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Unruhen in Mondragone

Corona-Aufstand der bulgarischen Landarbeiter

Von Matthias Rüb, Rom
Aktualisiert am 26.06.2020
 - 17:10
Einheimische protestieren im italienischen Mondragone gegen bulgarische Landarbeiter, die die Corona-Quarantäne missachten.
In der italienischen Stadt Mondragone eskaliert ein Konflikt zwischen bulgarischen Landarbeitern und Einheimischen. Die Landarbeiter missachten die Corona-Quarantäne. Anwohner protestieren. Die Armee greift ein.

Am Ende mussten Soldaten kommen: Seit Donnerstagabend sichern rund hundert Mann des italienischen Heeres die „zona rossa“ (rote Zone) von Mondragone. Zuvor war es in der Stadt mit rund 29.000 Einwohnern nordwestlich von Neapel zu Auseinandersetzungen zwischen bulgarischen Tagelöhnern und Einheimischen gekommen, die außer Kontrolle zu geraten drohten. Anlass für die Unruhen war ein Coronavirus-Ausbruch in jenem Teil des Wohnviertels „Palazzi ex Cirio“, das überwiegend von bulgarischen Landarbeitern bewohnt wird. Nachdem bei Corona-Tests in der vergangenen Woche dort rund 50 Infektionen festgestellt worden waren, erklärte der Regionalpräsident von Kampanien, Vincenzo De Luca, am Montag insgesamt fünf Mietskasernen in dem Viertel zur „roten Zone“ und stellte sie unter Quarantäne. Die Polizei ließ die Gebäude umzäunen, sperrte Straßen und Zugänge ab.

Doch offenbar nicht gründlich genug. Zahlreichen bulgarischen Landarbeitern gelang die Flucht aus der „zona rossa“. Vermutlich kehrten sie zur Arbeit auf die Felder im Hinterland der tyrrhenischen Küste zurück, wo sie jetzt in Baracken nächtigen dürften. Denn wenn die Tagelöhner nicht arbeiten, haben sie nach wenigen Tagen keinen Euro mehr in der Tasche. In den prekären Arbeitsverhältnissen des sogenannten „caporalato“ herrscht faktisch Sklaverei. „Caporali“ sind ortskundige Landsleute der Tagelöhner. Sie vermitteln den Bauern und Agrarunternehmen die erforderlichen Arbeitskräfte, sorgen für deren Transport zu den Feldern, oft auch für deren Unterkunft. Die Bezahlung der Tagelöhner erfolgt über die „caporali“, die vom Lohn die Kosten für Transport, Unterkunft und Arbeitsvermittlung abziehen.

Handgreiflichkeiten zwischen Einheimischen und Bulgaren

Die jetzt vom Coronavirus betroffenen Mietskasernen von Mondragone sind überfüllt. Es herrschen problematische hygienische Verhältnisse. In einer der abgesperrten Mietskasernen wohnen italienische Obdachlose, illegal, aber geduldet. Die fühlen sich von den infizierten Bulgaren in zweifacher Hinsicht bedroht: durch das von diesen eingeschleppte Virus sowie durch den Umstand, dass auch sie für 14 Tage in ihren Wohnungen eingesperrt und von ihren mageren Verdienstmöglichkeiten abgeschnitten sind. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen Einheimischen und Bulgaren innerhalb der „zona rossa“. Der Kleintransporter eines bulgarischen „caporale“ ging in Flammen auf.

Die Polizei musste Einheimische daran hindern, von außen in die „rote Zone“ einzudringen. Dort demonstrierten ihrerseits Bulgaren gegen die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Von Balkonen flogen Stühle auf die Demonstranten. Regionalpräsident De Luca ersuchte Innenministerin Luciana Lamorgese Donnerstag Mittag schließlich um Verstärkung. In der Nacht zum Freitag kehrte in Mondragone vorerst wieder Ruhe ein. Doch damit ist die Angelegenheit nicht erledigt.

Der Fall hat weitreichende politische Implikationen. Regionalpräsident De Luca, ehemals Kommunist und gegenwärtig Sozialdemokrat, gebärdete sich in der Zeit des Lockdowns und Shutdowns von Anfang März bis Ende Mai als Nationalsheriff der Linken, der die Region Kampanien und den gesamten Süden des Landes vor dem Eindringen des Coronavirus bewahrte und mit markigen Sprüchen die rechten Regionalregierungen im Norden, zumal in der Lombardei, wegen deren angeblichen Versagens im Kampf gegen die Pandemie kritisierte. In Kampanien sowie in sechs weiteren Regionen finden im September die (wegen der Pandemie verschobenen) Regionalwahlen statt. Selbst lokal begrenzte Ausbrüche des Virus sowie soziale Unruhen mindern die Wiederwahlchancen De Lucas. Die drei rechten Parteien haben sich schon auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten geeinigt.

Unterdessen hat die Rechte unter Führung Matteo Salvinis von der populistischen Lega und Giorgia Melonis von der postfaschistischen Partei „Brüder Italiens“ das während der akuten Pandemie fast verschwundene Thema der (illegalen) Immigration wieder zum Leben erweckt. Denn die Zahl der Bootsflüchtlinge, die aus eigener Kraft die italienischen Mittelmeerinseln Lampedusa und Sizilien erreichen oder dort von privaten Rettungsschiffen an Land gebracht werden, hat zuletzt wieder deutlich zugenommen: Seit Jahresbeginn sind es 6400. Im Vorjahreszeitraum, als Salvini noch Innenminister war und einen kalkulierten Feldzug gegen „buonisti“ (Gutmenschen) führte, waren es 2500 gewesen.

Beifall gibt es nur aus Brüssel und Berlin

In der vergangenen Woche war das deutsche Rettungsschiff Sea-Watch 3 wieder im humanitären Einsatz vor der libyschen Küste und ersuchte um Einfahrt in einen sicheren Hafen. Doch anders als Salvini vor Jahresfrist, der alle Häfen des Landes für Schiffe mit Migranten an Bord hatte sperren lassen, erlaubt die seit September regierende europafreundliche Linkskoalition in Rom privaten Rettungsschiffen unverzüglich die Hafeneinfahrt.

Diese Politik findet zwar in Berlin und Brüssel Beifall, könnte aber in Italien nach der Überwindung des akuten Pandemie-Notstands zu einer Belastung für die Koalition unter Ministerpräsident Giuseppe Conte werden. Vor allem dann, wenn sich die wirtschaftliche und soziale Krise weiter verschärft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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