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Anerkennung Sloweniens und Kroatiens vor 20 Jahren

„Oder es wird zerfallen“

Von Michael Martens
 - 20:55

Am Nachmittag des 16. Dezember 1991 trafen sich die Außenminister der Europäischen Gemeinschaft im Brüsseler Charlemagne-Gebäude, um eine seit Wochen aufgeschobene Entscheidung zu fällen. Als die Minister vor die Presse traten, war der Morgen des 17. Dezember angebrochen. Immerhin konnte nun endlich eine Einigung in einem Streit verkündet werden, der seit Monaten ernsthafte Risse zwischen den zwölf Mitgliedstaaten offenbart hatte. Es ging um die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens. Deutschland und Dänemark waren dafür, Paris zögerte. Die britische Regierung war dagegen, ebenso die meisten anderen EG-Mitglieder und Washington. Dennoch einigten sich die EG-Außenminister am 17. Dezember 1991 auf Drängen Deutschlands im Grundsatz darauf, die Unabhängigkeit der beiden bedrängten Republiken zum 15. Januar 1992 anzuerkennen.

"Die Entscheidung zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens vollzog nur eine Entwicklung nach, die längst unumkehrbar war", stellte der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher unlängst in einem Gespräch mit dieser Zeitung fest. Tatsächlich bestand Jugoslawien im Dezember 1991 schon seit Monaten nur noch auf dem Papier. In Kroatien tobte der Krieg, Dubrovnik und andere Städte wurden von serbischem Militär beschossen. Von der Stadt Vukovar war nur ein Schutthaufen geblieben. Auch in Slowenien hatten Kämpfe stattgefunden, in Bosnien wurde zum Krieg gerüstet. Es ging längst nicht mehr um den Erhalt des Staates, sondern nur noch um die Aufteilung der Konkursmasse des kommunistischen Staates.

Obwohl die Chronologie des Zerfalls Jugoslawiens Genschers Aussage eindeutig bestätigt, hat sich eine bemerkenswert hartnäckige Legende entwickelt, die zeitweilig sogar in wissenschaftliche Literatur Einzug hielt. Deutschland, so ihr Kern, habe durch die "vorzeitige" oder "alleinige" Anerkennung Sloweniens und Kroatiens Jugoslawien zerstört, trage gar die Schuld am blutigen Zerfall des Staates. In seriösen Abhandlungen findet sich diese Legende mittlerweile kaum noch. Doch vor allem bei serbischen Nationalisten und deutschen Linken ist sie bis heute ein Axiom.

Marie-Janine Calic, Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, weist diese Darstellung zurück. "Weder am Zerfall noch an der blutigen Austragung des Konflikts tragen externe Akteure eine Schuld, sondern allein die Verantwortlichen in den Teilrepubliken." Tatsächlich habe der Auflösungsprozess Jugoslawiens schon in den achtziger Jahren begonnen. Regionale Ungleichgewichte, abweichende Reformvorstellungen, die immer schwieriger werdende wirtschaftliche Lage und eine tiefgreifende politische Legitimitätskrise seien die wichtigsten Gründe dafür gewesen. "Der Staat war 1990 praktisch handlungsunfähig. Die gemeinsamen Staatsorgane zerfielen, allen voran der Bund der Kommunisten Jugoslawiens, dann auch alle Bundesinstitutionen." Die Interessen der Beteiligten waren unvereinbar geworden. Serbien wollte den Erhalt Jugoslawiens, denn etwa ein Drittel der Serben lebte außerhalb dieser größten jugoslawischen Teilrepublik, vor allem in Bosnien und Kroatien. Das einende staatliche Dach wollten die Serben nicht verlieren. Kroatien und Slowenien andererseits wollten nicht "in einem dysfunktionalen und reformunfähigen Staat verharren".

Als sich abzeichnete, dass Jugoslawien auseinanderfallen würde, setzten Serbiens Präsident Slobodan Milosevic und die zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend serbisierte "Jugoslawische Volksarmee" (JNA) auf Plan B: Großserbien, also Krieg. "Entscheidend war der Generalstab der Jugoslawischen Volksarmee, der beschloss, die Serben in Kroatien zu ,verteidigen' und volle Kontrolle über Bosnien-Hercegovina zu erlangen", sagt Frau Calic.

