Amerika

Der Häftlingsstaat

Von Andreas Ross
20.03.2016
, 12:41
Endlich einmal ein Grund, auf sich selbst stolz zu sein: Sie haben es geschafft, ein Jahr ohne Drogen zu leben.
Texas kannte bisher kein Pardon: Lange Haftstrafen für Kleinkriminelle sind gewollt. Doch die Gefängnisse quellen über und Versuche, die minder schweren Fälle zu resozialisieren statt sie auf ewig wegzusperren, sind plötzlich auch bei Republikanern en vogue.

Die acht Neuen müssen in der ersten Reihe Platz nehmen. Angespannt blicken sie sich um. Dass Richter über ihre Zukunft befinden, kennen sie. Aber einer wie dieser ist ihnen noch nie begegnet. Richter Robert Francis trägt sein lila Hemd oben offen. Er überlässt das erhöhte Richterpult seinen Mitarbeitern, hockt auf einer Tischkante oder läuft herum, schüttelt Hände und klopft Sprüche. Auf den restlichen Bänken sitzen gut drei Dutzend Straftäter, die das Spiel schon kennen. Sie wurden vor Monaten aus der Haft entlassen und müssen seither zweimal wöchentlich im „Drogen-Wiedereingliederungsgericht Dallas“ Platz nehmen. Sie schauen die Neuen mal aufmunternd, mal feixend an, während Richter Francis sie befragt. Eine junge Weiße berichtet, dass sie ihr erstes Crystal Meth als Teenagerin von ihrer Mutter bekam und jetzt selbst vier Kinder habe. „Von wie vielen Vätern?“, fragt Judge Francis. „Drei.“ Der Richter will genau wissen, was seine Schützlinge umtreibt. „Mit wie vielen hast du Kontakt?“, hakt er nach. „Mit zweien.“

Neben der Frau sitzt ein weißer Mann, der erst mit 43 Jahren medikamentensüchtig wurde. Bald stahl er, um die Dealer bezahlen zu können. „Hat dein Magen das Zeug vertragen?“, erkundigt sich Richter Francis. „Danke“, pariert der Straftäter, „da kann ich nicht klagen.“ Der Saal kichert, Richter Francis grinst säuerlich. Aber er bittet um Applaus, als er hört, dass der Neue einen High-School-Abschluss hat. Die meisten hier haben es nie so weit gebracht. Eine Latina prahlt, dass sie bis zu ihrer ersten Schwangerschaft in Klasse elf eine Reservistenschule besucht habe und Scharfschützin sei. „Wie treffsicher bist du auf 200 Meter?“, fragt der Richter. „Der Schießstand war nur 15 Meter lang“, antwortet sie. „Schade“, sagt Francis, „ich hätte dich mit auf Hirschjagd nehmen können.“ Was die vor Tagen aus dem Gefängnis entlassene Frau nicht ahnt: Es wäre diesem Richter zuzutrauen. „Niemand, der Stress mit der Staatsgewalt hat, mag den Richter“, sagt Richter Francis. „Doch in Wahrheit ist man selbst derjenige, den man nicht leiden kann.“

„Rennt nicht weg und lügt uns nicht an“

Keiner widerspricht. Manche nicken. Viele sehnen sich danach, dem Kreislauf von Sucht, Kriminalität, Gewalt, Gefängnis, Erniedrigung und Armut zu entkommen. Das Team von Richter Francis bietet ihnen Hilfe, Ansporn und Aufsicht. Denn auch der Staat Texas ist es leid, immer wieder dieselben Menschen einzusperren und ihrer fortschreitenden Verrohung zuzusehen. Mitleid für Täter zählt zwar nicht zu den politischen Primärtugenden in einem Staat, den die Republikaner ziemlich breitbeinig regieren. Doch dass fast eine Viertelmillion der 27 Millionen Einwohner in Gefängnissen lebt und Hunderttausende nur auf Bewährung frei sind, passt auch Republikanern nicht. Schließlich nimmt die Kriminalität schon seit fünf Jahrzehnten ab. Und täglich kostet jeder Häftling fünfzig Dollar.

