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Argentinien

Wahlen und andere Widrigkeiten

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
 - 14:13
Cristina Fernández de Kirchner, wie immer in Schwarz

Seit die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ihren Entschluss kundgetan hat, sich im Oktober der Wiederwahl zu stellen, reißt die Serie widriger Ereignisse nicht ab, die ihre Politik der einsamen Entscheidungen immer fragwürdiger erscheinen lässt. Die Bürgermeister-Stichwahl in der Hauptstadt Buenos Aires am Sonntag, bei der der konservative Amtsinhaber Mauricio Macri mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, ist eines dieser Menetekel: Der Zweiundfünfzigjährige besiegte in der zweiten Runde der Wahlen mit 64 Prozent der Stimmen deutlich Cristina Kirchners Kandidaten, den früheren Erziehungsminister Daniel Filmus. Diesen hatte die Präsidentin ohne jede Konsultation mit ihrer politischen Gruppierung, der peronistischen „Front für den Sieg“, oder anderen Gremien ausgewählt; schon in der ersten Wahlrunde hatte er ein unerwartet schlechtes Ergebnis erzielt.

Die gegenwärtig in verschiedenen Provinzen stattfindenden Regionalwahlen, die als Test für die nationalen Wahlen im Oktober gelten, brachten der Präsidentin ähnlich niederschmetternde Resultate. In der Provinz Santa Fe verlor der Gouverneurs-Kandidat, auf den sie gesetzt hatte, Stimmen an einen Außenseiter, einen Komiker, und musste sich weit abgeschlagen mit dem schmachvollen dritten Platz begnügen. Das Desaster war durch eine zielgerecht wenige Tage vor der Wahl von dem früheren Gouverneur Carlos Reutemann verbreitete Bemerkung, er sei von jeher Peronist, aber noch nie „Kirchnerist“ gewesen, entscheidend beeinflusst worden. Der in seiner Region und auch sonst bei vielen seiner Landsleute noch immer populäre Formel-1-Rennfahrer, der in Santa Fe einen Landwirtschaftsgroßbetrieb unterhält, hatte damit dem Bewerber Cristina Kirchners seine Unterstützung entzogen, oder vielmehr kundgetan, dass er ihn nie unterstützt habe.

Kritik an Cristina Kirchners hermetischem wie rätselhaftem Regierungsstil kommt ausgerechnet von einem, der einst einer der treuesten Vasallen ihres Ehemannes Néstor Kirchner während dessen Präsidentschaft zwischen 2003 und 2007 war. Der frühere Kabinettschef Alberto Fernández bemängelte in immer neuen öffentlichen Stellungnahmen, dass mit der Präsidentin keinerlei Diskussion möglich sei und man ihr auch keine Vorschläge für Kandidaten von Abgeordnetensitzen unterbreiten könne, weil sie die Wahllisten ihrer Gruppierung nach eigenem Gutdünken zusammenstelle.

Ehemaliger Kabinettschef äußert sich verächtlich

Fernández äußerte sich auch verächtlich über den Wirtschaftsminister Amado Boudou, den Frau Kirchner als ihren Stellvertreter-Kandidaten erwählt hatte. Wenn ihr verstorbener Ehemann sähe, „wie wir auf importierten Motorrädern mit wehenden Mähnen durch die Gegend fahren und die Nächte hier und da verbringen, würde er das wohl ziemlich übelnehmen“, bemerkte Fernández in Anspielung auf das jugendlich-rockige Gebaren Boudous, das aber offenbar gerade die Präsidentin besonders zu schätzen weiß. Fernández fand auch abschätzige Worte für die von Frau Kirchners Sohn Máximo gegründete politische Gruppierung „La Cámpora“, aus der sie erstaunlich viele Jung-„Kirchneristas“ auf die Wahllisten der „Front für den Sieg“ setzte. Die Bewegung habe ein „konfuses ideologisches Gesicht“ und habe sich nicht, wie sonst üblich, erst allmählich „bürokratisiert“, sondern habe sogleich mit der „Bürokratisierung“ begonnen, sagte Fernández.

Auf derlei Angriffe und die immer neuen Niederlagen pflegt Cristina Kirchner mit eisernem Schweigen zu reagieren. In der Öffentlichkeit lässt sie sich nichts anmerken. Auch bald ein Jahr nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes tritt sie noch immer in rigoros schwarzer Kleidung auf, pflegt jedoch immer häufiger wieder den hochfahrenden, belehrenden Ton, der eine Zeitlang durch die Trauer gemildert war. Auch an der Mystifizierung ihres Mannes arbeitet sie eifrig weiter. Sie erwähnt ihn selten beim Namen, sagt fast immer nur „er“, spricht von „ihm“. Als sich kürzlich bei einem ihrer Auftritte in der Präsidentschaftsresidenz in Olivos von selbst eine Tür öffnete, bemerkte sie geheimnisvoll: „Da kommt sicher gerade er herein.“ Um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen und sich nicht in die Karten schauen zu lassen, meidet Cristina Kirchner nach wie vor den Kontakt zur Presse.

Manchmal twittert sie enthusiastisch

Wohl kalkuliert scheint allerdings zu sein, dass sie rechtzeitig zu den internen Vorwahlen in allen Parteien am 14. August eine „offizielle“ Biografie veröffentlichen lässt, in der sie der Autorin Sandra Russo erstaunlich tiefen Einblick in ihr Privatleben und ihr Verhältnis zu ihrem verstorbenen Gatten gewährt. Sie hat wohl das Bedürfnis gespürt, ihren Landsleuten gegenüber etwas mehr menschliche Regungen zeigen zu müssen. Dazu passt, dass sie kürzlich während der Präsentation eines neuen Antitabakgesetzes unvermittelt bekannte, sie sei früher starke Raucherin gewesen und habe vermutlich deshalb 1984 nach sechs Monaten Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten. Und kürzlich hatte sie einen regelrechten Begeisterungskoller, als sie erfuhr, dass sie Großmutter wird. „Máximo, unser Sohn wird Papa! Ich werde einen Enkel haben! CFK Großmutter! Gott nimmt dir . . ., Gott gibt dir“, twitterte sie enthusiastisch.

In ihrer Biografie bestätigt Cristina Kirchner, dass es nicht ihre und ihres Gatten Néstor Art gewesen sei, öffentlich Gefühle zu zeigen und dass er trotz seiner oft aufbrausenden Art auch zärtlich sein konnte. Aber sie verschweigt auch nicht, dass sie sich mit ihm das ganze Eheleben lang gestritten habe. „Wir sind immer wieder aneinandergeraten, vom ersten bis zum letzten Tag“, erzählt sie und bekennt, dass sie auch in solchen privaten Situationen mit eisernem Schweigen reagiert habe. „Das war das Schlimmste, was ich ihm antun konnte. Es kam soweit, dass ich einen ganzen Tag nicht mit ihm redete“, heißt es in ihren Erinnerungen. „Und ein Tag war bei uns eine Ewigkeit.“

Quelle: F.A.Z.
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