Selbst in der westlichen Presse wurde zumeist verschwiegen, dass die Serben bei den ersten freien Wahlen Kroatiens mehrheitlich nicht die nationalistische Serbenpartei SDS, sondern die Sozialdemokraten unter dem Kroaten Ivica Racan gewählt hatten. Dass es in Kroatien vereinzelt zu Übergriffen auf Serben kam, geriet ebenfalls kaum ins Bewusstsein. "In den neunziger Jahren war immer wieder von ,den Kroaten' oder ,den Serben' die Rede. Dabei wurde übersehen, dass viele Kroaten nicht die Politik Tudjmans unterstützten und viele Serben nicht jene Milosevics", sagt der an der Universität Graz lehrende Südosteuropahistoriker Florian Bieber. "Das Syndrom der ,pet nations' in der westlichen Publizistik hat dazu beigetragen, die autoritäre Politik von Tudjman und Milosevic zu festigen, da implizit ihre Legitimität anerkannt wurde", so Bieber. Auch er ist aber der Ansicht, dass die Anerkennung von Kroatien und Slowenien eher zu spät als zu früh erfolgte.

Tatsächlich hat erst die Verzögerung der Anerkennung die Kriegstreiber ermutigt und ihnen die Verhandlungsbereitschaft genommen - nicht nur auf der serbischen Seite. Wie tief die Gräben schon Mitte 1991 waren, lässt sich den Memoiren des damaligen mazedonischen Präsidenten Kiro Gligorov entnehmen. Gligorov und der bosnische Präsident Alija Izetbegovic legten damals das Konzept eines Bundes souveräner jugoslawischer Staaten vor. Kurz zuvor, Ende Mai 1991, hatten der damalige EG-Kommissionspräsident Delors und der luxemburgische Regierungschef Santer, dessen Land die Ratspräsidentschaft innehatte, in Belgrad den Vorschlag unterbreitet, Jugoslawien könne "sofort" und außerhalb der üblichen Regeln ein assoziiertes Mitglied der EG werden. Dafür wurden Finanzhilfen von 5,5 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Voraussetzung sei eine friedliche Regelung der Krise. Die Beratung der jugoslawischen Republikpräsidenten über diesen Vorschlag schilderte der jüngst verstorbene Gligorov so: "Als erster meldet sich Tudjman und sagt: ,Wissen Sie, dies ist für Kroatien ein historischer Augenblick. Nach tausend Jahren werden wir den kroatischen Staat wiederherstellen, und ich bin nicht bereit, nicht für Milliarden, in solche Gespräche einzutreten.' Nach ihm meldet sich Milosevic mit den Worten: ,Meine Herren, ich bin entweder für einen modernen, starken Bundesstaat, oder nichts . . .'."

Hansjörg Eiff, von 1988 bis 1992 der letzte deutsche Botschafter im "jugoslawischen" Belgrad, verweist die Darstellung, Deutschland habe Jugoslawien zerstört, ebenfalls in das Reich der Legende. Die Kämpfe in Slowenien und Kroatien hätten schließlich schon ein halbes Jahr vor der Anerkennung der beiden Staaten begonnen. Eiff vertritt zwar die Ansicht, die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens habe die Entwicklung in Bosnien hin zum Krieg "wesentlich verstärkt". Im Rückblick auf seine damaligen Gespräche mit Izetbegovic, dem Serbenführer Radovan Karadzic und anderen Volksgruppenführern in Sarajevo fügt Eiff aber hinzu, selbst ein Aufschub der Anerkennung ohne parallele intensive internationale Bemühungen um Bosnien hätte den Ausbruch des Krieges im Frühjahr 1992 kaum verhindern können. Der im Dezember 2010 verstorbene amerikanische Bosnien-Sonderbeauftragte Richard Holbrooke sah das ähnlich: "Auch wenn die Entscheidung der Deutschen den Ausbruch des Krieges in Bosnien beschleunigte - nachdem einmal klar war, dass der Westen nicht eingreifen würde, war der Ausbruch des Krieges letztlich nur noch eine Frage der Zeit."

