Bisher regelt kein Gesetz auf Bundesebene, was die Mitglieder von Bürgerwehren tun dürfen und lassen müssen. Vielmehr bestimmen die örtlichen Polizeibehörden deren Regeln.

Die Erfahrung zeigt, dass nach Gewalttaten, die das Interesse der Nation wecken, in einer kurzen Periode die Unterstützung für schärfere Gesetze zunimmt. Doch bald pflegt das Pendel wieder zurück zu schwingen, und das Recht des Individuums, sich zu bewaffnen, sich zu verteidigen und im eigenen Lebensbereich die Sicherheit zu gewährleisten, behält die Oberhand. (rüb.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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