Nach Massentest in Südtirol

Eine „wunderbare Waffe“ im Kampf gegen das Virus?

Von Matthias Rüb, Rom
23.11.2020
, 15:29
Die Landesregierung in Bozen feiert den Erfolg des Massentests „Südtirol testet“ und stellt Lockerungen in Aussicht. Die Tourismusbranche hofft darauf, die Wintersaison noch nicht ganz abschreiben zu müssen.

Die Zufriedenheit war fast einhellig, bei Politik und Verwaltung sowie bei Fachleuten und in den Medien: Nach dem Massentest auf Sars-CoV-2-Infektionen in Südtirol vom Wochenende lobte Landeshauptmann Arno Kompatscher den „Bürgersinn“ seiner Landsleute. „Unsere optimistischen Erwartungen wurden übertroffen“, sagte der Politiker der konservativen Südtiroler Volkspartei (SVP) am Sonntagabend, nachdem um 18 Uhr die etwa 600 sogenannten Teststraßen in knapp 200 Turnhallen, Feuerwehrwachen oder Vereinslokalen geschlossen hatten. Florian Zerzer, Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebs, zu dem die sieben staatlich betriebenen Kliniken der Provinz zusammengeschlossen sind, sprach gar von einer „gewaltigen“ Beteiligung an den Antigentests. Der aus dem Sarntal bei Bozen stammende Immunologe Bernd Gänsbacher, emeritierter Professor der TU München, bezeichnete den Massentest als „wunderbare Waffe im Kampf gegen das Virus“.

Idealerweise sollte der Test aber wiederholt werden, sagte Gänsbacher, und selbstverständlich müssten die Hygiene- und Abstandsregeln sowie die Maskenpflicht weiter eingehalten werden. In Medienkommentaren wurde das Testwochenende weithin als Zeichen des starken Zusammengehörigkeitsgefühls der Südtiroler gewertet, weil diese in so großer Zahl dem Aufruf zur Teilnahme an dem freiwilligen Test gefolgt seien. Kritisch angemerkt wurde, dass der allseits beklatschte „Erfolg“ des Massentests zu einem falschen Gefühl der Sicherheit und zu nachlassender Achtsamkeit führen könnte.

Nach Angaben der Landesregierung in Bozen haben bis Sonntagabend 343.227 Personen an dem Massentest teilgenommen. Als Zielmarke hatte die Regierung eine Teilnahme von 350.000 der gut 530.000 Einwohner – mithin zwei Drittel der Gesamtbevölkerung – der autonomen norditalienischen Provinz genannt. Dieses Idealziel könnte sogar noch erreicht werden, denn bis Mittwoch wird die Aktion „Südtirol testet“ fortgesetzt: Bis dahin können sich Bürger der Provinz sowie Personen, die derzeit in Südtirol arbeiten oder studieren und am Wochenende keine Gelegenheit zur Teilnahme hatten, bei ihren Hausärzten und in Apotheken noch testen lassen. Für Kinder unter fünf Jahren galt der Aufruf zur Teilnahme an dem Test nicht, auch nicht für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, wo ohnedies regelmäßig getestet wird.

Nach Angaben der Regierung in Bozen wurden bei den Antigentests 3185 positive Ergebnisse festgestellt, das waren etwa 0,9 Prozent aller Abstriche. Die positiv Getesteten wurden per Email benachrichtigt und aufgefordert, sich zehn Tage in Quarantäne zu begeben. Im Vorfeld des Tests hatte es in Bozen geheißen, man rechne mit rund 10.000 positiven Tests. Sanitätsbetriebs-Chef Zerzer hatte sogar von bis zu 35.000 (asymptomatisch) Infizierten gesprochen, die beim Massentest ermittelt werden könnten. Landeshauptmann Kompatscher zeigte sich am Sonntagabend zwar überrascht vom geringen Anteil der positiven Testergebnisse, erinnerte aber daran, dass auch beim Massentest in der Slowakei Ende Oktober nur 1,5 Prozent der Testteilnehmer positiv getestet worden seien. Hätte man die (asymptomatisch) Infizierten am Massentest-Wochenende nicht identifiziert, hätte Südtirol „bei einer Reproduktionszahl von 1,5 in kürzester Zeit 95.000 Neuansteckungen riskiert“, rechnete Kompatscher vor.

Aus der Zahl lasen zumal Wirtschaftsvertreter heraus, dass man Einschränkungen für Handel und Gastgewerbe bald aufheben könne. Philipp Moser, Präsident des Südtiroler Handels- und Dienstleistungsverbands, bekräftigte am Montag die Forderung nach einer Öffnung des gesamten Einzelhandels am 30. November. Ob es dazu kommt, steht dahin. Die Regierung in Bozen will erst gegen Wochenmitte über mögliche Lockerungen entscheiden – für Mittelschulen und auch für den Handel. Bozen hatte die autonome Provinz wegen stark steigender Infektionszahlen, im Vorgriff auf eine Entscheidung von Rom, am 9. November selbst zur „roten Zone“ mit einem weitgehenden Lockdown und Shutdown erklärt.

Kindergärten und Grundschulen öffnen wieder

An diesem Dienstag sollen zunächst Kindergärten und Grundschulen wieder geöffnet werden, in Mittel- und Oberschulen bleibt es vorerst beim Fernunterricht. Die Zentralregierung in Rom erwägt, weiterführende Schulen erst am 7. Januar wieder für den Präsenzunterricht zu öffnen. So lange will man in Südtirol eher nicht warten. Grundsätzlich sollen die strikten Einschränkungen für „rote Zonen“ mit einem sehr hohen Infektionsrisiko nach dem Willen Roms mindestens bis zum 3. Dezember bestehen bleiben. Von der Eröffnung der Skisaison noch in diesem Jahr will man in Rom erst recht nichts wissen. Derweil haben die Betreiber der Skigebiete in Südtirol die Minusgrade der letzten Nächte dazu genutzt, um ihre Pisten zu beschneien: Wie im Handel will man auch im Fremdenverkehr das Weihnachtsgeschäft nicht abschreiben.

Ein neuer Konflikt zwischen Bozen und Rom scheint programmiert. Um für ihr Eintreten für eine baldige Lockerung der Einschränkungen gute Argumente zu haben, müssen Kompatscher und die Landesregierung in Bozen bald eine deutlich abgeflachte Wachstumskurve der Neuinfektionen für Südtirol vorweisen können. Deshalb forderte der Landeshauptmann am Montag, im gleichen Atemzug mit dem Dank für die Teilnahme am Massentest, die Bevölkerung dazu auf, jetzt unter keinen Umständen mit der Disziplin nachzulassen, „um das gemeinsam Erreichte nicht zunichte zu machen“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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