In einer kaum noch überschaubaren Zahl von Erinnerungen, Zeitzeugenaussagen, Protokollen des Haager Kriegsverbrechertribunals und anderen Dokumenten wird diese Ansicht bestätigt. Für die Behauptung, der Krieg in Bosnien wäre vermeidbar gewesen, hätte die EG Kroatien und Slowenien einige Wochen oder auch Monate später anerkannt, finden sich keine Anhaltspunkte. Es stimmt zwar, dass Izetbegovic vor der Anerkennung warnte, da als nächstes der Krieg in Bosnien auszubrechen drohe. Es stimmt aber auch, dass Izetbegovic Genscher während seines ersten Besuchs in Bonn am 22. November 1991 mit diesen Bedenken nicht konfrontierte.

Bedeutsam ist zudem, dass Izetbegovic dem Serbenführer Karadzic, der den bosnischen Muslimen mit ihrer Vernichtung gedroht hatte, sollten sie sich von Jugoslawien lossagen, martialisch entgegnete: "Für den Frieden würde ich nicht die Souveränität opfern, aber für die Souveränität würde ich den Frieden opfern." Diese Äußerung fiel am 14. Oktober 1991 im bosnischen Parlament in Sarajevo - drei Monate vor der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens. Bosnien befand sich damals schon auf dem Weg in einen Krieg, dessen Ausbruch der Westen nur hätte verhindern können, wäre er selbst bereit gewesen Krieg zu führen. Das war er 1991 aber noch nicht.

Dass sich die Legende von der deutschen Verschwörung gegen Jugoslawien dennoch so lange halten konnte, sagt viel über die Emotionen, die der Zerfall von Titos Staat aufwühlte. Mehr noch sagt es über die Zähigkeit politischer Mythen. Wie also kam es zu der Legende von den deutschen Totengräbern Jugoslawiens - und warum vertrat Deutschland 1991 eine so entschiedene Position?

Der Diplomat Jürgen Chrobog war acht Jahre Leiter der Presseabteilung im Bonner Außenamt gewesen, bevor er 1991 Politischer Direktor des Auswärtigen Amts wurde und an Genschers Seite an der entscheidenden Sitzung in Brüssel teilnahm. Noch heute wirkt Chrobog emotional, wenn er über die Ereignisse spricht, die sich vor zwanzig Jahren zugetragen haben. Gleich zu Beginn bringt der spätere Botschafter in Washington das Gespräch auf diese Zeitung, namentlich auf ihren damaligen Herausgeber Johann Georg Reißmüller. "Herr Reißmüller war ein massiver Anhänger einer sofortigen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens. Er hat ständig hierfür plädiert und über die F.A.Z. starken Druck ausgeübt, endlich die Anerkennung auszusprechen. Seine beinahe täglichen Leitartikel zu dieser Frage haben Kohls Jugoslawien-Politik getrieben. Und Kohl hat sich dann ebenfalls für die Anerkennung ausgesprochen, weil er diese Diskussion leid war. Die F.A.Z. hat damals einen unglaublichen Druck gemacht . . . Reißmüller hat uns alle unter erheblichen Handlungsdruck gesetzt."

Wie wirkmächtig Reißmüller war, belegt ein anderer, der auf deutscher Seite maßgeblich beteiligt war, ohne dass er seinen Namen in der Zeitung lesen möchte. Reißmüllers Kommentare hätten Helmut Kohl "zum Wahnsinn getrieben. Reißmüller hat uns alle angepestet, und . . . Kohl hat dann gesagt: ,Ich erkenne jetzt an, ich bin es leid.'"

Tatsächlich entfalteten die fast 130 Reportagen, Glossen und Leitartikel, die Reißmüller allein in den Jahren 1990 und 1991 über den Zerfall Jugoslawiens schrieb, eine beträchtliche Wirkung auf die deutsche Haltung in der Anerkennungsfrage. Reißmüller kannte Jugoslawien hervorragend. Er war von 1967 bis 1971 Korrespondent der F.A.Z. in Belgrad gewesen, hatte nach Ablauf dieser Zeit ein von kritischer Sympathie geprägtes Buch über das Land geschrieben ("Jugoslawien. Vielvölkerstaat zwischen Ost und West") und das Geschehen in Titos Staat auch später nicht aus den Augen verloren.

