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Papst in Amerika

Rappelvolles Herz Jesu

Von Andreas Ross, Washington
 - 16:11

In der Herz-Jesu-Kirche werden an diesem Sonntagmittag neun Babys getauft. „Wir freuen uns sehr darüber, dass die Täuflinge unsere Gemeinde verstärken“, sagt Pfarrer Moises Villalta und strahlt die Gläubigen an. Zwei Tage vorher, im Pfarrhaus, war dem Kapuzinerbruder noch ein Seufzer der Überforderung entwichen, als er nach der Größe seiner Gemeinde im Norden der Washingtoner Innenstadt gefragt wurde. „Wir haben viele Mitglieder, ganz schön viele, und es werden immer mehr.“ Bruder Moises stammt aus El Salvador, und auch die Herz-Jesu-Gemeinde besteht inzwischen zu 70 Prozent aus Zentralamerikanern und anderen „Latinos“. 1900 Familien haben sich im Pfarrhaus angemeldet, aber zu den Gottesdiensten kommen viel mehr.

Bis auf den letzten Platz sind die Kirchenbänke voll: junge Paare, die sich die ganze Messe lang im Arm halten; Kleinkinder in Rüschenkleidchen oder dunklen Anzügen; Großmütter in rosa Jogginghosen; Teenager, die sich mit ihren Geschwistern um Mamas Smartphone balgen. Die Kirche, die der Architekt vor knapp hundert Jahren der byzantinischen Kathedrale von Ravenna nachempfand, fasst immerhin gut tausend Menschen – und Bruder Moises feiert an jedem heiligen Sonntag fünfmal die Messe auf Spanisch: Am Vorabend um sechs, am Sonntagmorgen um acht, halb elf und zwölf, dann noch einmal am Abend um sechs. Jedes Mal wird es rappelvoll. Weil um zehn Uhr der englischsprachige Rest der Gemeinde die Kirche beansprucht, begnügen sich die Latinos um halb elf mit der Turnhalle der katholischen Schule. Um 15 Uhr gibt es in der Herz-Jesu-Kirche dann noch eine Messe auf Vietnamesisch und um Viertel nach vier eine weitere auf Kreolisch für die Haitianer. „Und alles unter dem Dach einer Gemeinde mit einem Pfarrer“, erklärt Moises Villalta. „Und das wäre dann ich.“

Die Kirche als erster Anlaufpunkt

Als Seelsorger ist der Kapuziner pausenlos gefragt. Von den Latinos seiner Gemeinde habe allenfalls jeder Zweite gültige Aufenthaltspapiere. In jüngster Zeit sind vor allem Kinder und Jugendliche hinzugekommen, die sich ohne ihre Eltern auf die gefährliche Reise nach Texas begeben hatten, dann meist monatelang in Lagern oder Heimen hausten und schließlich zu ihren Verwandten in die Hauptstadt geschickt wurden. Für viele ist die Kirche erster Anlaufpunkt. „Wir tun, was wir können“, sagt Bruder Moises, von Kleidersammlung bis Sonntagsschule. Aber für die meisten sei es „extrem schwierig“, in Washington Fuß zu fassen. Umso mehr freuen sich seine Schäfchen auf Papst Franziskus. An diesem Dienstag landet das spanischsprachige Oberhaupt der Katholiken in Washington. Für Mittwochmorgen hat Bruder Moises zur Frühmesse um sechs Uhr eingeladen. Danach will er mit den Gläubigen die vier Kilometer zum Weißen Haus hinunterlaufen. Für die ersten tausend hat der Pfarrer Armbänder, mit denen sie den Sperrbezirk hinter dem Weißen Haus betreten dürfen. So haben sie eine Chance, Franziskus nach seiner kurzen Begegnung mit Präsident Barack Obama zu sehen.

