<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Armutsflüchtlinge

Mit der Bestie ins gelobte Land

Von Daniel Deckers, Saltillo
 - 14:21
zur Bildergalerie

Die Bestie faucht: lang, lang, kurz, lang, und nochmal: lang, lang, kurz, lang. Wie Morsezeichen senden die drei schweren Lokomotiven an der Spitze des kilometerlangen Lindwurms aus Kesselwagen und bis an den Rand mit neuen Autos beladenen Waggons das Signal ihrer nahen Ankunft durch die sternklare Nacht. Noch wenige Stunden sind es von hier bis hinauf an die Grenze, die Mexiko von den Vereinigten Staaten trennt und damit eines der reichsten Länder der Welt von dem Rest des Kontinentes, in dem Dutzende Millionen Menschen noch immer in Armut und Elend leben.

Und noch wenige Stunden, dann haben es auch die wieder einmal geschafft, die sich einige tausend Kilometer weiter im Süden den „Bestie“ genannten Güterzügen als menschliche Fracht anvertraut haben: Männer, aber zunehmend Jugendliche aus Zentralamerika, der von Armut, Arbeitslosigkeit und der höchsten Kriminalitätsrate weltweit gezeichneten Region zwischen Mexiko und Südamerika.

Für Stunden, vielleicht aber auch einige Tage, soll den Flüchtlingen nicht mehr nur die Sirene der schweren Diesellokomotiven in den Ohren gellen und das Schaukeln der Waggons den Schlaf rauben. Stattdessen werden ihnen die blechernen Glocken der noch aus der Kolonialzeit stammenden Kathedrale von Saltillo leise die Stunde schlagen. Denn hinter der Hauptstadt des Bundesstaates Coahuila, die sich in den vergangenen Jahrzehnten wie im Zeitraffer von einer beschaulichen Handelsstadt in der Wüste von Chihuahua in eine gesichtslose Agglomeration von Industriegebieten im Zeichen des nordamerikanischen Freihandels verwandelt hat, geht es auf die Grenze zu. Mit jedem Kilometer rückt der Rio Bravo näher, dahinter müssen erst die Grenzbefestigungen auf amerikanischer Seite überwunden und dann die texanische Wüste durchquert werden. Wer diese Prüfungen überleben will, der tut gut daran, ein letztes Mal auszuruhen und Kraft zu schöpfen.

Leichte Beute für die Kartelle

Lange ist es her, dass es in Saltillo vier kleine und zudem verstreut liegende Häuser gab, in denen die Flüchtlinge unter den bösen Augen der Nachbarschaft notdürftig Obdach fanden. Der Mord an zwei Zentralamerikanern im Jahr 2001 ließ Rául Vera López, dem neuen Bischof von Saltillo, keine Ruhe. Eine ehemalige Schule in unmittelbarer Nachbarschaft der Bahntrasse und einer Pfarrkirche wurde so um- und ausgebaut, dass das Gebäude weit mehr als hundert Durchreisenden zugleich Obdach und Sicherheit bietet. Die „Bethelem“ genannte Migrantenherberge wird vom vom Bistum Saltillo getragen. Nicht zuletzt dank der Unterstützung des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat konnte sie auf- und ausgebaut werden - auch ein Zentrum für Menschenrechte ist angegliedert, in dem sich fünf feste Mitarbeiter und eine große Zahl Freiwilliger mehr als nur den körperlichen Nöten der Durchreisenden annimmt. Das alles ist dringlicher denn je, obwohl sich die Zahl der Flüchtlinge aus Zentralamerika seit dem Jahr 2005 nach offiziellen Schätzungen um mehr als zwei Drittel auf insgesamt jetzt noch 140.000 im Jahr verringert hat.

Trotz „Migrationsgesetzes“, das im vergangenen Jahr im mexikanischen Parlament verabschiedet wurde und die elementaren Menschenrechte der Flüchtlinge garantieren soll, ist es um deren Sicherheit noch immer schlecht bestellt. Sie sind leichte Beute für die gemeinhin „Kartelle“ genannten Banden, die in den vergangenen Jahren nach und nach den gesamten Norden Mexikos in ein Schlachtfeld im Kampf um Transitrouten für Rauschgift, um die Vorherrschaft in den Städten und die Ausbeutung der Ware Mensch von der Kontrolle der Schmuggelorganisationen über Entführung und Erpressung der Armutsflüchtlinge bis hin zu Organhandel verwandelt haben.