Damit hatte er vielen Zeitgenossen etwas Entscheidendes voraus. Für die meisten Deutschen war Jugoslawien stets ein fremder Planet. Helmut Schmidt gestand in dem Tito gewidmeten Kapitel seines 1990 erschienenen Buches "Die Deutschen und ihre Nachbarn" seine "spärlichen Kenntnisse" Jugoslawiens ein. Trotz mehrerer Reisen nach Südosteuropa seien ihm "die Beziehungen zwischen den Völkern und Staaten des Balkans nur in groben Umrissen und auch nur teilweise deutlich geworden". Wie groß musste da erst die Unkenntnis bei jenen sein, die nicht hauptberuflich Welterklärer waren?

Im Auswärtigen Amt gab es zwar einige hervorragende Jugoslawien-Fachleute, doch als der Zerfall des Staates längst eingesetzt hatte, verfügte die Behörde noch nicht einmal über ein eigenes Balkan-Referat. Bis 1991 fiel Jugoslawien in die Zuständigkeit des Referats 214, das für das gesamte nichtsowjetische sozialistische Europa von Polen bis Albanien zuständig war. Ein Jugoslawien-Referat wurde erst eingerichtet, als der Staat nicht mehr existierte. Desinteresse und Unkenntnis waren allgemein: Zwar hatten Millionen Westdeutsche ihren Urlaub an dalmatinischen oder montenegrinischen Stränden verbracht, doch das Hinterland des Küstenstreifens, die Geschichte und das Völkergewirr namens Jugoslawien waren ihnen fremd geblieben.

Reißmüller musste 1991 nicht erst nachschlagen, wo Bihac, Osijek oder Brcko liegen, warum ausgerechnet in Visegrad eine Brücke über die Drina führt, wo die Theiß in die Donau mündet, der Vardar zum Axios wird und wie weit es von Slawonien nach Slowenien ist. Ob man alle seine Ansichten über den jugoslawischen Konflikt teilte, war eine andere Frage. Natürlich finden sich in Reißmüllers Texten Irrtümer. Der Journalist, dessen Artikel auch nach Jahrzehnten noch ausnahmslos korrekte Einschätzungen enthalten, muss noch geboren werden. Reißmüllers Bewertung der Rolle des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman etwa wird man in der Rückschau schwerlich teilen. Es lässt sich kaum bestreiten, dass Tudjman ebenso wie Milosevic Bosnien zerstückeln wollte, dass er zudem, wäre er nicht 1999 gestorben, vom Haager Tribunal angeklagt und dort wahrscheinlich als politisch Verantwortlicher für die Kriegsverbrechen verurteilt worden wäre, die im Zuge der Befreiung Kroatiens von Belgrader Besatzung an serbischen Zivilisten begangen worden waren. Indes: Die letzten serbisch besetzten Gebiete Kroatiens wurden erst 1995 zurückerobert. Die dabei begangenen Verbrechen konnten mithin unmöglich im Jahr 1990 in das Urteil über Tudjman einfließen.

Verglichen mit den Irrtümern jener, die in den neunziger Jahren eine moralische Äquidistanz zu Tätern und Opfern predigten und selbst dann noch von "den Konfliktparteien" sprachen, wenn Angreifer und Angegriffene eindeutig zu unterscheiden waren, hat Reißmüllers schneidende Kritik an der Tatenlosigkeit des Westens in Jugoslawien dagegen nichts an ihrer Gültigkeit verloren. Ihren Höhepunkt erreichte Reißmüllers Entlarvung des Versagens der Staatengemeinschaft zur Zeit des Krieges gegen Bosnien. Doch schon 1991 entblößte er schonungslos die Hilflosigkeit westlicher Staatsmänner angesichts des unvermeidlichen Zerfalls Jugoslawiens.

