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Kommentar zur Weltraummission

Chinas Ziele mit dem Mond

EIN KOMMENTAR Von Friederike Böge, Peking
 - 21:30

Chinas jüngste Weltraummission, die erste Landung einer Sonde auf der erdabgewandten Seite des Mondes, soll dem Land international Prestige verschaffen, den Nationalstolz fördern und der Alleinherrschaft der Partei neue Legitimation geben. Noch bevor das Mondfahrzeug Jadehase seine Reise auf dem Erdtrabanten überhaupt begonnen hatte, war ein Nachbau schon im Pekinger Nationalmuseum zu besichtigen. Die Mond-Mission ist ein Zwischenschritt zu dem langfristigen Ziel, China „in jeder Hinsicht zu einer Weltraummacht“ aufzubauen, wie es die Pekinger Führung schon 2016 formulierte. Dabei verfolgt Peking politische, wirtschaftliche und militärische Ziele. Aber auch propagandistische.

Das Weltraumprogramm ist eingebunden in Xi Jinpings Ideologie vom „Wiedererwachen der chinesischen Nation“. Schon kurz nach seiner Amtsübernahme 2013 pries der Staats- und Parteichef die Errungenschaften der chinesischen Raumfahrt als Beleg dafür, dass der von ihm ausgerufene „Chinesische Traum“ erfüllbar sei. Der Staatskapitalismus chinesischer Prägung demonstriert damit aus Xis Sicht, dass er zu höchsten technologischen Leistungen in der Lage ist.

Noch ist China den Vereinigten Staaten in der Raumfahrt allerdings deutlich unterlegen. Während die chinesische Mondsonde Chang‘e 4 in dieser Woche die ersten Nahaufnahmen von der fernen Seite des Mondes übermittelte, lieferte die Nasa-Raumsonde „New Horizons“ ein Bild des Himmelskörpers Ultima Thule, und der ist mehr als sechs Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Doch die Stärke des chinesischen Raumfahrtprogramms besteht darin, dass es Schritt für Schritt seine langfristigen Ziele verfolgt.

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Historischer Moment
Chinesen landen auf Mond-Rückseite

Chinas Forscher profitieren dabei von einer Planungssicherheit, von der ihre Kollegen im Westen angesichts der wechselnden Prioritäten der jeweiligen Regierungen nur träumen können. Anders als beim Hase-und-Igel-Rennen zwischen Washington und Moskau im Kalten Krieg folgt Peking seinem eigenen Skript: Jede Mission liefert Erkenntnisse für den jeweils nächsten Schritt.

China will eigene bemannte Raumstation

Während Amerika den Mond unter Präsident Barack Obama als „bekannt“ abtat, hat China dort noch einiges vor. Es will die Fähigkeit entwickeln, Proben von dort routinemäßig zurück zur Erde zu befördern. Noch vor 2030 soll eine bemannte Forschungsstation auf dem Mond aufgebaut werden. Auch den Jupiter und den Mars haben die chinesischen Weltraumforscher im Visier.

Das international wohl folgenreichste Nahziel ist aber der Aufbau einer eigenen bemannten Raumstation bis 2022. Angesichts der unklaren Zukunft der Internationalen Raumstation ISS, die nur bis 2024 gesichert ist, könnten andere Nationen künftig auf China angewiesen sein, wenn sie weiterhin Astronauten zu Forschungszwecken ins All schicken wollen. Das würde Chinas Diplomatie mit einem neuen Instrument ausstatten. Schon jetzt hat Peking mit der europäischen und der russischen Raumfahrtbehörde sowie den Vereinten Nationen Kooperationsabkommen unterzeichnet. Bei der Esa lernen bereits drei Astronauten Chinesisch, darunter der Deutsche Matthias Maurer. Einer von ihnen könnte 2023 als erster Ausländer zur neuen chinesischen Raumstation fliegen. Ein bisschen Zukunftsmusik ist da zwar noch dabei, auch sind viele Details ungeklärt. Aber der Wille Chinas ist groß.

Jahrelang hatte sich Peking um eine Beteiligung an der ISS bemüht, was jedoch vom amerikanischen Kongress unter Verweis auf Spionagegefahr per Gesetz verhindert wurde. Damit blieb dem Land die Teilnahme an einer Grundlagenforschung im All verwehrt, die Innovationen auf der Erde ermöglicht. In Chinas Vision für die Raumfahrt steht die „Fähigkeit, eigenständig Innovationen zu erreichen“, an erster Stelle. Dahinter steht der Anspruch, zu einer führenden Technologienation aufzusteigen.

Jubel über Mondlandung gedämpft

Auch wirtschaftlich verspricht sich Peking einiges von der Raumfahrt, unter anderem als Anbieter von Raketen als Transportmittel, aber auch für den Tourismus. Im vergangenen Jahr schickte China erstmals mehr Raketen ins All als jedes andere Land. Viele der dabei beförderten Satelliten dienten dem Ausbau des Navigationssystems Beidou, das ursprünglich entwickelt wurde, um Chinas Militär vom amerikanischen GPS-System unabhängig zu machen, inzwischen aber auch kommerzielle Ambitionen verfolgt.

Bis 2045 will China laut einem Bericht der parteieigenen „Volkszeitung“ in der Lage sein, im Weltall Rohstoffe abzubauen. Dass auf dem Mond der Energielieferant Helium-3 vorkommt, beflügelt weltweit die Phantasie. Freilich wird es wohl erst in fünfzig Jahren ernsthaft möglich sein, an einen Abbau zu denken. Auch die Ausbeutung anderer Rohstoffe ist angesichts der hohen Kosten derzeit kaum realistisch.

Womöglich dient das Rohstoffargument in China auch nur der Rechtfertigung des kostspieligen Weltraumprogramms. In wirtschaftlich angespannten Zeiten wird immer lauter die Frage nach den Kosten von Xi Jinpings Prestigeprojekten gestellt. Das mag ein Grund dafür sein, dass der Jubel über die erfolgreiche Mondlandung in dieser Woche auffallend gedämpft ausfiel.

Das Weltraumprogramm hat natürlich auch eine militärische Dimension. Vor drei Jahren wurde die „Sicherung von Chinas Interessen in neuen Bereichen wie dem Weltraum und dem Cyberspace“ in die Liste der strategischen Aufgaben der Volksbefreiungsarmee aufgenommen. Der jüngste Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums über Chinas Militärkapazitäten verweist zudem darauf, dass das Land zahlreiche Abwehrwaffen für den Weltraum entwickle, um Gegnern im Falle eines Krieges „die Nutzung von Anlagen im Weltraum zu versagen oder zu erschweren“. Gemeint sind damit potentielle Angriffe auf Satellitenanlagen, die zur militärischen Aufklärung, Kommunikation oder Navigation von Waffensystemen genutzt werden. Dass China das sehr wohl schon kann, zeigte es 2007, als es einen eigenen Wettersatelliten im All zerstörte.

Dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges wird der Weltraum wieder zu einem Ort des strategischen Wettbewerbs, wenn auch in ganz anderer Weise als damals. Umso dringender werden neue internationale Regeln für die Weltraumnutzung - vom Umgang mit dem Schrott bis hin zur Rüstungskontrolle. Dabei wird man an China nicht mehr vorbeikommen.

Quelle: F.A.S.
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für Ostasien.
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