Corona-Quarantäne in Xinjiang

Vierzig Tage in der Wohnung eingesperrt

Von Friederike Böge, Qingdao
27.08.2020
, 15:40
Freiwillige Helfer in Schutzkleidung im Bezirk Toutunhe in Xinjiang am 21. August.
In der Region Xinjiang werden harte Quarantänen verhängt. Dabei gibt es kaum Corona-Fälle. Trotz Unterdrückung ist der Protest in der Bevölkerung nun so laut geworden, dass die Partei reagieren musste.

Der Parteisekretär der westchinesischen Stadt Urumtschi tat in dieser Woche etwas Ungewöhnliches. Er veröffentlichte seine Telefonnummer im Internet und forderte die Bürger auf, ihn anzurufen, um „Probleme zu lösen“. Der Bürgermeister tat das Gleiche, gefolgt von anderen lokalen Funktionären. Offensichtlich war der Unmut zu groß geworden, der sich zuvor in den sozialen Netzwerken entladen hatte. Dort klagten viele Einwohner der Hauptstadt der Region Xinjiang darüber, dass sie ihre Wohnungen seit nunmehr vierzig Tagen nicht verlassen durften, seit es in Urumtschi am 17. Juli einen neuen Coronavirus-Ausbruch gegeben hatte. Im Internet machten Fotos von Leuten die Runde, die auf der Straße an Metallgittern angekettet schienen, mutmaßlich, weil sie gegen die Corona-Restriktionen verstoßen hätten.

„Es wird nicht lockerer, sondern immer strikter“, berichtet ein Geschäftsmann aus Urumtschi dieser Zeitung über einen Chat-Dienst. Vor zehn Tagen seien alle Wohnungen versiegelt worden. Die Türen dürften nur noch geöffnet werden, wenn Helfer Nahrungsmittel brächten, und würden dann sofort wieder versiegelt. Er selbst sei in einem Quarantänelager untergebracht, sagt der Geschäftsmann. Dort sei die Tür von außen verriegelt. Nur in manchen Wohngebieten von Urumtschi gebe es erste Lockerungen. Pro Wohnung dürften sich die Bewohner dort im Außenbereich der Wohnanlage eine Stunde lang die Füße vertreten. „Wenn ein Haushalt drei Personen hat, sind das 20 Minuten pro Person“, sagt er. Voraussetzung für dieses kleine Privileg seien zwei negative Corona-Tests. Der Geschäftsmann fürchtet um seine Existenz. Er verkaufe Kleidung, seine Lager seien voller Herbstmode. Wenn er nicht bald herauskomme, werde er die nicht mehr los. „Es ist zum Verrücktwerden.“

Strafe für „schlechte Informationen“

Als derlei Klagen im Internet zunahmen, wurden die Bürger von lokalen Kadern ermahnt, in ihren Chat-Gruppen mehr „positive Energie“ zu verbreiten, also auf Kritik an den Behörden zu verzichten und stattdessen die Arbeit der freiwilligen Helfer zu loben. Wer „schlechte Informationen“ versende, werde bestraft, hieß es in einer Mitteilung, von der ein Screenshot im Internet kursiert. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, suchten die Eingesperrten ein noch größeres Publikum.

Normalerweise interessiert es die Leute in den chinesischen Metropolen wie Schanghai oder Peking nicht sonderlich, was im 3000 Kilometer entfernten Xinjiang passiert. Das gilt für die dortigen Umerziehungs- und Arbeitslager, in denen nach Schätzungen von Fachleuten zwischenzeitlich mehr als eine Million Uiguren und Kasachen interniert waren. Und es galt bis vor wenigen Tagen für die Quarantänemaßnahmen in Urumtschi. Doch das änderte sich am vergangenen Wochenende.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt ein Blog-Beitrag mit dem Titel „Urumtschi: Unsere Stimme ist zu schwach“. Er wurde von der Zensur aber schnell wieder gelöscht. Besser erging es dem Text eines Mannes, der zwar aus Xinjiang stammt, aber in Chengdu lebt und deshalb über eine breitere Leserschaft verfügt. Er schrieb über die „physische und mentale Erschöpfung“ in seiner Heimatstadt. Die Chat-Gruppen im Internet seien angesichts der prekären Lage ein wichtiges emotionales Ventil und ein Mittel, die Isolation zu überwinden. Deshalb seien die Menschen erbost darüber, dass viele ihrer Beiträge nun gelöscht würden.

