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Corona-Krise in Serbien

Die vermeidbare zweite Welle

Von Michael Martens, Wien
Aktualisiert am 04.07.2020
 - 07:24
Fans beim Pokalhalbfinale zwischen Roter Stern und Partisan Belgrad am 10. Juni.
Erst kontrollierte Serbien die Pandemie, nun kontrolliert die Pandemie Serbien. In mehreren Städten wurde der Notstand ausgerufen. Die Politik hat sich das allerdings selbst zuzuschreiben.

Serbien war auf einem guten Weg. Während Europa zu Jahresbeginn auf Italien, Spanien und Frankreich blickte, blieb es in dem Balkanstaat während der Corona-Pandemie recht ruhig. Zwar hatten die Verantwortlichen in Belgrad die Gefährlichkeit der Entwicklung zunächst verharmlost, doch im März sahen sie ein, dass es sich keineswegs „um das lächerlichste Virus der Menschheit“ handelt, wie ein Gesundheitsberater der Regierung noch im Februar öffentlich gespottet hatte. Strenge Vorsichtsmaßnahmen und eine weitgehende Aussetzung des gesellschaftlichen Lebens über mehrere Wochen hinweg trugen dazu bei, dass sich die Lage stabilisierte. Serbien schien die Pandemie so gut wie eben möglich unter Kontrolle gebracht zu haben. Doch inzwischen sieht es so aus, als kontrolliere nicht mehr Serbien die Pandemie, sondern die Pandemie Serbien.

Das hat nach allgemeinem Dafürhalten nicht zuletzt mit der serbischen Parlamentswahl am 21. Juni und den Entscheidungen der Behörden in den Wochen davor zu tun. Im Wahlkampf war das gesellschaftliche Leben in Serbien in einem Maße geöffnet worden, wie man es sonst auf dem Kontinent kaum sah. Ein erstaunlicher Höhe- oder Tiefpunkt der Entwicklung war die behördliche Genehmigung, sportliche Großveranstaltungen wieder mit Publikum zuzulassen. So kamen Anfang Juni je nach Quelle bis zu 25.000 Fans zum Pokalhalbfinale zwischen Roter Stern und Partisan Belgrad. Das waren zwar weniger als in anderen Jahren bei diesem Klassiker des serbischen Fußballs, aber unter den gegebenen Bedingungen nach Ansicht vieler Fachleute eben dennoch 25.000 Menschen zu viel.

Zur Meisterschaftsfeier von Roter Stern kamen wenige Tage später noch einmal 10.000 Fans. Bei Serbiens Rekordmeister wurden kurz darauf fünf Spieler positiv getestet. Wie viele Fans sich im Stadion oder bei den Feiern ansteckten, ist ungewiss. Auch ein Tennisturnier in Belgrad (sowie in Zadar in Kroatien) fand vor vollen Rängen statt. Einer der Teilnehmer, der Weltranglistenerste Novak Djoković, wurde später positiv auf Corona getestet.

Wie ein Punkrocker sprang der Minister von der Bühne

Was die serbische Politik im Sport zuließ, lebte sie auch selbst vor. Bei einer bestens besuchten Wahlkampfveranstaltung in Novi Pazar, der größten Stadt im Südwesten Serbiens, sprang der langjährige Minister Rasim Ljajić im Stile eines Punkrockers von der Bühne in die dicht beieinanderstehende Menge und ließ sich von den Wogen der Begeisterung tragen. Nachdem die regierende „Serbische Fortschrittspartei“ die von großen Teilen der Opposition boykottierten Wahlen triumphal gewonnen hatte, kam es im überfüllten Hauptquartier der „Fortschrittlichen“ in Belgrad zu einer ausgelassenen Feier – traditioneller Kolo-Tanz, Küsschen und Umarmungen inklusive.

