Trotz hoher Impfquote

Chile impft jetzt schon Sechsjährige

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
16.09.2021
, 15:20
Chilenisches Gesundheitspersonal präpariert eine Spritze mit AstraZeneca.
Chile hat eine beachtlich hohe Impfquote. Dennoch impft das südamerikanische Land nun sehr junge Minderjährige. Zwei Impfstoffe kommen dabei zum Einsatz.

In Chile sind schon mehr als 87 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Die Impfung von Jugendlichen läuft schon seit einiger Zeit. Nun hat die Regierung mit der Impfung von Minderjährigen begonnen, schon Sechsjährige werden geimpft. Zunächst seien Kinder mit Vorerkrankungen an der Reihe, sagte der chilenische Gesundheitsminister und Arzt Enrique Paris in einem Gespräch mit ausländischen Medien. In den ersten Tagen habe man bereits mehrere zehntausend Chilenen in dieser Altersklasse geimpft.

„Obwohl Kinder normalerweise nicht schwer erkranken, sind sie ein Reservoir des Virus“, sagte Paris. Es bestehe die Möglichkeit von Ansteckungen innerhalb der Familie, was vor allem für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen ein Risiko darstelle. Nach Angaben von Paris werden die Impfungen Ende des Monats auch durch Teams der Gesundheitsbehörden direkt an den Schulen verabreicht, immer vorbehaltlich der Zustimmung der Eltern. Einen Impfzwang gebe es nicht, man setze auf die Vernunft, sagte Paris.

Zum Einsatz kommen die Impfstoffe von BioNTech und Pfizer sowie des chinesischen Herstellers Sinovac. Letzterer ist nach Ansicht von Fachleuten und Erkenntnissen aus klinischen Tests für Kinder gut geeignet, da es sich um einen klassischen Totimpfstoff handelt. Die Wirkung bei Kindern sei noch besser als bei Erwachsenen, wie man aus eigenen Studien und dank der Erfahrung Chinas wisse, das schon 40 Millionen Minderjährige geimpft habe. Paris erwartet in Chile eine hohe Impfquote unter den Minderjährigen. Das Interesse für eine Teilnahme an den klinischen Tests sei „gigantisch“ gewesen.

Chiles Impfkampagne findet weltweite Beachtung. Die Regierung hatte sich frühzeitig bei verschiedensten Herstellern um Lieferverträge bemüht, wodurch es zu den ersten Ländern zählte, die eine breit angelegte Impfkampagne starten konnten. Die Kampagne selbst war energisch. Selbst in Supermärkten konnten sich die Chilenen impfen lassen. Trotzdem erlitt das Land im ersten Halbjahr eine starke zweite Welle. Seither ist das Pandemie-Geschehen allerdings stark zurückgegangen. Derzeit werden täglich weniger als 400 Fälle registriert. Weniger als ein Prozent der Tests fallen positiv aus.

Sorgen wegen Delta

Während andere Länder der Region wie Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Uruguay ebenfalls schon mit der Impfung von Jugendlichen von zwölf Jahren an begonnen haben, ist Chile das erste Land in Südamerika, das schon sechsjährige Kinder impft. Auch die sogenannte Verstärkungsimpfung wendet Chile seit dem vergangenen Monat an. Studien hätten gezeigt, dass die Immunität gerade bei älteren Leuten nach einigen Monaten abnehme, was normal sei, sagte Paris. Die Antikörper würden sich durch eine dritte Impfung jedoch vervielfachen. Deshalb sei eine Verstärkungsimpfung gerade für ältere und kranke Personen wichtig. „Das ist nichts Momentanes, sondern wird uns noch lange beschäftigen“, sagte Paris. Die chilenische Regierung verhandelt mit diversen Herstellern über die Versorgung in den nächsten Jahren. Auch eine lokale Produktion von Impfstoffen ist vorgesehen.

Sorgen bereitet Chile die Delta-Variante, die sich schleichend in der Region ausbreitet. Etwa tausend Fälle wurden bisher registriert, die unterdessen hauptsächlich auf lokale Übertragungen zurückzuführen sind. Weiterhin hält das Land strickte Einreisekontrollen mit einer Quarantänepflicht für alle Einreisenden aufrecht. Auch Tests werden bei Einreisenden durchgeführt. Von Oktober an sieht die Regierung eine leichte Lockerung vor, auch mit Blick auf den Tourismussektor.

Die Öffnung hängt von der Entwicklung in den nächsten zwei Wochen ab und diese unter anderem vom bevorstehenden Wochenende, wenn das Land seine Unabhängigkeit feiert und die Chilenen durchs Land reisen. „Wenn die Leute nicht achtgeben, werden wir wieder einen Anstieg haben“, sagte Paris. Die Regierung hat dazu aufgerufen, die Festtage zu Hause zu verbringen. Wo es dennoch zu Zusammenkünften kommt, werden Fachleute aus dem Gesundheitswesen mit mobilen Testzentren im Einsatz sein, um Verdachtsfällen unmittelbar nachzugehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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