Der Mann aus Chengdu berichtete zum Beispiel von Menschen, die an anderen Krankheiten als Covid-19 litten, Xinjiang aber nicht verlassen dürften, um sich anderswo medizinisch behandeln zu lassen. Solche Berichte erinnern viele Chinesen an die düsteren Zeiten von Wuhan im Februar und März. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen angesichts der Partystimmung, die sich in vielen anderen Teilen des Landes eingestellt hat, weil dort das Coronavirus unter Kontrolle scheint.

Der Blogger in Chengdu hielt es derweil für nötig, seiner vorsichtigen Kritik noch hinzuzufügen, dass die Menschen in Xinjiang Patrioten seien und sich sonst nicht leicht beschweren würden, auch nicht über die „Unannehmlichkeiten, die ihnen im Alltag durch das Stabilitätsmanagement“ entstünden. Das ist ein Euphemismus für die Unterdrückung und Überwachung der religiösen Minderheiten in Xinjiang. Man kann davon ausgehen, dass die allermeisten Klagen im Internet nicht von Uiguren, sondern von Han-Chinesen geschrieben wurden. „Weil sie es können“, sagt Yaqiu Wang von der Organisation Human Rights Watch. „Wenn Minderheiten sich beschweren, müssen sie mit schweren Konsequenzen rechnen.“

Wie ist die Lage in anderen Städten?

Das mag auch der Grund dafür sein, dass aus Kaschgar und Hotan, wo besonders viele Uiguren leben, kaum Klagen über die Corona-Restriktionen zu hören sind. Beide Städte wurden ebenfalls in einen vollständigen Lockdown versetzt, obwohl dort nur vereinzelte Corona-Fälle gemeldet wurden. Menschenrechtler fürchten, dass ihre Lage in der Quarantäne noch schlimmer sein könnte, weil sie sich gegen etwaige Fehlleistungen der Behörden etwa bei der Essensversorgung nicht wehren könnten. Uigurische Aktivisten im Ausland verweisen zugleich auf die Gefahr, dass das Virus in eines der Umerziehungslager eingeschleppt werden könnte, mit verheerenden Wirkungen. „Selbst wenn das passiert, wird es keine Informationen darüber geben“, sagt Yaqiu Wang von Human Rights Watch.

Doch auch viele Han-Chinesen schrecken davor zurück oder lehnen es ab, mit ausländischen Medien über die Lage zu sprechen. Man kann vermuten, dass die Behörden sie davor gewarnt haben, wie es in China oft passiert. Zur Begründung heißt es dann, man dürfe dem Ausland nicht „das Messer“ überreichen, um China anzugreifen. Es sind Töne, die man so schon aus Wuhan kennt. Vor allem die Schriftstellerin Fang Fang wurde bezichtigt, dem Ausland mit ihrem Tagebuch über die 76 Tage des Lockdowns eben jenes Messer ausgehändigt zu haben. In China selbst kann Fang Fang deshalb im Moment gar nicht mehr publizieren.

Der Unmut in Urumtschi wächst auch deshalb, weil seit zehn Tagen keine Neuinfektion mehr in der gesamten Region Xinjiang gemeldet wurde, die viermal so groß ist wie Deutschland. Die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete diese Woche, derzeit gebe es noch 183 bestätigte Covid-19-Fälle sowie 57 asymptomatische Fälle und 4193 Kontaktpersonen von Infizierten. Bislang haben die Behörden nicht mitgeteilt, wann der Lockdown aufgehoben werden soll. „Das Virus einzudämmen ist für die Parteifunktionäre das wichtigste Ziel, denn das entscheidet über ihre Karriere“, sagt Yaqiu Wang von Human Rights Watch. Und in Xinjiang würden Maßnahmen immer strikter umgesetzt als an jedem anderen Ort in China.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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