Bedrohung durch Delta

Ein Kampf um den Sommer

Von Hans-Christian Rößler
10.07.2021
, 11:01
Anfang Juli spazieren Touristen noch unbeschwert auf Mallorca entlang der Strandpromenade.
Deutschland entspannt sich, doch in Spanien droht eine neue Corona-Welle. Delta breitet sich aus, und das Robert Koch-Institut hat das Land zum Risikogebiet erklärt.

Die große Sommerparty war kurz. Seit Freitag herrscht Stille im „High Fidelity Dance Club“. Die Diskothek am Montjuïc-Berg oberhalb von Barcelona hat wieder geschlossen - wie zuvor schon 16 Monate lang: Nicht nur in Barcelona, sondern in ganz Katalonien ruht das Nachtleben. Auch in den Badeorten an der Costa Brava müssen die Diskotheken und Musikbars ihre Innenräume zumachen. Nur unter freiem Himmel und auf Terrassen darf noch getanzt werden - mit Test oder Impfnachweis, wenn mehr als 500 Menschen da sind.

Spanien zeigt, wie schnell die Lage kippen kann. Im Juni waren die Infektionszahlen hier noch fast genauso niedrig wie in Deutschland. Jetzt rollt die fünfte Corona-Welle an: Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen verzeichnete in den vergangenen beiden Wochen mehr als 40 Prozent aller neuen Ansteckungen in der EU. Die fünfte Pandemie-Welle ist da, und die Zeitung La Vanguardia aus Barcelona warnt: Wenn die internationale Presse darauf aufmerksam werde, drohe eine Flut von Stornierungen. Am schlimmsten ist es in Katalonien: Mit rund 400 Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern hat die Region die höchste Sieben-Tage-Inzidenz im Land. Barcelona ist zum spanischen Corona-Hotspot geworden.

Dieses Mal macht vor allem die Jugend den Fachleuten Sorgen. Ausgelassen war sie in die Sommerferien aufgebrochen: Sie glaubte, vom Virus gehe keine Gefahr mehr aus, und wollte endlich die neuen Freiheiten genießen. Seit die Nachtclubs und Diskotheken am 21. Juni wieder öffneten und wenig später die Maskenpflicht im Freien endete, schossen die Fallzahlen bei Katalanen unter 30 Jahren in die Höhe. Das liegt nicht nur an Corona-Müdigkeit, sondern vor allem daran, dass die meisten von ihnen noch nicht geimpft sind. Jetzt hat die katalanische Regionalregierung die Notbremse gezogen und geht damit weiter als der größte Teil des übrigen Landes.

Die Dynamik der Delta-Variante

„Kürzere Öffnungszeiten in den Bars bedeuten weniger Ansteckungsgefahr. Die Schließung des Nachtlebens kann ebenfalls helfen“, sagt Antoni Trilla der F.A.S. Im Hospital Clínic in Barcelona leitet er die Abteilung für Präventivmedizin und Epidemiologie und ist beunruhigt über die „Explosion“ der Neuinfektionen: „Jede Woche verfünffacht sich die Zahl.“ Zum Glück aber sei der Verlauf bei den Jüngeren meist mild. Oft gleiche er nur einer Erkältung, sodass die neue Welle bisher besonders die lokalen Gesundheitszentren zur einfachen Grundversorgung zu spüren bekamen. Auf den Intensivstationen dagegen sei die neue Welle noch nicht angekommen - „aber wir bereiten uns vor“, sagt der Arzt.

Die neue Dynamik liegt auch an der hochinfektiösen Delta-Variante, deren Anteil Trilla in Katalonien auf 40 bis 50 Prozent veranschlagt; sie werde bald dominant sein. Das ist höher als der spanische Durchschnitt: Laut den jüngsten Angaben des Gesundheitsministeriums sind es im gesamten Land erst elf Prozent. Aber diese Zahlen sind schon drei Wochen alt.

In Katalonien lässt sich der Beginn der fünften Corona-Welle zeitlich gut eingrenzen. Trilla führt ihn auf den „Sant-Joan-Effekt“ zurück. Damit sind die Folgen des Johannis-Feiertags am 24. Juni gemeint. Schon die Nacht davor wird fröhlich und laut gefeiert. Das folgende lange Wochenende nutzten dann viele für Familienbesuche mit jeder Menge Ansteckungsmöglichkeiten. Das Ende des Schuljahres bot einen weiteren Anlass für Partys.

Schüler als Superspreader

Den Johannis-Effekt bekamen auch Valencia und die Balearen zu spüren, wo die Fallzahlen um mehr als 300 Prozent anstiegen. Das lag nicht nur an dem regionalen Feiertag. Auf Mallorca wurden Klassenfahrten zum ersten Superspreader-Event dieses Sommers: Bei den Abschlusspartys steckten sich mehr als 2000 Schüler an und verbreiteten das Virus bei ihrer Heimkehr im ganzen Land. Mehr als 6000 Menschen mussten danach in Quarantäne. Zum zweitgrößten Ausbruch kam es in Salou an der katalanischen Küste bei Tarragona. Fast tausend Schüler wurden nach ihrer Heimkehr nach Navarra positiv auf das Coronavirus getestet. In der nordspanischen Region ist der Anteil der Delta-Variante nach Angaben der Zeitung El País innerhalb kurzer Zeit auf 80 Prozent hochgeschnellt.

