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Abgang des selbsternannten Außenseiters

Von Jochen Stahnke, Tel Aviv
14.06.2021
, 22:12
Neuanfang: Der alte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Nachfolger Naftali Bennett (rechts) am Sonntag in der Knesset.
Benjamin Netanjahu glich als Ministerpräsident Israels zuletzt immer mehr seinem Freund Donald Trump. Nun plant er eine Rückkehr wie einst Winston Churchill. Doch darüber entscheidet er nicht mehr allein.

Als Benjamin Netanjahu noch einmal ans Podium tritt, zum vorerst letzten Mal als Ministerpräsident von Israel, beginnt er seine Rede mit zwei Feststellungen, wie immer kraftvoll vorgetragen und deutlicher als alle anderen Redner vor und nach ihm. Er stehe hier im Namen von Millionen von Bürgern, die sich entschieden hätten, aufrecht zu stehen und sich nicht zu unterwerfen, sagt Netanjahu. Er meint seine Wähler, die ihren Willen nun nicht erfüllt bekommen haben. Und er spielt auf jene Israelis an, die lange Zeit Außenseiter im Staat waren und es zum Teil noch sind: Die aus arabischen Ländern eingewanderten Juden, von der Elite lange Jahre buchstäblich an den Rand gedrängt; die Likud-Wähler der Kleinstädte und der Peripherie, deren Vorkämpfer Netanjahu war und für viele auch weiterhin noch ist.

Das Außenseiterdenken hat er stets kultiviert, obwohl er Israels am längsten amtierender Ministerpräsident gewesen ist. Es gehörte lange zum Selbstverständnis der einst nationalliberalen Likud-Partei, aber es wurde Netanjahu auch selbst von früh an mitgegeben. Sein Vater Benzion gehörte zum Rand der revisionistisch-nationalistischen Bewegung und glaubte, unter den sozialistisch-zionistisch geprägten Regierungen der damals regierenden Arbeitspartei kaum Fuß fassen zu können. Benzion Netanjahu war ein Historiker mit Schwerpunkt Spanische Inquisition. Er zog zur Lehrtätigkeit nach Amerika, wo Benjamin zur Schule, ins College und an die Universität ging und kurzzeitig als Unternehmensberater arbeitete. Doch selbst nachdem die Cherut-Partei, der Vorläufer des Likud, 1977 an die Macht gekommen war, wurde Vater Benzion auch von diesen Politikern nicht so ernst genommen, wie er sich das erhofft hatte.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Stahnke, Jochen
Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.
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