Kuba
Papst beendet seinen Kuba-Besuch
© AP, reuters

Vor Monaten hat der Papst selbst ausgeplaudert, wie er sich seinen ersten Besuch in den Vereinigten Staaten eigentlich vorgestellt hatte: Zu Fuß wollte er über die mexikanische Grenze einreisen. Das hätte zu seiner Geste vom Sommer 2013 gepasst, als er auf die italienische Insel Lampedusa reiste und für Flüchtlinge betete. Nun geht es doch an die amerikanische Ostküste, ins Herz der weltlichen Macht: Washington, New York, Philadelphia. Was Moises Villalta in einem der buntesten Stadtteile Washingtons erlebt, ist in der Region nicht die Regel. Die meisten katholischen Gemeinden schrumpfen. Hätte Franziskus Boom-Bistümer besuchen wollen, so hätte er wirklich in den Süden oder Westen des Landes reisen müssen: In Houston (Texas), Atlanta (Georgia), Fresno (Kalifornien) und Phoenix (Arizona) hat die Kirche in den vergangenen zehn Jahren jeweils zwischen 590 000 und 670 000 Neuzugänge gezählt.

Nach Erkenntnissen der Meinungsforscher vom Pew Research Center ist der Anteil der Katholiken an Amerikas wachsender Gesamtbevölkerung dennoch in den vergangenen acht Jahren um etwa drei Prozentpunkte auf knapp 21 Prozent gesunken. In den traditionellen Zentren katholischen Lebens im Norden und Osten der Vereinigten Staaten stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Menschen, die sich keiner Kirche (mehr) zugehörig fühlen, um fast sieben Prozentpunkte auf knapp 23 Prozent an. Das trifft auch die protestantischen Gemeinden. Doch scheint der Skandal um den Missbrauch von Kindern den Schwund in der katholischen Kirche stellenweise beschleunigt zu haben. Der Skandal steht nicht mehr wie 2008 bei der Amerika-Reise von Papst Benedikt im Vordergrund. Doch das gerichtliche Ringen um Entschädigungen ist noch lange nicht ausgestanden. Zu Beginn dieses Jahres beantragte das Erzbistum von Saint Paul und Minneapolis als zwölfte amerikanische Diözese binnen zehn Jahren Gläubigerschutz. Die katholische Kirche ist in den Vereinigten Staaten zwar vermutlich reicher als in allen anderen Ländern der Welt. Doch die Insolvenzverfahren werden auch als Mittel eingesetzt, um Bischöfe davor zu bewahren, in heiklen Gerichtsverfahren als Zeuge auftreten zu müssen.

In absoluten Zahlen wächst die Zahl der Gläubigen: 76 Millionen Amerikaner identifizieren sich als Katholiken – allerdings geht nur jeder Vierte von ihnen wöchentlich zur Kirche. Das Sakrament der Ehe bedeutet immer weniger Katholiken viel: In einem halben Jahrhundert hat sich die Zahl der kirchlichen Trauungen um 58 Prozent verringert. Rund die Hälfte der amerikanischen Katholiken hält Verhütungsmittel, „wilde Ehen“ oder eine neue Heirat nach einer Scheidung nicht mehr für Sünden; zwei von fünf Katholiken wollen auch homosexuelles Verhalten nicht als Unrecht ansehen. Diese Aufweichung von Glaubensgrundsätzen mag zum Priestermangel beitragen. Mehr als jede zehnte Gemeinde musste in den vergangenen 25 Jahren mit einer anderen verschmolzen oder aufgegeben werden.

Katholische Latinos werden abgeworben

Mit diesem Problem ist der Washingtoner Pfarrer Moises Villalta gut vertraut: Bevor er 2010 die Leitung der Herz-Jesu-Gemeinde übernahm, war er zehn Jahre lang für die Nachwuchsgewinnung bei den Kapuzinern zuständig. Es war zäh. Gerade im Süden und Westen, wo die Kirche so stark wächst, stößt sie aus Personalmangel an logistische Grenzen. Besser aufgestellte evangelikale Gemeinden nutzen das aus und gewinnen katholische Latinos für sich. „Mag sein, dass das anderswo passiert“, sagt Bruder Moises. „Hier haben wir so viel Zulauf, dass wir davon nichts mitbekommen.“

