Autobiografie erscheint

Obama über Obama

Von Frauke Steffens, New York
17.11.2020
, 08:27
Der frühere amerikanische Präsident Barack Obama hat ein langes drittes Buch über sein Leben geschrieben. Darin rechnet er auch mit dem Rassismus des weißen Amerikas ab, der Donald Trump zum Erfolg verholfen habe.

„Wir würden unseren eigenen Kindern das nie durchgehen lassen, wenn sie verloren haben, oder?“ Barack Obama ist auf Interview-Tour für sein neues Buch – und er kann eine gewisse Lust daran, seinen Nachfolger im Präsidentenamt für dessen fortgesetztes Verlierer-Theater zu tadeln, nicht ganz verbergen. Donald Trump posaunt noch immer beinahe jeden Tag auf Twitter herum, er habe die Wahl „gewonnen“. Beim Fernsehsender CBS verglich Obama ihn dafür mit seinen Töchtern, als die noch Kinder waren. Wenn sie verloren hätten und daraufhin schmollten, hätte man sie auch zurecht gewiesen, sagte er. Die größere Gefahr gehe allerdings von Republikanern aus, die Trump unterstützten und so die demokratischen Institutionen beschädigten, so der ehemalige Präsident.

Sein Buch „A Promised Land“ erscheint an diesem Dienstag und demnächst unter dem Titel „Ein verheißenes Land“ auch auf Deutsch. Die Erinnerungen führen von Obamas Kindheit bis zu der gezielten Tötung des Terroristen Usama bin Ladin 2011 durch die amerikanische Regierung. Das Buch ist das erste von zwei Teilen, die Obamas Weg in den Senat, ins Weiße Haus und seine Jahre als Präsident nachzeichnen. Sie folgen auf zwei frühere Werke: „The Audacity of Hope“ und „Dreams from My Father“. Leserinnen und Leser brauchen einen langen Atem: Allein der erste Band von „Ein gelobtes Land“ umfasst im amerikanischen Original 768 Seiten. Es sei ihm „schmerzlich bewusst“, dass ein talentierterer Autor die Geschichte kürzer hätte fassen können, schreibt der ehemalige Präsident.

Der 59-Jährige schildert seine Wandlung vom sorglosen Jungen zum nachdenklichen Teenager, der bei den Großeltern in Hawaii lebte und Zuflucht in Büchern suchte, von einem Gefühl des Herkommens „von überall und nirgends gleichzeitig“. Später, als Student, habe er noch andere Motive für die Lektüre gefunden, erinnert sich Obama: Herbert Marcuse und Karl Marx habe er auch gelesen, um mit einer „langbeinigen Sozialistin“ ins Gespräch zu kommen, Michel Foucault und Virginia Woolf nicht zuletzt aus Interesse an einer „Bisexuellen, die meistens Schwarz trug“. Die britische Zeitung „Guardian“ frotzelte, nun würden wohl viele Journalisten losgeschickt, um diese Frauen aufzutreiben.

Obama berichtet über prägende Entscheidungen seiner Präsidentschaft im Detail aus seiner Sicht, wie zum Beispiel über die Bankenrettung in der Finanzkrise oder die Auseinandersetzungen um die Reform der Krankenversicherung. Durchaus Unterhaltsames offenbart er über sein ursprüngliches Verhältnis zum Immobilien-Millionär Trump. Der nämlich habe 2010 nicht nur angefragt, ob er bei der Beseitigung des Ölteppichs nach der „Deepwater Horizon“-Katastrophe helfen könne – er habe auch angeboten, dem Weißen Haus einen „schönen Ballsaal“ anzubauen. Beide Angebote wurden abgelehnt.