Inzwischen liegen erste Rechnungen für eine Entwicklung vor, die man in anderen Ländern vielleicht als Öffnungsorgie bezeichnet hätte. So wurden die Parlamentspräsidentin, der Verteidigungsminister und der für das Kosovo zuständige Ressortchef positiv auf Corona getestet. Am Donnerstag wurden bei seit Tagen steigender Tendenz trotz mangelnder Testkapazitäten 359 neue Corona-Fälle innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Zum Vergleich: In Deutschland meldeten die Gesundheitsämter zuletzt 446 neue Infektionen – nur hat Deutschland 82 Millionen Einwohner, Serbien dagegen kaum mehr als sieben Millionen.

Das investigative Portal „Birn“ in Belgrad führt den Anstieg auch darauf zurück, dass die Behörden vor der Wahl die wahren Zahlen verschwiegen hätten. Die Regierung weist dies zurück. Ministerpräsidentin Ana Brnabić führte als Beispiel an, es könne ja sein, dass eine positiv auf Corona getestete Person auf dem Weg ins Krankenhaus von einem Bus überfahren werde. Dann werde sie in den Statistiken fälschlicherweise als Corona-Opfer geführt, obschon sie es eigentlich nicht sei. Dieses Argument war laut der Ministerpräsidentin offenbar als Beweis für die regierungsamtliche Behauptung zu verstehen, es treffe nicht zu, dass die Zahlen der Corona-Toten in Wirklichkeit höher seien als angegeben.

Die Entwicklungen der vergangenen Tage zeigen jedenfalls, dass die Lage ernst ist. Außer dem besonders schwer betroffenen Novi Pazar, wo das Krankenhaus nach lokalen Berichten völlig überlastet ist und die Armee Zelte auf dem Krankenhausgelände aufgebaut hat, haben auch andere Städte den Notstand ausgerufen oder starke Einschränkungen verhängt. So Vranje in Südserbien und die zentralserbische Industriestadt Kragujevac.

In den staatlich kontrollierten Medien heißt es, alles sei unter Kontrolle

Die Regierung versucht jedoch aus wirtschaftlichen Gründen, einen neuerlichen völligen „Lockdown“ wie im März und im April unbedingt zu vermeiden. Eine zweite umfassende Stilllegung des öffentlichen Lebens werde gravierende ökonomische Folgen haben, wird befürchtet. „Wenn wir solch restriktive Maßnahmen wie im März und April einführen, dann haben wir nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern wir werden dann nicht einmal mehr eine Wirtschaft haben“, wurde Regierungschefin Brnabić dazu in serbischen Medien zitiert.

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Was Serbien offenbar jetzt schon nicht hat, sind ausreichend Kapazitäten, um dem wieder anschwellenden Infektionsgeschehen zu begegnen. Auffällig ist jedenfalls, dass zwar laut der Berichterstattung in den staatlich kontrollierten Medien letztlich alles unter Kontrolle zu sein scheint, solchen Einschätzungen aber eine Vielzahl von Videos und Erlebnisberichten in den sozialen Medien gegenübersteht, in denen sich ein ganz anderes Bild zeigt: Dort sieht man überfüllte Krankenhäuser, in denen Menschen in Fluren auf Hilfe warten. Oder eine Menschenmenge in Belgrad vor einer Ambulanz, die von einer Krankenschwester zu hören bekommt, es gebe keine Corona-Tests, man solle nach dem 15. Juli wiederkommen.

Die steigenden Zahlen in Serbien entsprechen allerdings einer Entwicklung, die in anderen Staaten des westlichen Balkans ebenfalls zu beobachten ist. Auch in Nordmazedonien, wo Mitte Juli eine Parlamentswahl stattfinden soll, steigen die Zahlen. Ebenso in Bosnien-Hercegovina und dem Kosovo. Bisher haben die Staaten der Region mit ihren schon zu normalen Zeiten wenig belastbaren Gesundheitssystemen Verhältnisse, wie sie zu Jahresbeginn in Norditalien herrschten, vermeiden können. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das auch weiterhin gelingt – und gegebenenfalls zu welchem wirtschaftlichen Preis.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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