Nach Barack Obamas Worten stellen die Vereinigten Staaten fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber 25 Prozent der Weltgefängnisbevölkerung. Die Inhaftierungsrate sei viermal so hoch wie in China, klagt der Präsident. Amerika halte mehr Menschen hinter Gittern als Europas 35 größte Staaten zusammen. Binnen einer Generation hat sich die Zahl von Amerikas Häftlingen vervierfacht. Der Sozialist Bernie Sanders sieht darin die „wichtigste Bürgerrechtsfrage unserer Tage“. Bill Clinton bereitete der Präsidentschaftskampagne seiner Frau Hillary den Boden, indem er einen Fehler zugab: Der Bund sei während seiner Präsidentschaft über das Ziel hinausgeschossen, als er die Gesetze verschärfte. Selbst kleine Marihuana-Dealer werden seither oft für Jahrzehnte weggesperrt, wenn sie vorbestraft sind oder Bewährungsauflagen verletzen. Sogar der texanische Republikaner-Rechtsaußen Ted Cruz will die Mindeststrafen für nicht gewalttätige Kriminelle verringern, die in Amerika zwei- bis zehnmal so lang inhaftiert werden wie in Europa. Im Kongress tastet sich eine einmalige Allianz rechter Hardliner und linker Bürgerrechtler auf eine Reform zu. Und in Texas erkundet Richter Francis neue Wege.

Als verweichlichter Ostküsten-Sozialist lässt er sich nicht abtun. Viermal haben die Bürger von Dallas Francis zum Richter gewählt, natürlich als Republikaner. „Ich bin lebenslanges Mitglied der Waffenlobby NRA, fahre einen Pick-up, trage Stiefel, sage immerzu ,fuck‘ und habe sieben Hinrichtungsbefehle unterzeichnet. Ist das texanisch genug?“ Auch im Gerichtssaal schlägt Francis zwischendurch einen rüden Ton an. „Rennt nicht weg und lügt uns nicht an“, schärft er den Neuen ein. „Denn wir kriegen euch, und dann machen wir euch fertig. Und denkt daran: Mehrmals pro Woche pinkelt ihr in einen Becher. Ich erfahre es, wenn eine Probe dreckig ist.“

Zurück ins Gefängnis wegen verdünnter Urinprobe

Jeanne Brinkley hat es geschafft. Seit einem Jahr kommt sie fast täglich in das Gerichtsgebäude in Dallas: für Urinproben, Gesprächskreise, Termine beim Sozialarbeiter, zur Bezahlung der monatlichen Bewährungsgebühr von 60 Dollar und zu den Gruppen-Gerichtsverhandlungen mit Richter Francis. Die 28 Jahre alte Weiße hatte schon als Grundschülerin Alkohol getrunken und sich bald auf Marihuana verlegt. „Irgendwann hatte ich alles durch außer Heroin.“ Gedealt haben will sie nie. Aber als die Polizei den vorbestraften Vater ihrer Tochter mit einem kleinen Vorrat Gras erwischte, nahm sie die Schuld auf sich. Vergeblich: „Drei Monate später haben sie ihn für zehn Jahre eingebuchtet.“ Nun saßen beide Eltern im Gefängnis. Auch beim nächsten Mal nützte es Brinkley nichts, dass nicht sie, sondern ihr neuer Freund Drogen verkaufte. „Ich war allein zu Hause, als sie die Razzia machten.“ Die Polizei fand zwar nur eine kleine Menge Marihuana. Aber das Haus stand neben einer Schule, und so wurde das schwere Vergehen einer Wiederholungstäterin daraus. Nach ihrer Verurteilung vor zwei Jahren war nicht gleich ein Gefängnisbett frei, und Jeanne Brinkley durfte zu Hause warten. Sie tauchte unter. Die Fahnder traten bei ihren Eltern die Tür ein. „Meine Tochter erlebte mit, wie die Polizisten herumschrien und nach mir suchten.“ Ein Kopfgeldjäger wurde beauftragt. Brinkley stellte sich.