Mehr als zwei Jahrzehnte später können viele Kommentare unverändert wiederabgedruckt werden. Im März 1989 etwa, viele Jahre bevor der Konflikt auf dem Amselfeld auf den Radarschirmen westlicher Politik auftauchte, schrieb Reißmüller in einem Leitartikel über die Unterdrückung der Kosovo-Albaner: "Die serbischen Kulturdenkmäler auf dem Amselfeld verdienen Schutz, und Serben müssen dort mit gleichen Rechten leben können. Aber ein Herrschaftsanspruch in einer Region lässt sich nicht mit der ethnischen Situation vor dreihundert Jahren begründen . . . Der serbische Unterwerfungswille im Kosovo wird scheitern am Selbstbehauptungswillen der Albaner; an ihrer hohen Geburtenrate, mit der sich die Nationalitäten-Relation in der Region immer mehr zu ihren Gunsten verändert; schließlich an dem Hass, den nationale Repression überall auf der Welt erzeugt . . . Eine Minderheit der Serben schaut weiter und sieht, dass Milosevic' Marsch in die Katastrophe führen muss. Denn Jugoslawien wird entweder eine Gemeinschaft gleichberechtigter Völker sein, oder es wird zerfallen." Diese Sätze enthalten Beginn und Ende des jugoslawischen Dramas in nuce - ein Jahrzehnt vor dem Einmarsch westlicher Truppen im Kosovo.

Ende 1991 zog Reißmüller unter der Überschrift "Absurditäten statt Politik" eine Bilanz des Versagens der EG. Der Artikel wirkt zynisch, doch das täuscht. Zynisch war die Politik, die der Herausgeber beschreibt. Reißmüller kritisiert das Festhalten westlicher Staatsmänner an dem jugoslawischen Scheinstaat, als dort längst der Krieg wütete: "So verblendet hing die westliche Staatengemeinschaft an Jugoslawien, dass sie dieses Gebilde auch dann noch als ihren Hauptgesprächspartner betrachtete, als es gar nicht mehr existierte. Immerzu verhandelte die EG mit jugoslawischen Staatsorganen, die längst entweder wesenlos oder zu Instrumenten Serbiens geworden waren." Anstatt die angegriffenen Republiken Slowenien und Kroatien zu unterstützen, wurde eine Kaskade von "Friedenskonferenzen" organisiert, die Milosevic und der JNA als spanische Wand diente, um den Krieg fortsetzen zu können. Reißmüller schob die Wand zur Seite: "So kam es, dass dem mit Krieg überzogenen Kroatien bei den von der EG arrangierten ,Friedensgesprächen' der Angreifer in zweifacher Gestalt begegnete: als Serbien und als Jugoslawien. Der Gipfel des Grotesken war dabei, dass die EG monatelang so tat, als stehe ,Jugoslawien' wie ein neutraler Dritter über den beiden Kriegsparteien."

Reißmüller schrieb auch über das Schweigen der Öffentlichkeit - es war immerhin das Jahr 1991. Kurz zuvor waren die Deutschen auf die Straßen gegangen und hatten Lichterketten organisiert, um unter der Losung "Kein Blut für Öl" gegen den Golf-Krieg zu demonstrieren. Aber da waren nicht Serben die Angreifer, sondern Amerikaner, die Lieblingsfeinde deutscher Nationalisten von links wie rechts.

Reißmüller musste nur das Offensichtliche aufschreiben, um das Groteske auf den Punkt zu bringen: "Auf kroatischem Boden tobte der erste Krieg seit 1945, aber der Westen sah es nicht . . . Im Angesicht dieser Aggression konnte die westliche Staatengemeinschaft zweierlei tun: entweder mit einer Streitmacht Serbien entgegentreten . . . oder der Republik Kroatien die zur Verteidigung notwendigen Waffen liefern. Keines von beidem geschah . . . Die Kroaten ziehen daraus den Schluss, ihr Fehler bestehe offensichtlich darin, dass ihr Land nicht wie der Irak Ölfelder habe." Als Tiefpunkt beschrieb Reißmüller das Waffenembargo gegen Kroatien und das "Triumphgeschrei, wenn in Deutschland oder Italien eine Behörde bekanntgibt, wieder habe man eine für Kroatien bestimmte Ladung Waffen abfangen können. Das ist, wie wenn ein Mörder auf offener Straße mit dem Messer auf jemanden losgeht, die Polizei aber zuschaut und aufpasst, dass niemand kommt und dem Opfer hilft."

