Armut und Bandenkriege

Wird Haiti zu Amerikas Somalia?

Von Matthias Rüb, Rom
11.07.2021
, 10:18
Eine Menschenmenge umringt  am 8. Juli in Port au Prince einen Polizeiwagen, mit dem zwei Verdächtige des Attentats transportiert werden.
Im 19. Jahrhundert war Haiti in einer Sache ein Vorbild für die Vereinigten Staaten. Aber schon damals begann die Entwicklung, die das Land zu einem gescheiterten Staat gemacht hat.
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Für ein notorisch instabiles Land wie Haiti mag der Befund überraschen: Bis zum Mord an Präsident Jovenel Moïse in der Nacht zum Mittwoch war mehr als ein Jahrhundert lang kein amtierender haitianischer Staatschef gewaltsam ums Leben gekommen. Auf den Tod von Präsident Vilbrun Guillaume Sam am 28. Juli 1915, der von einer aufgebrachten Menge buchstäblich in Stücke gerissen wurde, folgte eine amerikanische Invasion. Auf Befehl von Präsident Woodrow Wilson stellten noch gleichentags 330 Marines in Port-au-Prince Ruhe und Ordnung wieder her. Die Marineinfanteristen hatten es nicht weit: Ihre Kriegsschiffe lagen im Hafen der Hauptstadt zum Schutz amerikanischer Geschäftsinteressen auf der Insel Hispaniola, die sich die Dominikanische Republik im Osten und Haiti im Westen teilen. Die amerikanische Besatzung Haitis dauerte bis August 1934.

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Wie vor 106 Jahren Präsident Sam hat auch Moïse sein jähes Ende maßgeblich selbst herbeigeführt: durch Machtanmaßung, durch Unterminierung der ohnedies schwachen Institutionen, durch Kungelei mit gewalttätigen Banden. Ob und in welcher Weise die Vereinigten Staaten auch dieses Mal wieder das ärmste Land der westlichen Hemisphäre vor dem Sturz ins vollständige Chaos bewahren werden, steht dahin. Unstrittig ist, dass das Land mit gut elf Millionen Einwohnern, von denen rund zwei Drittel in Armut leben und fast die Hälfte auf humanitäre Hilfe angewiesen ist, schon jetzt ein „failed state“ ist und zum „Somalia Amerikas“ zu werden droht.

Von Präsident Joe Biden ist ein Satz aus dem Jahr 1994 überliefert, der in all seiner Herzlosigkeit die damalige geostrategische Wirklichkeit widerspiegelt: „Wenn Haiti einfach in der Karibik versinken oder sich hundert Meter über den Meeresspiegel erheben würde, mit Blick auf unsere Interessen hätte es keine große Bedeutung.“

Doch anders als vor rund drei Jahrzehnten müssen die Vereinigten Staaten heute nicht mehr die jugoslawischen Zerfallskriege und den Völkermord auf dem Balkan beenden, weil die Europäer dazu seinerzeit nicht in der Lage waren. Heute breiten sich Instabilität und Gesetzlosigkeit, die Washingtons Interessen direkt berühren, in der unmittelbaren Nachbarschaft aus: in Mittelamerika und in der Karibik.

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In Wahrheit haben die großen Vereinigten Staaten für das kleine Haiti immer eine besondere Verantwortung. Denn die ungleichen „Schwesternationen“ verbindet eine besondere Geschichte. Haiti errang am Neujahrstag 1804 als zweites Land der westlichen Hemisphäre nach den Vereinigten Staaten seine Unabhängigkeit. Doch das Joch der Sklaverei schüttelte die junge karibische Nation sechs Jahrzehnte vor den Vereinigten Staaten ab, in einem Schlag mit der französischen Kolonialherrschaft.

Der Schriftsteller und Abolitionist Frederick Douglass, von 1891 bis 1893 Washingtons Gesandter in Port-au-Prince, hat die Vorbildrolle Haitis in einer Rede 1893 wie folgt beschrieben: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir die Freiheit, die wir heute genießen, zum Gutteil dem tapferen Kampf der schwarzen Söhne Haitis vor neunzig Jahren verdanken. Ihr Kampf für die Freiheit war ein Kampf für die Freiheit für jeden Schwarzen auf der Welt.“

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Eine endlose Reihe korrupter und unfähiger Führer

Es ist die Tragik Haitis, dass die stärksten Söhne des Landes ihren Kampf für Unabhängigkeit und Freiheit nach dem Sieg über Frankreich fortgesetzt haben: gegeneinander statt gemeinsam zu Nutz und Frommen des Volkes. Eine endlose Reihe von unfähigen, korrupten und einfach verrückten politischen Führern hat die große Hoffnung der Geburtsstunde Haitis immer wieder betrogen. Dabei haben die Haitianer gerade zu Krisenzeiten, etwa nach Naturkatastrophen wie dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 oder den vielen Hurrikanen, eine erstaunliche Resilienz und soziale Kohäsion gezeigt.

Doch dieses „Urvertrauen“ im Volk hat nie eine Führungselite hervorgebracht, die das nationale Interesse verfolgen würde. Stattdessen eskalierten die Machtkämpfe der allenfalls partikular oder rein persönlich Interessierten immer wieder. Immer wieder kam es zu amerikanischen oder amerikanisch geführten Interventionen: 1994 und 2001 jeweils wegen des einstigen Armenpriesters Jean-Bertrand Aristide, der im Präsidentenamt so machttrunken wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger wurde. Auch verschiedene UN-Missionen, von 1993 bis 2017, brachten Haiti keinen inneren Frieden und keinen nennenswerten Entwicklungsfortschritt. Stattdessen schleppten nepalesische UN-Soldaten, die kurz nach dem Erdbeben vom Januar 2010 nach Haiti kamen, die Cholera ein.

Nachhaltige Stabilität oder wenigstens ein Mindestmaß an öffentlicher Sicherheit im Land konnten in Haitis Geschichte bisher weder durch ausländische Streitkräfte noch durch eigene polizeiliche Kraft erreicht werden. Weder haben über die Jahrzehnte politische Unterstützung aus der Nachbarschaft und internationale Hilfe die demokratischen Institutionen gegen die Machtgier der einheimischen Politiker immunisieren können, noch auch ist dies der haitianischen Zivilgesellschaft aus eigener Kraft gelungen. Das anhaltende Misstrauen zwischen der schwarzen Mehrheit und der Minderheit der Mulatten, die nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung ausmacht, aber die wirtschaftliche Macht in Händen hält, bleibt ein weiterer Faktor der Instabilität.

Vier Jahre nach dem Ende der letzten UN-Mission in Haiti sind die demokratischen Institutionen des Landes faktisch zerstört. An Wahlen nimmt kaum noch jemand teil. Kriminelle Gangs kontrollieren weite Teile der Hauptstadt und liefern sich Verteilungskämpfe. Die öffentliche Sicherheit ist nicht gewährleistet. Nach zuletzt chaotischen Zeiten stehen Haiti noch chaotischere Zustände bevor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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