<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Assads Vormarsch in Idlib

Geschichten der Ohnmacht

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 21:43
Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.
Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

Krieg oder Kälte – der Familienvater Ahmad Obeid stand erst vor wenigen Tagen vor der Wahl zwischen diesen mörderischen Übeln. Obeid, der sich selbst nur bei seinem Kampfnamen Adam nennt, stammt aus Atarib, einer kleinen Stadt westlich von Aleppo, nicht weit von der Grenze zur Türkei entfernt. Seit Tagen wird der Ort von russischen und syrischen Bombern angegriffen, die Truppen von Baschar al Assad erobern Dörfer in der Umgebung. Als der Angriff anrollte, ergriff Adam mit seiner Familie die Flucht. Ohne Matratzen und ohne Decken, wie er in einer Textnachricht schreibt. Fahrzeuge, die so etwas transportieren können, sind im Nordwesten Syriens inzwischen ein seltenes Gut.

„Drei Tage lang sind wir umhergeirrt, lebten auf der Straße“, schreibt Adam. Überall sei es voll gewesen, nirgendwo fanden er, seine Tochter und seine zwei Söhne ein Dach über dem Kopf. Also ging er zurück in seine vom Krieg bedrohte Heimatregion, wieder näher an die Front. Schließlich kann auch die Kälte den Tod bringen. Auch er weiß von den Toten, die im Schnee aufgefunden wurden, von den erfrorenen Kindern. „Wir leben ohne Hoffnung. Warten einfach darauf, dass etwas passiert.“

Wann auch immer Vertriebene im Nordwesten Syriens in diesen Tagen über wacklige Verbindungen über ihre Lage berichten, sind es Geschichten von Leid, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Etwa drei Millionen Zivilisten leben in der nordwestsyrischen Provinz Idlib, die im Zentrum von Assads Feldzug steht. Sie sind Geiseln der radikalen Islamistenallianz Hayat Tahrir al Scham, die über die Rebellengebiete herrscht.

Etwa die Hälfte der Zivilisten stammt aus anderen Teilen Syriens. Diese Menschen sind entweder geflohen oder wurden im Zuge von Kapitulationsvereinbarungen nach Idlib deportiert. Viele sind nun ein weiteres Mal auf der Flucht. Laut UN-Angaben sind seit Dezember etwa 800.000 Menschen vertrieben worden. Abertausende harren bei Minusgraden in überfüllten Zeltlagern aus, die sich im Grenzgebiet zur Türkei drängen. „Die Leute fühlen sich verloren und wissen nicht, welche Sünde sie begangen haben, dass sie so grausam bestraft werden“, sagt Laith Ahmed, ein junger Mann aus der Stadt Saraqib, die das Regime kürzlich eroberte.

Assads Truppen treiben Hunderttausende vor sich her

Längst sind andere Orte an der Reihe. Das Regime in Damaskus setzt seine Offensive unerbittlich fort und erzielte jetzt auch wichtige Geländegewinne im westlichen Umland von Aleppo. Die Staatspresse feiert, wie mit massiver russischer Luftunterstützung und iranischer Hilfe am Boden Ort für Ort „befreit“ wird. Assads Truppen hinterlassen wie ein mittelalterlicher Heerzug verwüstete Landstriche, treiben Hunderttausende vor sich her – berüchtigte Brigaden wie die „Tiger-Kräfte“ an der Spitze. Deren Kommandeur Suhail al Hassan hat schon vor längerer Zeit deutlich gemacht, dass die Besiegten keine Gnade zu erwarten haben. „Ich befehle, auf dem Schlachtfeld die Kinder vor den Erwachsenen, die Frauen vor den Männern umzubringen“, tönte er. „Wir werden es keinem Terroristen mehr gestatten, unter uns zu leben.“ Syriens Machthaber Baschar al Assad selbst machte am Montag noch einmal deutlich, er gedenke „das ganze Land aus dem Griff der Terroristen zu befreien“.