Öffentlicher Protest der Bevölkerung bislang ausgeblieben

Die Verschlechterung der Sicherheitslage haben auch die jungen Deutschen zu spüren bekommen, die mit Unterstützung des weltweit tätigen „Jesuiten Flüchtlings-Dienstes“ regelmäßig für ein Jahr nach Saltillo entsandt worden waren. Denn damit ist es seit dem vergangenen Jahr vorbei. Nachdem eine Gruppe von Migranten im Beisein eines deutschen Freiwilligen nur wenige Meter von der Herberge entfernt bedroht wurde, wollte die Deutsche Botschaft in Mexiko das Engagement der Freiwilligen nicht mehr gutheißen. Zwar dienen die mittlerweile zur Routine gewordenen Schusswechsel an Straßenkreuzungen und die gezielten Tötungen zumeist der Begleichung offener Rechnungen unter den Kriminellen. Doch nicht nur in den am mexikanischen Ufer des Río Grande gelegenen Grenzstädten wie Piedras Negras, Nuevo Laredo oder Reynosa traut sich nach Einbruch der Dunkelheit so gut wie niemand mehr auf die Straße. Auch in Saltillo hat die allgemeine Unsicherheit so um sich gegriffen, dass das öffentliche Leben nach Sonnenuntergang allmählich erstirbt. „Inzwischen kann es jeden treffen,“ so beschreibt Jackie Campbell, eine Menschenrechtsaktivistin, die seit den neunziger Jahren an der Seite von Bischof Vera arbeitet, die von Furcht geprägte Stimmung in der Stadt.

Öffentlicher Protest oder gar entschiedene Gegenwehr der Bevölkerung sind bislang ausgeblieben. Wie überall im Land, so fügten sich auch im vergleichsweise wohlhabenden Norden die meisten Mexikaner in ihr Schicksal und versuchen, sich auf das vermeintlich Unabänderliche einzustellen. Die Nachrichten darüber, wann und wo in der Stadt oder im Umland gerade Schüsse gefallen sind oder eine Entführung stattgefunden hat, werden mittlerweile von der Staatsanwaltschaft in Echtzeit über die internetgestützten sozialen Netzwerke Twitter und Facebook verbreitet. So genügt ein Blick auf den Bildschirm des Mobiltelefons oder des Computers, um zu wissen, ob es ratsam ist, den Besuch bei Freunden oder das Abendessen im Restaurant noch nicht zu beenden, oder aber vielleicht eine andere Strecke für die Heimreise zu wählen.

Diese Sorge haben Adán und Melvin, die unter der Flagge ihres Heimatlandes Honduras in „Bethlehem“ den Pförtnerdienst versehen, heute nicht. Mitte Januar sind sie in Zentralamerika aufgebrochen und haben sich in nur zehn Tagen bis Saltillo durchgeschlagen. Jetzt führen sie schon fast vier Wochen in der Herberge ein strenges Regiment. Wer Einlass begehrt, wird registriert und über die Verhaltensmaßregeln ins Bild gesetzt: keine Waffen, kein Rauschgift, keine krummen Geschäfte.

„Heute ist es viel gefährlicher“

Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Salvadorianern, die im Morgengrauen angekommen ist, hat das Ankunftsritual einschließlich Duschen, Haare schneiden und Rasieren mittlerweile hinter sich. Auch die Rucksäcke, das untrügliche Kennzeichen der Flüchtlinge, liegen schon zusammen mit denen aller anderen in einem überladenen Regal vor dem Schlafsaal. Männer sind gerade der Pubertät entwachsen, andere, wie Manolo könnten deren Väter sein. „Meine Frau und meine Kinder sind in San Salvador geblieben“, sagt der stämmige Mann, während er sich sorgfältig die Haut eincremt. Am Tag glühende Hitze, in der Wüstennacht Temperaturen um den Gefrierpunkt, ob im Fahrtwind auf dem Dach der Waggons oder auf schmalen Stegen über den Puffern. Aber Manolo blickt nicht zurück. Chicago heißt sein Ziel. Dort lebe sein Bruder, der werde ihm schon eine Arbeit besorgen. Und der Weg über die Grenze? „Wir sind mit dem Segen Gottes unterwegs“, sagt Manolo ohne jede Regung. Wie fast alle aus seiner Gruppe trägt er einen Rosenkranz um den Hals.