Ende 1993 hieß es in der Wochenzeitung "Die Zeit": "Fast im Alleingang hat F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller den deutschen Vorstoß nach Jugoslawien, die Anerkennung Kroatiens, betrieben und auch erreicht." Die Behauptung war zwar ebenso ungenau wie bewusst verzerrend (die Formulierung vom "deutschen Vorstoß" sollte an die deutsche Zerschlagung Jugoslawiens im Jahr 1941 erinnern), doch sie umreißt die Koordinaten der Debatte recht genau.

Als Peter Glotz 1995 Otto von Habsburg mit der Bemerkung zitierte, die F.A.Z. habe die öffentliche Meinung so organisiert, "dass sogar Genscher sich dem anpassen musste", war das nicht als Kompliment gemeint, im Gegenteil. Glotz wollte in Reißmüller einen "Landsknecht" und "Gesinnungstäter" erkannt haben. Der österreichische Jugoslawien-Verklärer Peter Handke schrieb in seinem Buch über seine schönsten Ferienerlebnisse in Serbien ("Eine winterliche Reise") von den "Tendenzkartätschen aus der F.A.Z.", nannte die Zeitung "das zentrale europäische Serbenfressblatt" und einen gewissen "Reißwolf & Geifermüller" ihren "Hasswortführer".

Hartnäckig arbeitete sich auch "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein an dem von ihm zum "Kroatenprotektor" apostrophierten Reißmüller ab. Augstein demonstrierte zwar durch seine Kommentierung, dass er über Geschichte und Gegenwart des Balkans nur ein besseres Volkshochschulwissen besaß. Doch das hinderte ihn nicht daran, sein Hamburger Demokratiesturmgeschütz aus vollen Rohren feuern zu lassen. Im August 1992 spottete Augstein, ohne "die regelmäßige Kolumne von Johann Georg Reißmüller in der F.A.Z." wären die Deutschen nicht einmal auf die Idee gekommen, auf dem Balkan eingreifen zu müssen. Im Jahr 1993 bezichtigte er Reißmüller der "Kriegstreiberei". Schon Anfang Januar 1992, unmittelbar nach dem Beschluss zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, hatte Augstein geschrieben: "Es mag durchaus sein, dass Kanzler Kohl, anders als vermutlich Außenminister Genscher, die Lage nicht erfasst hat; beide jedenfalls lassen sich von einem allgemeinen Gefühl tragen, das besonders von der Frankfurter Allgemeinen - und von den Fernsehanstalten dieses Landes durch publikumswirksame Bilder - genährt wird."

Das von den Serben in Schutt und Asche gelegte Vukovar als publikumswirksames Bild - das war an Zynismus auch vom Belgrader Staatsfernsehen nicht zu unterbieten. Augstein warf Bonn Großmachtgehabe vor, gar Schlimmeres: Deutschland habe "die Serben provoziert". Nur keinen Ärger mit Belgrad, peace in our time. "Warum, und warum gerade wir, die wir doch am Ende der Schlange stehen müssten, wenn es um den Balkan und um die sogenannte Befriedung des Balkans geht?", schrieb Augstein.

Dasselbe Argument wurde später vorgebracht, um die Beteiligung Deutschlands an Einsätzen zur Beendigung des Völkermords in Bosnien in Misskredit zu bringen. Weil Deutsche auf dem Balkan schreckliche Massaker begangen hatten, sollten sie nun lieber zusehen, wie andere neue Massaker begingen. Als Reißmüller schrieb, die tatenlose westliche Welt verdiene das Vertrauen nicht, das die überfallenen Kroaten ihr trotz allem entgegenbrächten, entgegnete Augstein im "Spiegel": "Das fehlte noch, dass wir uns das Vertrauen titoistischer Bürgerkriegsparteien verdienen müssten."

Ein sehr deutscher Satz, getragen von jenem Überlegenheitsdünkel, der viele Fehler der europäischen Politik auf dem Balkan nach sich zog. Die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens zum 15. Januar 1992 kam zwar um ein halbes Jahr zu spät. Sie gehört aber zu den nicht allzu zahlreichen politisch klugen Entscheidungen der Europäer auf dem Balkan in der ersten Hälfte der neunziger Jahre.

Quelle: F.A.Z.
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
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