Nach Klinik-Bombardierung

Ärzte ohne Grenzen fordern unabhängige Untersuchung in Kundus

05.10.2015
, 10:55
Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ weist nach der Bombardierung ihres Krankenhauses in Kundus den Vorwurf der Kollaboration mit den Taliban zurück. Die Organisation teilte mit, sie sei „angewidert“ von solchen Rechtfertigungsversuchen.

Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ verwahrt sich nach der Bombardierung ihres Krankenhauses in Kundus gegen den Vorwurf der Kollaboration mit den radikal-islamischen Taliban. Die Organisation erklärte, sie sei „angewidert“ von Vertretern der afghanischen Regierung, die die Luftangriffe auf die einzige Unfallklinik im Norden Afghanistans mit der angeblichen Präsenz von Talibankämpfern im Krankenhaus rechtfertigten. „Diese Statements implizieren, dass das afghanische und amerikanische Militär gemeinsam beschlossen haben, eine funktionierende Klinik mit mehr als 180 Patienten und Mitarbeitern dem Erdboden gleichzumachen, indem sie behaupten, dass sich dort Taliban-Mitglieder befanden“, heißt es in einer Erklärung. Dieses Vorgehen komme einem „Kriegsverbrechen“ gleich.

Ärzte ohne Grenze
„Kriegsverbrechen in Kundus“
© dpa, reuters

Am Samstag war die Klinik vermutlich von amerikanischen Kampfflugzeugen angegriffen und zerstört worden. Dabei starben nach jüngsten Angaben 22 Personen, unter ihnen zwölf Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“. Rund vierzig weitere Personen wurden verletzt. Die Klinik brannte teilweise aus, sie sei „nicht mehr nutzbar“. Die verbliebenen Patienten seien in zwei andere Krankenhäuser verlegt worden, teilte die Organisation mit.

Die Organisation verlangte eine unabhängige Untersuchung. Ihr Generaldirektor Christopher Stokes sagte am Sonntag, die Untersuchung müsse auf internationaler Ebene erfolgen, da es nicht ausreiche, sich allein auf die Erkenntnisse einer Konfliktpartei zu verlassen.

Amerika sichert transparente Untersuchung zu

Der amerikanische Verteidigungsminister Ash Carter sicherte eine vollständige und transparente Untersuchung des Vorfalls zu. Die Lage sei aber „durcheinander und kompliziert“, sagte er vor Journalisten, die ihn auf einem Flug nach Europa begleiteten. „Es wird also etwas dauern, an die Fakten zu gelangen.“ Er wisse, dass amerikanische Lufteinheiten in der Umgebung von Kundus im Einsatz gewesen seien. Und er wisse, dass das Gebäude, das man in den Nachrichten sehe, zerstört worden sei. „Ich kann ihnen derzeit nur nicht sagen, welcher Zusammenhang besteht.“

Die Médecins sans frontières (MSF) hatten die Klinik nach dem Bombardement am Sonntag geschlossen und ihre ausländischen Mitarbeiter aus dem Gebiet abgezogen.Angaben des afghanischen Verteidigungsministeriums, wonach sich Taliban auf dem Gelände der Klinik verschanzt und von dort aus geschossen hätten, wiesen die „Ärzte ohne Grenzen“ zurück. „Die Tore des Krankenhausgeländes waren die ganze Nacht über geschlossen, so dass sich niemand außer den Mitarbeitern, Patienten oder dem Hausmeister im Krankenhaus befand, als der Angriff sich ereignete“, hieß es in einer Mitteilung. Dem widersprach der Gouverneur von Kundus, Hamdullah Daneshi, der den Garten der Klinik als „Taliban-Stellung“ bezeichnete. Von hier aus hätten sie tagelang Granaten abgefeuert.

„Kollateralschaden an medizinischer Einrichtung“

Das amerikanische Militär hatte am Samstag mitgeteilt, es habe zur fraglichen Zeit einen Luftangriff „in der Umgebung“ des Krankenhauses geflogen, um amerikanische Spezialkräfte zu unterstützen, die von Seiten der Taliban unter Beschuss geraten seien. Dabei sei möglicherweise ein „Kollateralschaden an einer nahegelegenen medizinischen Einrichtung“ entstanden. Der amerikanische Präsident Barack Obama sprach von einem „tragischen Zwischenfall“ und sagte, das Pentagon habe eine Untersuchung eingeleitet. „Wir werden die Ergebnisse der Untersuchung abwarten, bevor wir eine abschließende Bewertung der Umstände dieser Tragödie vornehmen“, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses.

Auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Ra’ad al Hussein, sprach von einem möglichen Kriegsverbrechen. Der französische Außenminister Laurent Fabius forderte ebenso wie die Vorsitzende der in Paris beheimateten Hilfsorganisation, Meinie Nicolai, unabhängige Ermittlungen. „Diese Attacke ist eine abscheuliche und schwere Verletzung des Völkerrechts“, sagte Nicolai. „Wir können es nicht hinnehmen, dass dieser schreckliche Verlust von Menschenleben einfach als ,Kollateralschaden‘ abgetan wird“, fügte sie hinzu. MSF habe die genaue Lage des Krankenhauses allen Konfliktparteien übermittelt. Auch die Nato sei darüber informiert gewesen.

Mitarbeiter berichten von grausigen Szenen

Der Bombenangriff hatte laut MSF um kurz nach zwei Uhr morgens begonnen und sich in mehreren Wellen bis 3.15 Uhr hingezogen. Das Hauptgebäude des Krankenhauses mit der Intensivstation sei gezielt bombardiert worden. „Alle Anzeichen“ deuteten darauf hin, dass die von Amerika angeführten Koalitionstruppen den Luftangriff ausgeführt hätten, teilte die Organisation weiter mit.

Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ berichteten von grausigen Szenen, die sich in der Klinik am frühen Samstagmorgen abgespielt hätten. „In der Intensivstation verbrannten sechs Patienten in ihren Betten“, sagte eine Krankenschwester. Mitten im Chaos hätten die Mitarbeiter versucht, durch eine Notoperation einen verwundeten Arzt zu retten. „Wir taten unser Bestes, aber es war nicht genug.“

Seit der Einnahme der Provinzhauptstadt Kundus durch die Taliban am Montag vergangener Woche waren in der Klinik nach Angaben von „Ärzte ohne Grenzen“ fast 400 Patienten behandelt worden. Trotz der heftigen Kämpfe im Zuge der Gegenoffensive der Regierungstruppen hatte die Klinik ihre Arbeit nicht eingestellt, sondern sich mehrfach von allen Konfliktparteien versichern lassen, dass die Einrichtung geschützt werde.

Im Zentrum von Kundus, das offenbar inzwischen von den Regierungstruppen gehalten wird, waren am Sonntag nach einem Bericht des Fernsehsenders Tolo einzelne Geschäfte wieder geöffnet worden. Auch Taxifahrer hätten die Arbeit wiederaufgenommen, berichtete der Reporter. Die Sicherheitskräfte warnten aber, in Teilen der Stadt hielten sich noch immer Taliban-Kämpfer in Privathäusern verschanzt. Einige Häuser seien von den Aufständischen vermint worden. Die Versorgungslage der Bewohner blieb nach UN-Angaben prekär. Die Armee teilte Nahrungsmittel aus; nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) fehlt es im städtischen Krankenhaus an Medikamenten und Personal. Viele Krankenschwestern und Ärzte seien nicht zur Arbeit gekommen, da sie um ihre Sicherheit fürchteten.

Quelle: boe./mic./Reuters
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