Geschlossen: Das Dwason State Jail am Rande von Dallas
Geschlossen: Das Dwason State Jail am Rande von Dallas Bild: Andreas Ross

Am Anfang ging Richter Francis Brinkley furchtbar auf die Nerven. „Wir sind übel aneinandergerasselt“, erzählen beide. Einmal ließ Brinkley einen Termin vor Gericht sausen, um bei ihrer erkrankten Tochter zu bleiben. Sie wollte sich dafür bei Richter Francis nicht entschuldigen. „Er brüllte mich an und schickte mich sofort ins Gefängnis. Dort musste ich meinen Geburtstag verbringen.“ Die vorzeitig entlassenen Dealer, Räuber, Gewalttäter und vereinzelten Mörder, die Francis in das Programm aufnimmt, dürfen zwar meist zu Hause leben. Doch der Richter kann sie nach Gutdünken ins Gefängnis stecken. Jeden Morgen, 365 Mal im Jahr, müssen die Straftäter vor sieben Uhr eine Hotline anrufen. So erfahren sie den Farbcode des Tages. Wenn ihre Farbe dran ist, haben sie nur wenige Stunden Zeit, um zum Gericht zu fahren und „in den Becher zu pinkeln“.

Laurentino Belmares weiß denn auch, warum er in der heutigen Sitzung auf der Sünderbank Platz nehmen muss. Er hatte eine verdünnte Urinprobe abgegeben. „Was war denn da los?“, fragt Francis freundlich. Belmares, der zweimal wegen häuslicher Gewalt einsaß, gibt alles: „Mann, ich habe hart gearbeitet und voll geschwitzt, also hab ich immer mehr Wasser getrunken, und dann konnte ich gar nicht mehr aufhören mit dem Pissen, und ich dachte nur: Warum ist das so hell heute?“ Wieder lacht der Saal, und auch den Richter scheint die Einlage zu unterhalten. „Yeah!“, sagt er, „drei Tage!“ Sofort führt ein Polizist Belmares ab. Das Kreisgefängnis ist nicht weit.

Drogengerichte und Rehabilitationsprogramme

So gut wie keiner seiner Schützlinge fürchte sich davor, wieder im Gefängnis zu leben, erklärt Richter Francis. Zu lange pendelten viele schon zwischen einem prekären Leben „draußen“ und der geregelten Ödnis „drinnen“. Zukunftspläne habe so gut wie niemand. „Aber für heute abend oder nächste Woche, da haben sie etwas vor. Zum Beispiel wollen fast alle in meinem Gerichtssaal heute noch Sex haben, am besten mehrmals.“ Deshalb wirke es viel abschreckender, wenn er sie nach Regelverstößen sofort einsperren lasse, aber dafür nur einige Tage hinter Gittern schmoren lasse.

Mitten in der Sitzung führt ein Polizist zwei Häftlinge herein, deren Hände an ihre Hüftgürtel gefesselt sind: einen stämmigen Schwarzen in gestreiftem Sträflingsoverall und eine junge Frau, unter deren aschfahlem Gesicht das graue Häftlingshemd beinah grell wirkt. Judge Francis hat die beiden vorige Woche ins Gefängnis geschickt. Der Mann hatte Drogen genommen, aber alles abgestritten. Der Richter war wütend und schickte ihn für 19 Tage in den Bau. Die Frau musste ins Gefängnis, weil sie ihre Psychopharmaka auf dem Schwarzmarkt verscherbelte und das Präparat eine Zeitlang unter Aufsicht einnehmen sollte. Jetzt kehrt der Richter wieder seine väterliche Seite heraus und verspricht, dass die beiden früher heimdürfen. „Aber erst am Montag. Denn was macht ihr alle gern freitags und samstags?“ Fröhlich antwortet ein Dutzend Straftäter im Chor: „We fuck up!“ Richtig, lobt der Richter und klingt nun wie ein Grundschullehrer: „Ihr zieht durch eure geliebten Straßen und werdet high.“ Die blasse Frau hat noch eine Frage, bevor es zurück in die Zelle geht. „Ich kann ja nirgendwohin“, sagt sie. „Soll ich am Montag einfach unter die Brücke?“ Es klingt nicht klagend, sie will es nur wissen. Francis bittet einen Mitarbeiter, nach einem Heimplatz für ein paar Tage zu fahnden.

