Corona in der Ukraine

Nur das Bestattungsgewerbe blüht

Von Gerhard Gnauck, Warschau
23.11.2020
, 08:13
Ukrainische Sicherheitskräfte gehen gegen Demonstranten vor, die in der Nähe des Parlamtssitzes gegen die Corona-Einschränkungen protestieren.
Das Gesundheitssystem der Ukraine steht angesichts hoher Infektionszahlen kurz vor dem Zusammenbruch. Betten werden knapp, Sauerstoffflaschen fehlen und 258 Ärzte und Krankenschwestern sind schon an dem Virus gestorben.
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In der Ukraine hat das Coronavirus führende Politiker getroffen: Präsident Wolodymyr Selenskyj liegt deswegen in einem Regierungskrankenhaus, ist aber auf dem Weg der Genesung. Außerdem infizierten sich der Chef des Präsidialamts, der Parlamentspräsident und sein Stellvertreter sowie der Gesundheitsminister. Drei in der ersten Runde der Kommunalwahlen gewählte Bürgermeister starben am Virus.

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Hennadij Kernes, Oberhaupt der zweitgrößten Stadt Charkiw, liegt derweil seit dem 17. September, vom Virus infiziert, in der Berliner Charité. Da seine Mitarbeiter von ihm seitdem nur zwei Fotos vom Krankenbett veröffentlichten und er in dieser Zeit wiedergewählt wurde, wird in der Ukraine spekuliert, wie lange er in Behandlung bleiben kann, ohne sein Amt aufgeben zu müssen. Immerhin soll am 2. Dezember erstmals wieder der Stadtrat tagen.

Vorige Woche meldete das Land mehrmals neue Rekordwerte bei den Coronavirus-Infektionen, auch wenn die Zahlen für Samstag mit 12.079 Fällen und 138 Todesfällen leicht zurückging. In der letzten Woche zählte die Ukraine etwa eineinhalbmal so viele Neuinfektionen pro Kopf wie Deutschland. Medien berichten von überfüllten Krankenhäusern und wartenden Krankenwagen mit Patienten. Mangel herrscht bei der Versorgung mit Sauerstoff und beim traditionell unterbezahlten Personal. Zudem sind seit Beginn der Pandemie mindestens 258 Ärzte und Krankenschwestern am Virus gestorben.

„Nur das Bestattungsgeschäft blüht“

Ministerpräsident Denis Schmyhal warnte: „Wenn wir nichts tun, wird das Gesundheitssystem Mitte Dezember keine Patienten mehr aufnehmen können. Die Krankenhäuser werden keinen Platz mehr haben, nicht mal in den Fluren.“ Vor zwei Wochen hat die Regierung einen „Wochenend-Lockdown“ verhängt, der die zwischenmenschlichen Kontakte beschränken soll.

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Besonders dramatisch ist die Lage offenbar in den „Volksrepubliken“ DNR und LNR im Osten der Ukraine. Schon Anfang Oktober appellierte der aus der Ostukraine stammende Spiridon Kilinkarow in einer Talkshow im russischen Staatsfernsehen: „Dort gibt es keine Medikamente, keine Ärzte. Das einzige Geschäft, das dort blüht, ist das Bestattungsgeschäft, das hat sich verdreifacht.“

Warum werden Reservisten mobilisiert?

Kilinkarow, in Kiew einst kommunistischer Abgeordneter, lebt seit Jahren in Moskau und kommentiert von dort aus die Vorgänge in der Ukraine. „Verstehen die Anführer der DNR und LNR, was dort vorgeht? Wir bekommen dort am Ende eine sehr illoyale Bevölkerung.“ Seitdem sind die Corona-Zahlen laut DNR und LNR noch einmal nach oben geschnellt. Für die Tage Mittwoch bis Samstag meldeten deren Behörden 585 Neuinfektionen und 73 Todesfälle bei einer Bevölkerung von offiziell knapp 3,7 Millionen. Damit gab es insgesamt 11.589 Infektionen und 1048 Tote.

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Das Kiewer Portal hvylya.net, das die Lage im Osten beobachtet, hält die neuen Zahlen für untertrieben. Es herrsche dort Mangel sogar an einfachsten Medikamenten. Unklar ist, warum die DNR alle Reservisten anwies, sich bis zum 27. November bei den Behörden zu melden. Die Sicherheitsorgane sollten alle, die sich nicht stellten, „aufspüren“, berichtete der Pressedienst der DNR.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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