Zuletzt ist die Zuversicht unter Amerikas Katholiken wieder gewachsen. Womöglich gibt es einen „Franziskus-Effekt“, der die Herde wachsen lässt. Nachdem der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio 2013 auf den Stuhl Petri gelangt war, haben sich etliche junge Erwachsene taufen lassen, erzählt Bruder Moises. „Das waren meistens junge hispanische Berufstätige, die vorher keiner Kirche angehörten und die es ausdrücklich mit Franziskus’ Botschaft begründeten.“ Im ganzen Land wurden voriges Jahr fast 110 000 Erwachsene getauft. Das nimmt Amerikas erzkonservativen Bischöfen Wind aus den Segeln, die laut über den Wirbel geschimpft haben, den der neue Papst mit vielen seiner mehr oder minder bedachten Worte und Gesten verursacht hat. Sein Gastgeber in Philadelphia, Erzbischof Charles Chaput, rügte voriges Jahr in harschem Ton die teils positiven Signale von Franziskus gegenüber schwulen und lesbischen Katholiken. „Verwirrung ist des Teufels“, verkündete der von Benedikt ernannte Erzbischof, nachdem der Papst mit Blick auf Homosexuelle rhetorisch gefragt hatte: „Wer bin ich, darüber zu urteilen?“ Doch laut Umfragen ist der Papst sowohl unter Katholiken als auch in der amerikanischen Gesamtbevölkerung beliebter als „die Kirche“.

Noch ist Franziskus auf beiden Seiten des politisch-ideologischen Grabens populär, der die Vereinigten Staaten entzweit. Doch das könnte sich ändern, wenn Franziskus die Gebete vieler Latinos erhören und sich in seiner Rede vor dem Kongress am Donnerstag mit klaren Worten zugunsten illegaler Einwanderer in den Parteienstreit einmischen sollte. Nach der Sonntagsmesse in der Washingtoner Herz-Jesu-Kirche stellt sich die Lehrerin Jeanette Ramírez aus Honduras geduldig in eine Schlange, um sich mit einer Pappfigur des Pontifex fotografieren zu lassen. Der Papst komme wie gerufen, sagt sie. Denn Obama habe bisher wenig für die Migranten erreicht, und mit Donald Trump sei die Debatte noch viel aggressiver geworden. Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan hat Ende Juli in der Zeitung „New York Daily News“ tatsächlich einen Artikel gegen Trumps neuen „Nativismus“ veröffentlicht – wenn er den Namen des führenden Präsidentschaftskandidaten der Republikaner auch nur in einem Spiel mit dem Wort Trumpfkarte („Trump card“) ausschrieb. „Es ist nicht mein Job, den Leuten zu sagen, welchen Kandidaten sie unterstützen sollen“, schrieb der Erzbischof von New York, den ebenfalls Benedikt XVI. ernannt hatte. „Aber als Katholik nehme ich die biblische Lehre ernst, dass wir Fremde willkommen heißen sollen.“ Die katholische Bischofskonferenz wirbt seit langem für eine umfassende Einwanderungsreform. Sie bekennt sich zum Grenzschutz, aber vor allem hebt sie das „Recht von Fremden“ hervor, „sich zum Überleben Arbeit im Ausland zu suchen“.

Jeanette Ramírez hat von Bruder Moises keine der begehrten Karten für die Messe am Mittwochnachmittag erhalten, in der Franziskus den spanischen Missionar Junípero Serra heiligsprechen will, der im 18. Jahrhundert in Kalifornien Indianer in den Schoß der Kirche lockte oder nötigte. Doch wird sie am Mittwochmorgen mit die 16. Straße herunterlaufen, immer geradeaus zum Weißen Haus, vorbei an den wuchtigen Kirchen der Protestanten, die einst so abschätzig auf die irisch- oder polnischstämmigen Katholiken herabblickten wie heute viele Amerikaner auf die Latinos. Ramírez hofft sehr darauf, den Papst aus der Nähe zu sehen. Doch wenn sie ihren Pfarrer fragt, dann wird er ihre Erwartung bremsen, dass Franziskus den Republikanern die Leviten liest. „Ich liebe unseren Papst, weil er als Hirte, als Vater zu uns spricht“, sagt der Kapuziner aus El Salvador. „Lasst uns hoffen, dass die Leute, die ihm zuhören, sich von Gottes Wort berühren lassen.“ Zuerst die Gebrüder Castro in Kuba und dann die zankenden Politiker in Washington.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Ross
Redakteur in der Politik.
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