Kontrolle von Häftlingspost in Texas
Kontrolle von Häftlingspost in Texas Bild: AP

Drogengerichte und Rehabilitationsprogramme sind nicht in Texas und nicht erst im 21. Jahrhundert erfunden worden. Anderswo ist es längst Konsens, dass man Haft am besten vom Ende her denkt: Irgendwann kommen die meisten Täter frei, und wenn sie bis dahin Eigenverantwortung völlig verlernen, hat die Gesellschaft wenig von dem Aufwand. „Mag alles sein“, sagt der Republikaner Jerry Madden. „Aber das hier ist Texas. Wir lassen uns doch nicht von anderen Staaten belehren!“ Behutsam hat Madden als Abgeordneter die Kehrtwende eingeleitet. Unerwartet hatte ihm der Fraktionschef vor elf Jahren den unbeliebten Vorsitz im Ausschuss für das Vollzugswesen zugeteilt. Der Armeeveteran Madden schluckte seinen Ärger hinunter und erkundigte sich nach seiner Mission. „Die folgenden acht Worte unseres politischen Führers änderten mein Leben. Er sagte: ,Bau keine neuen Gefängnisse. Sie kosten zu viel.‘“ Jerry Madden, Ingenieur im Hauptberuf, hatte keinen Schimmer vom Strafvollzug. Auch sonst schien im Abgeordnetenhaus von Austin niemand näher zu wissen, wohin die Milliarden flossen, die dafür bewilligt wurden.

Staatliche Unterbringung Hunderttausender mit Vollpension

Nur auf der „dunklen Seite der Macht“, erzählt Madden, habe er sachkundige Hilfe gefunden: bei einem demokratischen Senator. Ideologisch lebten die beiden Politiker auf verschiedenen Planeten. Madden verspürte keinerlei Neigung, die Sache als Rassismusproblem zu betrachten, nur weil schwarze Männer statistisch sechsmal so große Gefahr laufen, inhaftiert zu werden. Auch mit Armut habe Kriminalität wenig zu tun, „denn die meisten Armen begehen keine Verbrechen“. Es fiel Madden nicht ein, die Todesstrafe zu verteufeln. Er warf auch nicht der privaten Gefängnisindustrie vor, dass sie ihr geschäftliches Interesse an möglichst langen Haftstrafen für möglichst viele Texaner mit Wahlkampfspenden untermauerte. Um nicht von seinen Kollegen gevierteilt zu werden, schreckte Madden schließlich davor zurück, das Fass mit den Mindeststrafen aufzumachen. „Doch abseits der ideologischen Extreme waren wir uns zu achtzig Prozent einig.“ Zunächst reformierten sie den Jugendstrafvollzug. „Bis dahin hatten wir Jugendliche wegen Graffiti oder kleinen Mengen Drogen in Gefängnisse geschickt, wo sie dann vom Direktor vergewaltigt wurden“, sagt Madden. „So macht man keine besseren Menschen aus ihnen.“

Sodann führte Texas Programme für süchtige und psychisch kranke Straftäter ein. Dadurch wurden weniger Kriminelle rückfällig. Eine Art Denkmal für diese Leistung thront in einem Kilometer Entfernung von Richter Francis’ Gerichtssaal. Dort steht ein zehnstöckiges Gefängnis leer. Das „Dawson State Jail“ war erst 1997 eröffnet worden, um mehr als 2000 Männer und Frauen unterzubringen, die maximal zwei Jahre abzusitzen hatten. Nach Jahrzehnten der Neubauten markierte die Schließung dieser und zweier weiterer Anstalten im Jahr 2013 eine Trendwende – wenn auch eine bescheidene: Im Vergleich zum Höhepunkt der Inhaftierungswelle zählt Texas heute drei Prozent weniger Insassen. 108 Staatsgefängnisse sind weiterhin voll.