Melvin dagegen weiß, was ihn erwartet - und auch, was anders geworden ist, seit er sich vor neun Jahren zum ersten Mal in Honduras aufgemacht hat, die Fahrt mit der „Bestie“ und den endlosen Marsch durch die texanische Wüste überlebt hat, bis er in New York ankam und seither auf dem Bau so gut verdient, dass er sich in seiner Heimat ein Haus hat bauen können und zum Weihnachtsfest von New York zurück nach Honduras fliegen. „Ich wollte meine Brüder wiedersehen“, sagt Melvin. Jetzt kehrt er auf demselben Weg nach New York zurück, den er schon einmal genommen hat. „Noch zwei Jahre will ich dort arbeiten, dann ist es genug.“

Ob es nochmals schaffen wird? „Heute ist es viel gefährlicher als damals“, sagt er. Bis vor kurzem galten die Regionen im Süden Mexikos als die gefährlichsten. Dort spielten sich im vergangenen Jahr die meisten der offiziell geschätzten 18.000 Entführungen ab, dort wurden die meisten Frauen verschleppt und sexuell ausgebeutet. Heute machen sich kaum noch Frauen auf den Weg. Und die Männer, die bis Saltillo gekommen sind, haben nach dem Schrecken im Süden des Landes den im Norden vor Augen: Etwa die Bilder jenes Augusttages im Jahr 2010, als mexikanische Sicherheitskräfte in einem abgelegenen Gebäude im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas 72 Leichname fanden. Ermordet worden waren die zumeist aus Zentralamerika stammenden Flüchtlinge von den Zetas, einer an Brutalität nicht zu überbietenden Mörderbande um ehemalige Angehörige militärischer Spezialeinheiten aus Mexiko und Guatemala. Ende der neunziger Jahre hatten die Soldaten die Seiten gewechselt, um als militärischer Arm des Golf-Kartells Furcht und Schrecken zu verbreiten. Seit dem Jahr 2002 erpressen und morden die Zetas auf eigene Rechnung. Doch das Risiko, in die Fänge von Verbrechern zu geraten, hat Melvin und alle anderen nicht davon abgehalten, sich von der „Bestie“ bis in den Norden Mexikos tragen zu lassen. „Es gibt halt viele Kriminelle“, so lautet der lakonische Kommentar zu der fast alltäglichen Bedrohung.

„Vertraue niemandem“

Freilich morden, entführen, erpressen oder vergewaltigen die Zetas nicht erst seit kurzem und nicht nur entlang des Río Grande. Da der Rauschgifthandel allein nicht genügend Geld abwirft, um ein Heer von Killern zu bezahlen und sich zugleich das Wohlwollen von Politikern und Sicherheitskräften zu erkaufen, leben die Zetas schon lange nicht mehr nur vom Geleitschutz für Rauschgifttransporte im Nordwesten Mexikos. Als ebenso lukrativ erwiesen haben sich die Erpressung von Schutzgeldern in den reichen Industriemetropolen im Norden Mexikos und die Schreckensherrschaft entlang der Transitrouten der zentralamerikanischen Flüchtlinge.

Schon unmittelbar hinter der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze lauern die ersten Schlepper und ihre als „Führer“ getarnten Mittelsmänner, um Flüchtlinge zu entführen und so lange festzuhalten, bis Verwandte in der Heimat oder in den Vereinigten Staaten 3000, vielleicht sogar 3500 Dollar aufgebracht haben, um den Sohn, den Bruder oder den Onkel auszulösen. Und nur wer großes Glück hat, bleibt fortan unbehelligt, denn allzu oft machen die Banden mit den Sicherheitskräften der Städte und der Bundesstaaten, mit Einheiten des Heeres oder auch den Angehörigen der mexikanischen Migrationsbehörde gemeinsame Sache.

„Vertraue niemandem, auch nicht jemandem, der dir eine Übernachtungsmöglichkeit oder Essen anbietet“, lautet eine der ersten und wichtigsten Verhaltensregeln. Oder: „Ohne zu bezahlen, kannst du den Zug nicht besteigen.“ So heißt es in einer brustbeutelgroßen Broschüre, die in einem von Jesuiten ins Leben gerufenen Zentrum für Menschenrechte in Mexiko-Stadt entworfen und in den mehr als 70 zumeist von der katholischen Kirche getragenen Herbergen entlang der Hauptreiserouten der Flüchtlinge bereitgehalten wird. Doch wie viele Flüchtlinge diese und alle anderen guten Ratschläge schon in den Wind geschlagen haben, wird man niemals wissen. Manch einer hat schon mit dem Leben bezahlt, dass er auf einen fahrenden Zug aufspringen wollte oder von Müdigkeit übermannt auf die Gleise stürzte. Andere wurden entführt und erschossen, wieder andere riss der Río Negro mit sich, verhungerten oder gingen vor Durst in der texanischen Wüste zugrunde.