So richten sich die Blicke derzeit vor allem auf Schutzmächte der Konfliktparteien: Russland auf Seiten Assads und die Türkei auf Seiten der Aufständischen. Werden die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan wieder einmal einen Handel schließen, der das Morden zumindest für eine Weile stoppt? Wird Erdogan seine Drohung wahrmachen und das Regime in Idlib mit Waffengewalt zurückdrängen? Die offiziellen Stellungnahmen klingen nicht gerade nach einer Einigung. Dimitrij Peskow, der Sprecher Putins, verteidigte am Montag den Militäreinsatz in Nordwestsyrien, den er – wie das syrische Regime – als Terrorismusbekämpfung bezeichnete.

Erdogan hatte zuvor mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump telefoniert. Der forderte Moskau auf, die Unterstützung „für die Greueltaten des Regimes“ einzustellen. Trumps Worte verstärkten die diplomatische Rückendeckung, die Erdogan zuvor schon durch das State Department erfahren hatte. Der Syrien-Sonderbeauftrage James Jeffrey erkannte im türkischen Fernsehen an, Ankara verteidige in Syrien „existentielle“ und „legitime“ Interessen. Die türkischen Truppen in Syrien hätten das Recht, sich zu verteidigen. Trump indessen dankte Erdogan nach dem Telefonat für dessen Bemühungen, eine „humanitäre Katastrophe zu verhindern“.

Die Führung in Ankara hat ihre Militärpräsenz in Idlib nach und nach ausgebaut und erst am Wochenende weitere Soldaten in Marsch gesetzt. Die Türkei unterhält dort etwa ein Dutzend gut befestigter Militärlager, die als „Beobachtungsposten“ deklariert sind. Erdogan geht es in erster Linie darum, eine neue Massenflucht zu verhindern, denn die Türkei, die etwa 3,6 Millionen Syrer beherbergt, will keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen. Türkische Artillerie hat Rebellenangriffen zuletzt Feuerschutz gewährt. Westliche Geheimdienste vermuten türkische Waffenhilfe auch hinter den jüngsten Erfolgen der Luftabwehr der Rebellen. Binnen weniger Tage wurden zwei jener Hubschrauber abgeschossen, aus denen Assads Truppen die geächteten Fassbomben abwerfen. Syrische Beobachter mit engen Kontakten zu Rebellengruppen in Idlib sagen außerdem, die Türkei unterstütze die Aufständischen mit Störsendern, die es den Fassbombern erschwerten, Ziele auszumachen.

Das alles wären Maßnahmen, die den Preis für Assads Geländegewinne in die Höhe treiben, aber Moskau nicht zu sehr verärgern. Noch will Erdogan offenbar nicht den Bruch mit Putin riskieren. Am Montag reiste eine türkische Delegation nach Moskau. Es kursierten sogar Gerüchte, es bahne sich ein neuer Handel an. Eine groß angelegte Gegenoffensive der Rebellen sei „in Wartestellung“, heißt es von syrischen Beobachtern im Grenzgebiet.

Zwölf Kilometer bis zur nächsten Bäckerei

Atarib wäre einer der Orte, die dann oben auf der Liste stehen dürften. Schon weil er in der Nähe der Grenze und zu einem wichtigen Übergang liegt. Die Gegend um Atarib sei jetzt menschenleer, schreibt Adam. Krankenhäuser seien außer Betrieb, Läden verrammelt. Die wenigen Verbliebenen würden alles verbrennen, was sie finden, um sich zu wärmen. „Bis zur nächsten Bäckerei sind es zwölf Kilometer“, schreibt Adam. Für Kochgas müsse er ebenso weit fahren.

Zum Glück seien seine Kinder inzwischen in Sicherheit. Sie lebten jetzt in Afrin, dem einstigen Kurdenkanton, der jetzt von arabischen Milizen im Dienste der Türkei beherrscht wird. „Acht Familien leben in einem Haus.“ Für die Fahrt dorthin, die normalerweise weniger als eine Stunde dauere, erklärt er weiter, brauche man wegen der Kolonnen von Vertriebenen fast einen halben Tag.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
Twitter
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.