Corona-Notstand in Frankreich

„Wenn das so weitergeht, fahren wir gegen die Wand“

Von Christian Schubert, Paris
27.10.2020
, 20:20
In Pariser Kliniken werden immer mehr Intensivbetten von Corona-Patienten belegt. Nun aber wird das Personal knapp. Präsident Emmanuel Macron steht unter Druck – und ein Arzt schlägt Alarm.

Die Franzosen stehen vor neuen Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Das war der Konsens, der am Dienstagabend aus Beratungen zwischen Präsident Emmanuel Macron, seiner Regierung und den wichtigsten Oppositionspolitikern durchsickerte. Ob die in weiten Teilen des Landes herrschende Ausgangssperre von 21 Uhr an früher anfangen soll, ob die Franzosen auch am Wochenende tagsüber das Haus hüten müssen oder ob nur lokal schärfere Maßnahmen verhängt werden, war am Dienstagabend allerdings noch offen.

Doch es herrscht Übereinstimmung, dass der Pandemie mit neuen Vorkehrungen begegnet werden muss. Denn die wichtigsten Kennziffern steigen auf beunruhigende Weise. Am Montagabend war die Zahl der Neuinfektionen zwar auf weniger als 27000 Fälle in den vorangehenden 24 Stunden gefallen; zum Vergleich: Am Sonntag waren noch 52.000 neue Ansteckungen gemeldet worden. Von Entspannung kann aber keine Rede sein. Die Zahl der Neuinfektionen im Sieben-Tage-Zeitraum liegt inzwischen bei mehr als 350 je 100.000 Einwohner. Die Zuwächse gehen nicht nur auf die Zahl der Tests zurück, die Frankreich gegenüber dem Frühjahr deutlich erhöht hat. Der Anteil der positiven Testergebnisse ist inzwischen auf 17,8 Prozent gestiegen.

„Wir fahren gegen die Wand“

So ist es nicht überraschend, dass die Lage in manchen Krankenhäusern wieder so angespannt ist wie bei der ersten Welle im Frühjahr. Die Zahl der ins Krankenhaus gebrachten Covid-19-Patienten verdoppelt sich derzeit etwa alle 15 Tage, die derjenigen, die auf Intensivstationen liegen, alle drei Wochen. „Die Lage hat sich seit März nicht geändert, sie hat sich sogar verschlechtert“, sagte Bertrand Martin, der Direktor des Krankenhauses Victor-Dupouy im Pariser Vorort Argenteuil mit 300 Ärzten und 2100 Krankenpflegern, der Tageszeitung „Parisien“. Der Sommer sei tatenlos verstrichen. Gesundheitsminister Olivier Véran weist die Kritik von sich. Die Zahl der Intensivbetten sei um 15 Prozent auf 5800 erhöht worden. Mehr Beatmungsgeräte, mehr Medikamente und mehr Schutzkleidung für das Personal seien ebenfalls vorhanden, sagte er vor einigen Tagen. Der Minister gestand allerdings ein, dass Operationen verschoben werden müssten, um Intensivbetten frei zu machen.

Das ist inzwischen in größerem Umfang der Fall. Am Wochenende wies der Leiter der regionalen Gesundheitsbehörde im Großraum Paris, Aurélien Rousseau, die Krankenhausdirektoren an, Operationen, die nicht dringend sind, zu verschieben. Wenn die Pandemie nicht gebremst wird, sollen bis zu 60 Prozent der verschiebbaren chirurgischen Eingriffe auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden. Laut dem „Parisien“ berichtete ein Arzt in einer Whatsapp-Gruppe, dass in seinem Krankenhaus 15 Patienten auf dem Gang lägen. Das Personal sei müde, weil man bis um vier Uhr morgens Wache habe. „Wenn das so weitergeht, fahren wir gegen die Wand“, schrieb er. Die Bettenzahl allein zu erhöhen reicht zudem nicht, denn das Personal fehlt. Nicht wenige Mitarbeiter haben nach den anstrengenden Monaten im Frühjahr den Gesundheitsdienst verlassen. Auch die von der Regierung bewilligten Gehaltssteigerungen haben sie nicht halten können.

Im Frühjahr konnten den Pariser Kliniken noch weniger belastete Häuser in anderen Landesteilen Frankreichs aushelfen. Patienten wurden hin- und hergefahren, teilweise in den Hochgeschwindigkeitszügen TGV. Doch dieser Ausgleich ist nun schwieriger, weil die zweite Welle das ganze Land erfasst. Dass Frankreich so wie im Frühjahr wieder bei Krankenhäusern in den Nachbarländern um die Bereitstellung von Kapazitäten bitten muss, ist nicht auszuschließen.

Impfstoff-Wettlauf mit Deutschland

Eine andere Befürchtung wird in französischen Regierungskreisen ebenfalls geäußert: dass Deutschland im kommenden Jahr deutlich früher mit den ersten Impfkampagnen beginnt, während Frankreich noch warten muss. Der französische Pharmakonzern Sanofi habe in Aussicht gestellt, dass frühestens im April die ersten Impfstoffe in Frankreich zur Verfügung stünden, doch auch das sei nicht sicher. Eine solch unterschiedliche Entwicklung wäre politisch nicht leicht zu bewältigen, hieß es in Paris.

Die Franzosen haben in gesundheitspolitischer Hinsicht deutlich weniger Vertrauen in ihre politische Führung als die Deutschen. Nach einer Umfrage von Anfang Oktober sind 65 Prozent der Befragten in Frankreich der Ansicht, dass der Präsident, die Regierung und die Gesundheitsbehörden keine Lehren aus der ersten Welle der Pandemie gezogen hätten. 55 Prozent glauben, dass Macron seit dem Ausbruch der Krise mit Blick auf die sanitären Maßnahmen „keine guten Entscheidungen getroffen“ habe. Besser schneidet er dagegen mit Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Gegenmaßnahmen ab. Jeder zweite Befragte meint, dass Macron hier richtig gehandelt habe. Frankreich hat mit der Unterstützung vieler kleiner Unternehmen und der staatlichen Garantie für Bankenkredite der Wirtschaft schnell unter die Arme gegriffen.

Die Opposition verzeiht Macron indes nichts. „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Regierung ein Gefühl der Panik ergriffen hat, denn die Lage ist extrem beunruhigend“, sagte der sozialistische Abgeordnete Boris Vallaud; die Regierung gehe von Etappe zu Etappe, doch sei immer zu spät dran. Der Fraktionsvorsitzende der konservativ-bürgerlichen Partei LR in der Nationalversammlung, Damien Abad, beklagte, dass die Strategie der Regierung „ allein auf den Schultern der Franzosen“ ruhe, denn nur ihnen würden Anstrengungen abverlangt. Die Regierung habe den Sommer nicht für vorbereitende Maßnahmen genutzt, und jetzt stehe das Land vor der schlimmen Wahl, „entweder einen neuen Tsunami in den Krankenhäusern zu bekommen oder wieder einen sozialen und ökonomischen Einbruch“.

Der französische Arbeitgeberpräsident, Geoffroy Roux de Bézieux, warnte vor einer neuen Ausgangssperre, die ähnlich hart ausfalle wie im Frühjahr. Dies würde nicht „nur“ einen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes von zehn Prozent zur Folge haben, sondern „einen Zusammenbruch der französischen Wirtschaft“, sagte er in einem Radiointerview.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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