Andere Staaten wie New York oder Kalifornien haben ihre Häftlingszahlen um ein Viertel gedrückt. Dennoch geht das wichtigere Signal von Texas aus. Wenn die das können, sagen sich Republikaner im ganzen Land, dann dürfen auch sie einen neuen Blick riskieren. In den Südstaaten ist Jerry Madden ein gefragter Gesprächspartner. Was wäre ein besseres Beispiel für den Albtraum eines „großen Staats“, umgarnt der Texaner dann die Konservativen, als die staatliche Unterbringung Hunderttausender Bürger mit Vollpension? Madden fordert, „besser zu unterscheiden zwischen den Leuten, vor denen wir Angst haben, und denjenigen, auf die wir nur böse sind“. Etwa zwei von drei Häftlingen hätten zwar Strafe verdient, seien aber „ziemlich ungefährliche Hohlköpfe“. Madden würde die alte Parole „tough on crime“ nie für überholt erklären. Doch die Lobbygruppe, für die der Pensionär jetzt durchs Land reist, nennt sich „Right on Crime“: Zum „rechten Umgang“ mit Kriminalität gehört für sie Resozialisierung – zum Schutz, aber auch zur Schonung der Steuerzahler.

Zu Besuch in deutschen Gefängnissen

Ganz scheint Texas dem Trend nicht zu trauen. Gern würde die Stadt Dallas das „Dawson State Jail“ abreißen lassen. Der fast fensterlose Kubus verschandelt die Fläche am Trinity-Fluss. Doch im Innern stehen die mehr als tausend Doppelstockpritschen aus Metall bis heute in Reih und Glied. In kürzester Zeit könnte der Staat das Gefängnis wieder in Betrieb nehmen. Es war zwar in Verruf geraten: Der private Betreiber soll Häftlingen Zugang zu Ärzten verwehrt haben. Eine Insassin klagt, dass sie unter vergeblichen Hilfeschreien über einer Kloschüssel ihr Baby gebar, das nicht überlebte. Doch baulich entspricht das Gefängnis bis heute dem texanischen Standard. Wärter David Phillips hat deshalb die ungewohnte Aufgabe, den leeren Knast vor Eindringlingen zu schützen.

Auf den meisten Stockwerken befinden sich neben einem Trakt mit winzigen, finsteren Isolationszellen mehrere Schlafsäle. Schon kurz nach seiner Eröffnung war auch das „Dawson State Jail“ schon wieder zu klein geworden. Also wurden zwischen die ursprünglich 24 schmalen Stockbetten pro Saal weitere gezwängt, damit in jedem Raum 54 Straftäter hausen konnten. Einige Insassen blickten von ihren Liegeplätzen in die offene Dusche und auf die drei Toilettenschüsseln aus Stahl, die ohne Brille, Tür und Sichtschutz nebeneinanderstehen, mit eingelassenen Waschbecken zum Zähneputzen. Auch ihre Mahlzeiten nahmen die Häftlinge in ihrem Schlafraum ein – schichtweise, denn die festmontierten Metalltische und -sitze reichten nicht für alle. Die Wärter behielten alles von einem Glasverschlag aus im Auge. „Leider war es nicht immer möglich, auf den Frauen-Etagen nur weibliche Wärter einzusetzen“, sagt Phillips. Für Abwechslung sorgten nur eine spartanisch eingerichtete Turnhalle sowie ein Fernseher pro Schlafsaal – und die tägliche Prügelei um die Fernbedienung.