In Katalonien hatten sich die Menschen auf einen anderen Sommer gefreut. In Barcelona flanierten erste Touristen auf den Ramblas, im Hafen legen die ersten Kreuzfahrtschiffe an. Selbst die Diebe sind zurück: Jede Woche meldet die Polizei rund 200 Überfälle. In die Gassen des Raval-Viertels in der Altstadt verirren sich jedoch immer noch nur wenige Menschen. „Wie haben nur mittags geöffnet, abends lohnt es sich nicht“, sagt Jorge Runnacles, der dort ein argentinisches Lokal betreibt.

Vor den Diskotheken und Nachtclubs bildeten sich dagegen abends oft lange Schlangen. Der Nachholbedarf der Einheimischen war groß. „Die Schließung ist ein Todesurteil“, empört sich Joaquim Boadas. Er ist Generalsekretär der Vereinigung Fecasarm, in der sich die Clubbetreiber zusammengeschlossen haben. „Viele Lokale waren zwanzig Monate geschlossen. Alle brauchen die Sommermonate, um sich von den Folgen der Pandemie zu erholen. Viele werden das nicht überleben“, befürchtet Boadas.

Die Angst vor der illegalen Fiesta

Auch im „High Fidelity Dance Club“ ist die Frustration groß. Einen Monat lang hatten sich die Mitarbeiter auf die Öffnung vorbereitet und mehr als ein Dutzend Luftreiniger angeschafft. „Das waren enorme Investitionen“, sagt Eric Alvarez, der Besitzer. Er erwartet nicht, dass die neuen Maßnahmen viel ändern werden. „Jetzt wird es noch mehr unkontrollierte Massenbesäufnisse und illegale Fiestas geben“, sagt er. Dabei hätte man es auch anders machen können. „Mit Antigentests für alle Besucher hätten wir Sicherheit geschaffen.“ Vergeblich hatte der Verband der Nachtclubbetreiber angeboten, mit solchen Massentests Infizierte zu finden, die gar nicht wissen, dass sie ansteckend sind.

Partystimmung kommt auch in anderen Regionen Spaniens nicht auf. In Kantabrien im Nordwesten wurden in vielen Städten die Nachtlokale schon vor einigen Tagen geschlossen, auf Mallorca und seinen Nachbarinseln wurden sie noch gar nicht geöffnet. Besonders auf Menorca ist die Inzidenz seit dem Johannisfest stark gestiegen - von 14 auf mehr als 500. Die Regionalregierung stoppt geplante Lockerungen, die Nachtlokale bleiben geschlossen. Stattdessen beginnen die Balearen eine Testoffensive in der jungen Bevölkerung. Immer mehr Regionen fordern die Zentralregierung auf, wieder die nächtliche Ausgangssperre zu verhängen.

Ein dritter Lockdown wäre für Spanien fatal. Für den Neustart der Wirtschaft sind die Touristen überlebenswichtig. Zuversichtlich erwartet die Regierung in diesem Sommer noch 17 Millionen ausländische Gäste. Das wäre etwa die Hälfte der Zahl der Urlauber vom Sommer 2019. Unter den Ausländern sind die Deutschen die größte Gruppe: Sie stellen 70 Prozent der Gäste, von denen 70 Prozent auf die Balearen reisen, wo die Inzidenz drei Mal so hoch ist wie der Grenzwert, ab dem das Robert Koch-Institut eine Region als Risikogebiet ausweist. Das ist bisher nur bei einem halben Dutzend Regionen der Fall. Am Freitag erklärte das RKI nun aber das ganze Land zum Risikogebiet. Sollten die Zahlen weiter steigen und Spanien zum Hochinzidenzgebiet werden, hätte das für deutsche Heimkehrer Folgen: Wer weder geimpft noch von einer Infektion genesen ist, muss dann mindestens fünf Tage in Quarantäne.

In Spanien gibt man den Sommer jedoch nicht verloren. Der wichtigste Grund dafür ist die Impfkampagne, die jetzt noch einmal beschleunigt wird. Infiziert haben sich vor allem die jungen Spanier, die wegen der strikten Altersvorgaben bis vor Kurzem nicht an der Reihe waren. Auf den Balearen wurde die Altersgrenze deshalb schon auf 16 Jahre gesenkt. Insgesamt haben schon 42 Prozent aller Spanier einen vollständigen Schutz. Eine gefährliche Lücke klafft noch bei den Spaniern zwischen 60 und 69 Jahren, von denen 40 Prozent nur einmal geimpft sind.

Trotz der Anstrengungen kam eine Hiobsbotschaft aus Frankreich, die Katalonien hart trifft: Paris rät ausdrücklich von Urlaubsreisen nach Spanien und Portugal ab. Die Franzosen sollten vorsichtig sein, zu Hause bleiben oder lieber andere Reiseziele wählen. Ausdrücklich wird auch Katalonien erwähnt. Schon vor der Warnung hatten sich die französischen Nachbarn bei ihren Reisen aus Angst vor neuen Ansteckungen zurückgehalten. Sollten noch mehr von ihnen fernbleiben, wäre das ein schwerer Schlag, denn die Franzosen machen an der katalanischen Küste rund die Hälfte aller ausländischen Gäste aus.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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