In den Interviews und im Buch setzt sich Obama ausführlich mit seinem Amtsnachfolger auseinander. Die vormalige relative Zurückhaltung hat er abgelegt. Er habe nicht gedacht, dass die republikanische Partei sich der Trump-Linie so leicht anschließen werde, wie das nach dessen Wahlsieg 2016 der Fall war, sagte Obama dem Magazin „The Atlantic“. Trump geriere sich wie „Richie Rich“, der lüge und für nichts Verantwortung übernehme.

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Obama sieht Rassismus als wesentlichen Faktor für Trumps Erfolg an. Der abgewählte Präsident habe weißen Amerikanern gleichsam ein „Elixier“ gegen ihre rassistisch motivierten „Ängste“ geboten. Bei der Wahl 2016 wählten Trump 54 Prozent aus dieser Gruppe, 2020 nach ersten Statistiken bei noch gestiegener Wahlbeteiligung 57 Prozent. Etliche weiße Wählerinnen und Wähler seien laut Obama empfänglich für „dunkle Geister“ an den Rändern der republikanischen Partei, die sich aus Fremdenfeindlichkeit, Anti-Intellektualismus, Verschwörungstheorien und einer „Antipathie gegen schwarze und braune Leute“ nährten. Die rechte Tea-Party-Bewegung und die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin hätten den Aufstieg von Trump in diesem Geist maßgeblich vorbereitet, analysiert Obama, darin einig mit vielen Politikwissenschaftlern und Kommentatoren.

Sein eigener Wahlsieg und die zwei Amtszeiten im Weißen Haus hätten die Anhänger der Rechten provoziert, unabhängig von seiner konkreten Politik, so der ehemalige Präsident. „Es war, als habe meine bloße Anwesenheit im Weißen Haus eine tief sitzende Panik getriggert, das Gefühl, dass die natürliche Ordnung durcheinander gebracht worden war“, schreibt Obama. Trump habe diese Stimmung gesehen und genutzt, als er etwa die Lüge verbreitete, dass der damalige Senator gar nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden sei.

Viele Beobachter äußerten in den letzten Jahren die These, dass die Wahl Trumps auch eine rassistische Reaktion von Teilen der weißen Bevölkerung auf den ersten schwarzen Präsidenten war und dass die Republikaner diese Ressentiments nutzen konnten. Diese Lesart ist also nicht neu. Neu ist, dass Obama selbst sie so deutlich äußert. Er kritisiert auch die Medien: Die Presse habe mit „höflicher Ungläubigkeit“ auf Trumps Rassismus und die „Birther“-Lüge reagiert, „aber an keinem Punkt haben sie ihn einfach und deutlich dafür zur Verantwortung gezogen, dass er log, oder haben klar gesagt, dass es sich bei der Verschwörungstheorie, die er verbreitete, um Rassismus handelte“.

Obama äußerte sich in Interviews und im Buch auch zu seinem einstigen Vizepräsidenten Joe Biden. Für Schlagzeilen sorgte die Bestätigung, dass Biden ihm 2011 von der Tötung Bin Ladins abriet. Obama schildert in seinen Erinnerungen auch, dass Biden wichtig für ihn war, um die Kommunikation mit den Republikanern im Kongress aufrecht zu erhalten. Er habe volles Vertrauen darin, dass Biden und die gewählte Vizepräsidentin Kamala Harris das tun würden, was für das Land richtig sei, sagte Obama in mehreren Interviews. Allerdings werde eine Wahl nicht reichen, die tiefen Gräben zwischen den Amerikanern zu heilen. Dem Radiosender NPR sagte er, dass Biden trotz der Versuche der Republikaner, die Wahl anzufechten, mit diesen zusammenarbeiten müsse. Er blieb also bei jenem moralisch grundierten Appell an „Einheit“, den ihm linke Demokraten oft vorwerfen. Das „Gelobte Land“ aus dem Titel seines Buches sei schließlich ganz klassisch zu verstehen, sagte Obama in seinem CBS-Gespräch – als die Suche nach der „perfekteren Union“ Amerikas.

Quelle: FAZ.NET
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