Zweite Corona-Welle in Indien

Der Weltapotheke fehlt der Impfstoff

Von Till Fähnders, Singapur
14.05.2021
, 19:01
Die „größte Impfkampagne der Geschichte“ droht zu scheitern. Angesichts der dramatischen Corona-Entwicklung sucht Indien nun händeringend nach Impfstoff-Nachschub.

In den sozialen Netzwerken in Indien kursiert derzeit der Witz, wonach es noch schwieriger sei, mit der extra dafür entwickelten Smartphone-App einen Impftermin zu bekommen, als mit einer Dating-App ein Rendezvous. Tatsächlich gab es mit der unter dem Namen „CoWin“ laufenden App von Beginn an Schwierigkeiten. Impfwillige berichten, wie sie immer wieder erfolglos versuchen, einen Termin zu bekommen.

Aber das Problem ist derzeit nicht nur die Software, sondern vor allem, dass es in Indien derzeit einfach nicht genug Impfstoff gibt. Landesweit bleiben viele Impfzentren aufgrund von Lieferengpässen geschlossen. Einige Bundesstaaten haben die erst am 1. Mai begonnenen Impfungen für die Alterskohorte der 18- bis 44-Jährigen wieder eingestellt.

Das indische Impfchaos kommt dabei ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem das Land gegen eine verheerende zweite Infektionswelle ankämpft. Insgesamt sind schon mehr als eine Viertelmillion Inder an Covid-19 gestorben. Den dritten Tag in Folge lag die Zahl der Toten in Indien bei mindestens 4000. Die tatsächliche Zahl dürfte aber weitaus höher liegen, da viele Infektionen in Indien unentdeckt bleiben.

Die beste Strategie gegen die Ausbreitung des Virus wäre ein beschleunigtes Impfprogramm. Doch die am 20. Januar mit großem Aufwand gestartete Impfkampagne kommt nicht voran. Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung sind komplett geimpft. Bei der Erstimpfung liegt die Quote noch unter fünfzehn Prozent der Bevölkerung.

Vorwürfe der Opposition

In einer Rede an die Nation rief Ministerpräsident Narendra Modi am Freitag trotzig die Menschen dazu auf, sich impfen zu lassen. Die Opposition wirft der Regierung vor, sie trage mit ihrer Politik zu dem Problem bei. Einige der bekanntesten Chief Minister der Bundesstaaten hatten sich diese Woche auch in einem Brief an die Regierung gewandt. Sie gaben Neu Delhi eine Mitschuld an der „apokalyptischen menschlichen Tragödie“, die sich zurzeit in dem Land abspiele.

Dabei hatte Modi im Januar damit geprahlt, dass kein Land der Welt jemals eine Impfkampagne dieses Ausmaßes durchgeführt habe. Bis Juli sollten 300 Millionen Inder geimpft sein. Trotz seines unterfinanzierten Gesundheitssystems schien Indien als größter Hersteller von Vakzinen in der Lage, die Pandemie durch schnelle Impfungen in den Griff zu bekommen.

Die selbst erklärte „Apotheke der Welt“ exportierte bis März sogar noch Impfstoff – insgesamt 66 Millionen Dosen in 93 Länder. Das war mehr, als bis dahin im Land selbst verimpft worden war. Doch über die Freundschaftsdienste vernachlässigte Indien das eigene Immunisierungsprogramm. Von den anfänglich zugelassenen zwei Impfstoffen Covieshield und Covaxin hatte Indien im Januar nur 11 Millionen und 5,5 Millionen Dosen bestellt. Erst als die zweite Welle schon begonnen hatte, kam die erste Großbestellung. Mit den bis Mai insgesamt 350 Millionen bestellten Dosen kann Indien nur etwa 12 Prozent seiner Bevölkerung impfen.

Verbreitung in ländlichen Gebieten

Der Grund dafür, dass die Behörden die Impfkampagne vernachlässigten, war ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Die Zahl der Neuinfektionen war seit September gesunken. Im Februar lag sie bei nur 10.000 täglich. Beim virtuellen Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte Modi die Pandemie in Indien für besiegt. Das führte dazu, dass das Land auf die Wucht der zweiten Welle nicht vorbereitet war. Hinzu kamen die Virusvarianten, vor allem die aus Großbritannien stammende Variante B.1.1.7 und die im März erstmals in Indien offiziell gemeldete sogenannte Doppelmutante B.1.617. Seither erschüttern die Berichte über überfüllte Krankenhäuser, erstickende Corona-Patienten und überlastete Krematorien die Welt.

Während sich die Kurve in einigen besonders betroffenen Megastädten wie Neu Delhi etwas abschwächt, scheint sich das Virus nun immer mehr in den ländlichen Gebieten zu verbreiten, wo etwa 70 Prozent der Inder leben. In dieser Lage versucht die Regierung nun, die Engpässe zu überwinden. Die indischen Hersteller Serum Institute und Bharat Biotech wollen die Produktion hochfahren.

Neben der Covaxin-Produktion in Hyderabad sollen drei staatliche Unternehmen den Impfstoff zusätzlich produzieren. Am Freitag wurde zum ersten Mal der russische Impfstoff Sputnik V geimpft. Bundesstaaten verhandeln mit Herstellern wie Pfizer/BioNTech, Moderna und Johnson&Johnson. Einem Regierungsberater zufolge könnten Indien in der zweiten Jahreshälfte sogar zwei Milliarden Impfdosen zur Verfügung stehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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