Corona in Südostasien

Im Griff der Mutanten

Von Till Fähnders, Singapur
01.06.2021
, 07:26
Begräbnis: Ein muslimischer Geistlicher betet mit Kollegen in Gombak, Malaysia, für einen Covid-Toten.
In Südostasien hatten viele Länder die Pandemie erfolgreich unter Kontrolle gebracht. Nun grassiert das Coronavirus dort aber so stark wie nie zuvor.
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In Malaysia wird der Platz für die Toten knapp. Die Behörden im malaysischen Bundesstaat Selangor haben an einem Krankenhaus deshalb sogar einen Schiffscontainer zu einem temporären Leichenhaus umgewandelt. Das südostasiatische Land verzeichnet derzeit täglich 6000 bis 9000 neue Corona-Fälle, mehr als je zuvor seit Beginn der Pandemie. Von diesem Dienstag an gilt deshalb für zwei Wochen ein „totaler“ Lockdown, wie Premierminister Muhyiddin Yassin am Freitag verkündet hatte. Nur Unternehmen, die der Grundversorgung dienen, dürfen weiter geöffnet bleiben.

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Malaysia gehört dabei zu mehreren Ländern in Südostasien, die im vergangenen Jahr die Zahl der Infektionen auf einem relativ geringen Niveau gehalten haben, nun aber mit einer neuen Ansteckungswelle kämpfen. Dabei spielen neue Virusvarianten, darunter wohl vor allem die aus Indien stammende „Doppelmutante“ B.1.617, eine wichtige Rolle. Einige der Länder hinken außerdem beim Impfen hinterher. In den meisten Ländern, dazu gehören Malaysia, Vietnam, Thailand und die Philippinen, sind nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung komplett geimpft.

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Nur der reiche Stadtstaat Singapur, der 30 Prozent der Einwohner vollständig geimpft hat, kann dabei mit den Industrieländern in Europa und Amerika mithalten. Der Stadtstaat gehört auch zu den Ländern, die während der Pandemie für viele als Vorbilder galten. Singapur hatte eine Zeit lang sogar eine Rangliste der Länder angeführt, die das Virus am besten eingedämmt hatten.

Im Juni und August wollte Singapur durch die Austragung von Großveranstaltungen wie der Sicherheitskonferenz Shangri-La Dialogue und dem Weltwirtschaftsforum ein Zeichen der Öffnung setzen. Doch seitdem sind in dem Stadtstaat mehrere Ansteckungsherde mit Dutzenden neuen Fällen aufgetaucht. Nun sind wieder Restaurants geschlossen, es gelten Kontakteinschränkungen, und die Schulen haben auf Fernunterricht umgestellt.

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Die Touristen fehlen

Die Maßnahmen wirken: Mittlerweile haben sich die Zahlen stabilisiert. Gelockert werden die Einschränkungen aber frühestens in zwei Wochen, wie Ministerpräsident Lee Hsien Loong am Montag in einer Fernsehansprache mitteilte. „Auch wenn wir unsere Covid-19-Lage in den Griff bekommen, wütet die Pandemie weiter um uns herum. Viele Länder schaffen es noch nicht, sie völlig unter Kontrolle zu bekommen“, sagte Lee.

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Zu den Ländern, die sich zunächst der Pandemie besonders erfolgreich entgegengestellt hatten, gehörte neben Singapur auch Vietnam. Nun grassiert das Virus auch dort so stark wie nie zuvor. Seit April sind fast 5000 Fälle hinzugekommen, etwa doppelt so viele wie in dem gesamten Zeitraum davor seit Beginn der Pandemie. Vietnam meldete am Wochenende zudem eine neue Corona-Mutante. Diese „Hybrid-Variante“ vereine die Eigenschaften der aus Großbritannien und Indien stammenden Varianten, sagte Gesundheitsminister Nguyen Thanh Long. Der Minister bezeichnete die Mutante auch als besonders ansteckend. Die Behörden in dem Einparteienstaat haben nun in mehreren Städten Ausgangssperren verhängt. Agenturen zufolge soll sogar die gesamte Bevölkerung der Millionenmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt getestet werden. Dort waren einige Fälle im Umkreis einer protestantischen Kirche entdeckt worden.

Für andere Länder wie Indonesien, die Philippinen und vor allem Thailand macht sich wegen der anhaltenden Einschränkungen der fehlende Tourismus bemerkbar. Pläne für eine Wiederbelebung der Branche, etwa durch eine „Blase“ für Touristen auf der Ferieninsel Phuket, sind durch die neue Infektionswelle hinfällig geworden. Da in Thailand das Virus unter anderem in den Gefängnissen grassiert, erwägt die Regierung sogar, Tausende Häftlinge mit Vorerkrankungen vorzeitig freizulassen. Indirekt betroffen ist Thailand auch von der Situation in Myanmar, wo das Gesundheitssystem seit dem Militärputsch im Februar quasi zusammengebrochen ist. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie stark das Virus sich dort ausbreitet.

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In Singapur bereitet die Regierung das Volk diesen Entwicklungen zum Trotz schon auf die nächste Phase der Pandemie vor. „Eines Tages wird die Pandemie nachlassen. Aber ich rechne nicht damit, dass Covid-19 verschwindet. Es wird die Menschheit weiter begleiten und endemisch werden“, sagte Ministerpräsident Lee in seiner Fernsehansprache. Es werde eine „neue Normalität“ geben, der Singapur mit einer höheren Zahl an Tests, mit Kontaktverfolgung und Impfungen begegnen werde. „In der neuen Normalität wird Covid-19 nicht unser Leben dominieren“, versprach Lee Hsien Loong. „Derzeit sind wir von diesem glücklichen Zustand noch etwas entfernt. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung“, sagte Lee.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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