Vor allem nach der Rezession von 2009, geben Phillips und sein Chef zu, haben sich viele Wärter durch den Schmuggel von Tabak oder Drogen „ein bisschen was hinzuverdient“. Auch sexuelle Übergriffe seien praktisch unvermeidlich. „Das Sprichwort lautet: Nicht alle Übeltäter im Gefängnis sind eingesperrt“, sagen die Wärter lapidar. Zwei Monate dauert die Ausbildung für Mitarbeiter des texanischen Strafvollzugs. Die Personalsuche wurde immer schwieriger, denn der Fracking-Boom war für kräftige Job-Interessenten lukrativer als der Gefängnis-Boom. Im „Dawson State Jail“ bewachten manchmal nur 31 Wärter die mehr als 2000 Insassen. Neulich hat eine amerikanische Delegation deutsche Gefängnisse besucht. Die Gäste staunten über Einzelzellen mit Tageslicht und Bad, Familienfotos, Klotüren und Teeküchen sowie über die geringe Zahl gewaltsamer Zwischenfälle. Wie nach einer Expedition in eine unerforschte Kultur berichteten zwei Mitreisende später in der „New York Times“ verblüfft, „dass Respekt für die Menschenwürde sogar Gefängnisdirektoren als Leitlinie dienen kann“.

„Aber jetzt sind Sie mein Daddy, Richter Francis!“

Jeanne Brinkley ist siebenmal in so ein texanisches Gefängnis eingewiesen worden, wo man nie zur Ruhe kommt und während jeder Mahlzeit Mithäftlingen beim Stuhlgang zusehen muss – neunmal, wenn sie die Kurzaufenthalte mitzählt, die Richter Francis ihr aufbrummte. Endlich sieht sie sich gerüstet für ein neues Leben. Zur Abschlussfeier vom Drogen-Gericht haben sich alle Teilnehmer in einem großen Saal versammelt. Stolz tragen die 25 Absolventen dunkelblaue Talare, als würden sie gleich das Zeugnis einer Universität in die Hand gedrückt bekommen und nicht das Teilnahmezertifikat einer Wiedereingliederungsmaßnahme. Die Betreuer aus dem Team des Richters würdigen jeden Absolventen persönlich.

Dann treten die Straftäter selbst ans Mikrofon. Einigen versagt die Stimme. Viele bedanken sich bei Richter Francis. Ein Latino spricht aus, was viele denken: „Ich kann nicht glauben, dass ich heute auf einem Podium stehe und einen Richter rühme. Ich! Einen Richter!“ Ein anderer Absolvent dankt zunächst seiner 94 Jahre alten Großmutter, die ihn aufgezogen und jetzt auf dem schweren Weg des Entzugs begleitet habe. „Meinen echten Vater kenne ich nicht“, erklärt er. „Aber jetzt sind Sie mein Daddy, Richter Francis!“ Jeanne Brinkley trägt ihre neun Jahre alte Tochter mit auf die Bühne. Es ist eine gute Woche, vielleicht die erste ihres Erwachsenenlebens. Denn sie hat eben auch einen Bescheid der Schulbehörde erhalten: Künftig darf sie als Betreuerin mit aufs Spielfeld, wenn ihre Kleine einen Einsatz als Cheerleaderin hat. Die Behörde kennt Brinkleys Drogenkarriere. Jedermann kann ihre Akte im Internet lesen. „Als ich erfuhr, dass sie mich trotzdem zu den Kindern lassen“, sagt die Mutter unter Tränen und presst ihre Tochter an sich, „da wusste ich, dass ich alles schaffen kann.“

Am Montag auf der Seite „Die Gegenwart“ Mit seiner Größe und seinem Wohlstand hat Deutschland die EU destabilisiert. Und jetzt?
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas
Andreas Ross
Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.
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