Stetig sinkende Zahl von Flüchtlingen

Nicht wissen wird man jemals auch, wie viele Flüchtlinge die Reise durch Mexiko und über die Grenze in die Vereinigten Staaten nicht überlebt haben. Zwar wird, was immer man in Saltillo und einigen anderen größeren Herbergen über Greuel und Menschenrechtsverletzungen hört, von Mitarbeitern dokumentiert und den Menschenrechtskommissionen in den einzelnen Bundesstaaten wie auch der nationalen Kommission unterbreitet. Wer entführt oder misshandelt wurde, kann sich sogar Hoffnung machen, mit Unterstützung der Mitarbeiter der Flüchtlingshäuser eine Aufenthaltserlaubnis in Mexiko zu bekommen. Doch es gibt nicht einmal Schätzungen, wie viele Flüchtlinge von den Zetas und anderen Verbrecherorganisationen in abgelegenen Weilern oder Rauschgiftlabors festgehalten, zur Arbeit oder zur Prostitution gezwungen oder auch für den Kampf gegen rivalisierende Banden rekrutiert wurden. „Einige zahlen, einige fliehen, einige sterben - so ist das Geschäft“, meint Melvin achselzuckend.

Kein Wunder, dass die ohnehin prekäre Sicherheitslage, die sich durch den Einsatz des Militärs gegen das Bandenwesen seit Beginn der Amtszeit von Präsident Calderón im Jahr 2006 nochmals verschlechtert hat, sich auch in einer stetig sinkenden Zahl von Flüchtlingen in Saltillo niedergeschlagen hat. „Nicht viel mehr als zehntausend“ waren es im vergangenen Jahr, sagt José Luis, einer der insgesamt fünf hauptamtlichen Mitarbeiter in dem Zentrum für Menschenrechte. „Etwa hundert sind wir heute“, so schätzt Adán.

In der Nacht wird die Bestie wieder fauchen

Obwohl es noch Winter ist in Saltillo, steht die Sonne um die Mittagszeit fast senkrecht am Himmel. Die meisten Flüchtlinge dösen im Schatten vor sich hin, andere spielen auf Betontischen mit improvisierten Spielsteinen Mühle, andere trainieren mit Gewichten und Hanteln, andere helfen bei der Vorbereitung des Mittagessens. Aufgetischt wird im Speisesaal, der mit den Nationalflaggen der Länder Zentralamerikas geschmückt ist. Nicht fehlen dürfen auch die Tafeln, auf denen mit farbigen Markierstiften die Routen mitsamt den Hindernissen eingezeichnet sind, die über die Grenze nach Norden führen. Einmal in der Woche, jeweils donnerstags, gibt es auch Vorträge über die Rechte, die den Flüchtlingen in Mexiko und den Vereinigten Staaten zustehen, sowie praktische Tipps und Tricks, etwa die Einweisung in den richtigen Umgang mit einem Kompass.

Bis Saltillo hat Adán es schon geschafft. „Bald“, so antwortet er kurz und bündig auf die Frage, wann er sich zusammen mit Melvin, seinem Reisegefährten, auf den Weg in das Gelobte Land machen wird. Es ist Sonntag, doch in der Flüchtlingsherberge gibt es genug zu tun. In der Dämmerung hatte die „Bestie“ fast 30 Flüchtlinge gebracht, am Morgen wurden weitere 15 eingewiesen. Wieder öffnen Melvin und Adán das Eisentor, doch nur, um eine Gruppe von Flüchtlingen auf die Straße zu lassen. Eine Frau aus Saltillo hat sie mit ihrem kleinen Sohn abgeholt, um sie in die nahegelegene Kirche zu begleiten. Es ist wenige Minuten vor zwölf. Gerade noch rechtzeitig ist die Gruppe mit der Komposition eines Liedes fertig geworden, das sie jetzt im Gottesdienst zu Gehör bringen werden. Die Strophen handeln davon, dass sie ihre Familien und ihre Heimat verlassen haben, Wind und Wetter getrotzt, und dass Mexikaner ihnen die Hände gereicht haben. Nun heißt es durchhalten - „hasta al final“, bis zum glücklichen Ende. In der Nacht wird die Bestie wieder fauchen - unwiderstehlich: Lang, lang, kurz, lang.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFlüchtlingeMexikoZentralamerikaUSAArmutHondurasNew YorkBetlehem