Margaret Thatcher gestorben

Das Schwert der Eisernen Lady

Von Johannes Leithäuser
08.04.2013
, 14:17
Es ist die Ironie der Lebensbilanz Margaret Thatchers, dass ihr Ansehen und der Respekt in den Jahren ihres Ruhestands stetig stieg, während die Wirkung ihrer Radikalreformen immer mehr abnahm. Zum Tode der früheren britischen Premierministerin.

In der Amtszeit der Premierministerin Margaret Thatcher wäre den Briten die Vorstellung absurd erschienen, dass sie dereinst diese Regierungschefin als Symbol eines Aufbruchs und einer Kräftigung gemeinsam betrauern und vermissen würden. Im Jahrzehnt der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte sie, die zweite Tochter eines Einzelhandelskaufmanns aus der englischen Provinz, ihr Land der Ross- und Radikalkur des Thatcherismus unterworfen, hatte für das Prinzip der Freiheit Schlachten geschlagen gegen die nordenglischen Kohlebergleute und deren Gewerkschaft wie gegen die argentinischen Besatzer der Falkland-Inseln. An den Folgen ihres Privatisierungsfeldzuges leidet Großbritannien heute ebenso sehr, wie es von ihnen profitiert.

Der flexible Arbeitsmarkt, den Margaret Thatcher gegen den Widerstand der Labour-Partei und der Gewerkschaften erkämpfte, wurde lange Zeit gerühmt. Die privatisierten Eisenbahnen und Flughäfen hingegen haben sich noch in der Regierungszeit der Premierministerin Thatcher zu einem Ärgernis entwickelt - und sind es trotz zahlreicher folgender Reformversuche, Halbverstaatlichungen und Reprivatisierungen geblieben.

Das Freiheitscredo, das ihre Hauptwaffe war, quasi das Schwert der „Eisernen Lady“, und das seine Trägerin immer mit der Anmutung einer idealistischen Kreuzritterin umgab, diente ihr nicht bloß im klassischen politischen Kampf von rechts gegen links. Sie folgte ihm auf vielen politischen Feldern. Sie plädierte im Namen der Freiheit für die Legalisierung homosexueller Beziehungen; sie wollte so unerschütterlich an die Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten jedes Individuums glauben, dass sie auf die Frage nach der Verantwortung der Gesellschaft für das Wohl des Einzelnen entgegnete: „Gesellschaft? - so etwas gibt es nicht“.

Über die Kopfsteuer gestürzt

Das Vertrauen in die Gestaltungskraft jedes Menschen hat Margaret Thatcher zweifellos von sich selber, von ihrem eigenen Werdegang abgeleitet. Sie verließ ihren Heimatort Grantham, um in Oxford Chemie zu studieren, und begann dort ihren Weg in der Konservativen Partei. Es muss ein beständiges Ringen um Anerkennung und Aufstiegschancen gewesen sein - als Naturwissenschaftlerin an der Universität, wie als Frau in der von älteren Honoratioren dominierten Partei. Ihren energischen Aufstieg an die Parteiführung und ins Amt des Regierungschefs startete sie von einem der üblichen, Frauen zugemessenen Ressort aus: dem Erziehungsministerium. Ihre Entschlossenheit und ihre Führungsstärke führten zur verblüffenden Kandidatur um den Parteivorsitz gegen Edward Heath (1975) und zum zwangsläufigen Einzug in 10 Downing Street nach einem überzeugenden Wahlsieg vier Jahre später.

Nach der längsten Amtszeit eines Premiers im zwanzigsten Jahrhundert stürzte sie schließlich im November 1990 - über die von ihr verfolgte unpopuläre Idee einer Kopfsteuer, aber auch über ihre europaskeptischen außenpolitischen Positionen - ihr längjähriger treuer Minister Howe trat deswegen mit Aplomb zurück und trug damit zum Ende ihrer Amtszeit bei.

Großbritannien
Margaret Thatcher ist tot
© reuters, reuters

Es ist eine Ironie in der Lebensbilanz Margaret Thatchers, dass ihr Ansehen und der Respekt einstiger Gegner in den Jahren ihres politischen Ruhestands immer mehr stieg, während die Wirkung ihrer Radikalreformen immer mehr abnahm. Als Labour 1997 das Thatcher’sche politische Erbe antrat, da schien es noch angeraten, im Wahlkampf zu versprechen, es werde alles unangetastet bleiben: keine höheren Steuern, keine höheren Staatsausgaben. Das änderte sich erst schleichend in der folgenden Labour-Ära, bis dann die globale Finanzkrise des Jahres 2007 den Rest des neoliberalen Handlungsbestecks zerstörte.

Unbeschadet hat alleine der energische Euro-Skeptizismus die Jahrzehnte überdauert; ihm vor allem hat Margaret Thatcher bis zu ihrem Tod immer wieder persönlich Nahrung gegeben, indem sie Diners der Anti-Europäer innerhalb und außerhalb der Konservativen Partei mit ihrem Erscheinen ehrte und sich als deren Galionsfigur feiern ließ, auch dann noch in ihren letzten Jahren, als sie nach dem Tod ihres Mannes Dennis und wegen zunehmender eigener Gebrechen keine politischen Reden mehr halten und Auftritte absolvieren mochte. Am Montag verstarb Margaret Thatcher Thatcher an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie wurde 87 Jahre alt.

Das politische Leben von Margaret Thatcher in Zitaten

„Geld fällt nicht vom Himmel. Man muss es sich hier auf Erden verdienen.“ (Rede auf dem Bankett des Bürgermeisters in London 1979)

„Wir bitten nicht die Gemeinschaft oder sonst jemanden um Geld. Wir wollen einfach unser eigenes Geld zurück.“ Später wurde das Zitat so verkürzt: „Ich will mein Geld zurück!“ (Rede zum Britenrabatt 1984)

„The Lady’s not for turning“ (Etwa: „Die Dame lässt sich nicht verbiegen“, 1980 auf dem Parteitag der Konservativen Partei)

„Wir haben aufgehört, eine Nation auf dem Rückzug zu sein.“ (Rede zum Sieg im Falklandkrieg 1982)

„Für mich bedeutete die Wiedervereinigung ein völlig verändertes Europa. Genau das ist eingetreten.“ (Spiegel-Interview zur Wiedervereinigung 1993)

„Es ist doch klar: Ihr Deutschen wollt nicht Deutschland in Europa verankern. Ihr wollt den Rest Europas in Deutschland verankern.“ (Spiegel-Interview zur Wiedervereinigung 1993)

„Der Thatcherismus wird überleben, weil er eine Sache des gesunden Menschenverstandes ist.“ (Spiegel-Interview 1987)

„Es stört mich nicht, was meine Minister sagen, solange sie tun, was ich ihnen sage.“ (Interview 1987)

(dpa)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Leithäuser, Johannes (Lt.)
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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