Britische Winterpläne

Boris Johnson will Lockdowns vermeiden

Von Jochen Buchsteiner, London
13.09.2021
, 17:59
Der britische Premierminister Boris Johnson am 6. September im House of Commons in London
Der Gesundheitsminister nennt es „unverantwortlich“, alle Maßnahmen gegen die Pandemie zu streichen. Dennoch will Großbritannien seinen Bürgern auch in der kalten Jahreszeit viele Freiheiten lassen.
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Mit Blick auf die anhaltend hohen Corona-Zahlen und die kalte Jahreszeit setzt die britische Regierung auf eine Intensivierung der Impfkampagne – insbesondere für Jugendliche – und nicht auf neue Einschränkungen. Wenn Boris Johnson in dieser Woche seinen „Fahrplan für den Winter“ vorstellt, wird er Vorberichten zufolge hervorheben, dass weitere Lockdowns sowie die lang diskutierte Einführung von Impfpässen als Nachweis nicht vorgesehen sind. Die Reisebeschränkungen dürften sogar erleichtert werden. Gesundheitsminister Sajid Javid nannte es allerdings am Sonntag „unverantwortlich“, alle Instrumente „vom Tisch zu nehmen“.

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Großbritannien, das die europäische Impfstatistik lange Zeit angeführt hatte, ist von einigen Ländern überholt worden. Dass Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Irland mittlerweile höhere Impfquoten hätten, liegt laut dem Epidemiologen Neil Ferguson „überwiegend daran, dass sie die Impfkampagne für 12- bis 15-Jährige schneller begonnen haben“. Die britische Impfkommission hatte sich unlängst gegen ein routinemäßiges Impfangebot an diese Altersgruppe ausgesprochen. Der Nutzen von Impfungen gegenüber den Nebenwirkungen, über die es „beträchtliche Unsicherheiten“ gebe, sei „zu gering“, hieß es in dem Bericht.

Wohl kein Impfnachweis bei Klubbesuchen

Doch die medizinischen Chefberater in England, Schottland, Wales und Nordirland nahmen am Montag eine andere Risikoabwägung vor. In dem Empfehlungsschreiben an Gesundheitsminister Javid hieß es, dass Covid bei Zwölf- bis Fünfzehnjährigen „selten, aber gelegentlich zu schweren Krankheiten, Krankenhausaufenthalten und, noch seltener, zum Tode führt“. Die Risiken der Impfung – vor allem Herzmuskelentzündung – seien „ebenfalls sehr selten“. Die Impfungen sollten „nur als Beigabe betrachtet werden zu anderen Aktionen, um Kinder und Jugendliche in der Schule zu halten und weitere Unterrichtsstörungen zu verhindern – und damit einen mittel- und langfristigen Schaden für die Volksgesundheit“. Die Aufklärungskampagne, empfahlen die Chefmediziner weiter, solle auf Kinder zugeschnitten sein. Damit dürfte der Impfprozess für Zwölf- bis Fünfzehnjährige noch in dieser Woche beginnen. Ein weiterer Teil der Impfstrategie sind Booster-Impfungen (dritte Dosis) für Risikogruppen, möglicherweise auch für alle Personen, die älter als 50 Jahre alt sind.

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Abstand genommen hat die Regierung dagegen von der Idee, verbindliche Impfnachweise einzuführen. Gesundheitsminister Javid zeigte sich „froh, sagen zu können, dass wir die Idee von Impfpässen nicht weiterverfolgen“. Er sei „instinktiv“ gegen den Plan gewesen, dass Bürger für Alltagsaktivitäten Dokumente vorweisen müssten; dies sei „ein gewaltiger Eingriff in das Leben der Menschen“. Geimpfte erhalten in Großbritannien auf Nachfrage ein Zertifikat des Nationalen Gesundheitsdienstes, nutzen dieses aber in der Regel nur für Auslandsreisen. Im Alltag, etwa beim Besuch von Museen, Pubs oder Restaurants, wird kein Nachweis verlangt. Für Großveranstaltungen qualifiziert auch ein Test.

Offenbar will die Regierung auch darauf verzichten, den Besuch von Klubs und Tanzhallen von einem Impfnachweis abhängig zu machen. Eine Rolle spielt der Nachweis vermutlich weiterhin bei der Rückkehr aus dem Ausland. Geimpfte, die aus „roten Ländern“ einreisen, können die Zwangsquarantäne in Hotels von zehn auf fünf Tage verkürzen, Rückkehrer aus„gelben Ländern“ dürfen die zehntägige Isolierungspflicht umgehen, sofern sie vollständig geschützt sind. 30 Prozent der Ungeimpften halten sich aber nicht an die Quarantänebestimmungen, wie die BBC berichtete.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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