Delta-Variante

Amerikas Konservative bekommen Angst

Von Winand von Petersdorff, Washington
27.07.2021
, 21:46
Impfgegner demonstrieren im Mai diesen Jahres in Concord im Bundesstaat New Hampshire.
In den Vereinigten Staaten haben viele konservative Politiker und Moderatoren eine Corona-Impfung für unnötig erklärt. Die rapide steigenden Infektionszahlen durch die Delta-Variante scheinen zu einem Umdenken zu führen.
ANZEIGE

Phil Valentine ist ein konservativer Radio-Talkmaster aus Tennessee, dessen Schicksal derzeit von Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird. Er gehört zur beachtlichen Gruppe von konservativen Persönlichkeiten in den Medien, welche die Coronavirus-Pandemie als harmlos dargestellt haben und Impfungen für unnötig, für gefährlich oder für Maßnahmen eines übergriffigen Staates halten. Valentine ist an Covid erkrankt und kämpft um sein Leben.

ANZEIGE

Der 61 Jahre Jahre alte Mann ist nur eine lokale Figur, mit allerdings erheblicher Zugkraft in Tennessee und angrenzenden Bundesstaaten. Eine deutlich größere Nummer in der Gruppe der Impfskeptiker ist Tucker Carlson, Quotenstar von Fox News, der in seinen Abendsendungen systematisch Zweifel an der Impfpolitik sät und Gegnern von Impfkampagnen und anderen Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung des Virus eine Plattform bietet. Seine Kollegin Laura Ingraham verbreitet ebenfalls unverdrossen zweifelhafte Informationen, etwa, dass das Virus für Kinder völlig ungefährlich sei.

Impfgegner aus der Kennedy-Familie

Weniger sichtbar für die große Öffentlichkeit sind Leute wie Ty und Charlene Bollinger mit Millionen Anhängern in den Sozialen Medien. Die Trump-Verehrer verdienen mit Werbung, dem Verkauf von Newsletter-Abonnements und Büchern gegen das Impfen Millionen, wie die Nachrichtenagentur AP herausgefunden hat. Sie koordinieren sich den Recherchen zufolge mit dem Anwalt Robert Kennedy jr., der womöglich sogar einer der einflussreichsten Propagandisten gegen Impfungen ist.

Der Spross der bekannten Familie glaubt fest, dass Impfungen Autismus provozierten, und teilt Thesen, in denen die Pandemie mit dem superschnellen Internet 5G oder anderen Verschwörungen in Verbindung gebracht wird. Kennedy ist zusammen mit den Bollingers Mitglied im „Dutzend der Desinformation“. Mit diesem zweifelhaften Titel beehrt das „Center for Countering Digital Hate“ jene zwölf Persönlichkeiten, die nach ihrer Auswertung für 65 Prozent der Falschmeldungen über das Virus und dessen Bekämpfung auf Sozialen Medien verantwortlich sind. Sie haben offenbar Wirkung. Bis vor wenigen Wochen noch konnte Amerikas Impfpolitik nur als beeindruckende Erfolgsgeschichte beschrieben werden.

Das unter Präsident Donald Trump initiierte Warp Speed-Programm beschleunigte die Entwicklung von Impfstoffen erheblich, mit dem unerwartet positiven Resultat, dass nun gleich mehrere Impfstoffe zur Bekämpfung der Pandemie zur Verfügung stehen. Präsident Joe Biden machte die schnelle Verteilung der Vakzine in den ersten Wochen nach seinem Amtsantritt zum Schwerpunkt seiner Politik, mit dem Ergebnis, dass fünfzig Prozent aller Amerikaner einen kompletten Impfschutz haben; 57 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten.

ANZEIGE

Doch seit einigen Wochen ist Sand im Getriebe, und vieles spricht dafür, dass konservative Meinungsmacher einen gehörigen Anteil an der Stagnation haben. Obwohl im ganzen Land reichlich Impfstoff bereit steht, lassen sich immer weniger Leute impfen. An Rekordtagen wurden in den Vereinigten Staaten mehr als 3,5 Millionen Menschen versorgt, jetzt sind es im Schnitt 600.000 je Tag. Diese Zahl wäre noch niedriger, wenn nicht seit wenigen Wochen Teenager ab zwölf Jahren geimpft werden dürften.

Biden: Impfziel knapp verfehlt

Biden selbst musste eingestehen, dass seine Regierung trotz größter Anstrengungen das Ziel knapp verfehlt hat, bis zum Nationalfeiertag am 4. Juli siebzig Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal geimpft zu haben. Politik ist ein Faktor. Die zwanzig Bundesstaaten mit der höchsten Impfquote haben in den Präsidentenwahlen mehrheitlich für Biden gestimmt. In den Bezirken (Countys), die mehrheitlich für Trump votierten, war die Impfquote deutlich niedriger als in Biden-Bezirken, wie eine Auswertung der Kaiser Family Foundation zeigt. Mehrere Meinungsumfragen bestätigen, dass Konservative deutlich zögerlicher sind, sich impfen zu lassen als Linksliberale.

ANZEIGE

Die Impfzurückhaltung wirkt fatal, weil sich die neue Delta-Variante des Virus als besonders ansteckend erweist und rasend schnell ausbreitet. In allen Bundesstaaten steigt die Zahl der positiv getesteten, doch der grobe Trend sagt, dass Fallzahlen tendenziell am schnellsten in Bundesstaaten mit geringer Impfquote steigen. Und die sind fast ausnahmslos politisch konservativ.

F.A.Z. Machtfrage – Der Newsletter zur Bundestagswahl

jeden Dienstag

ANMELDEN

Nicht ohne Grund warnt der Infektionsmediziner und Chefberater des Präsidenten Anthony Fauci eindringlich: Amerika bewege sich in die falsche Richtung und manövriere sich in eine unnötige Bedrängnis. Die Direktorin des Seuchenschutzamtes CDC, Rochelle Walensky, sekundierte mit dem Hinweis: Die Pandemie drohe zu einer Pandemie der Ungeimpften zu werden. Tatsächlich sind mehr neunzig Prozent der Covid-Patienten in Krankenhäusern ungeimpft, teilten mehrere Gouverneure mit, die nun ebenfalls Alarm schlagen.

ANZEIGE

Die Warnungen fallen in eine Zeit, in der im ganzen Land die Restriktionen gelockert oder komplett aufgehoben wurden. Geschäfte verlangen keine Schutzmasken mehr, in vielen Regionen sind die Beschränkungen von Gästezahlen in Restaurants und öffentlichen Veranstaltungen aufgehoben worden. Arbeitgeber rufen ihre Beschäftigten zurück ins Büro. Viele amerikanische Familien bereiten sich darauf vor, ihre Kinder Ende August wieder zur Schule zu schicken, nachdem die Sprösslinge Monate des Online-Unterrichts hinter sich gebracht haben. Die Lage ist brisant.

Fox-Moderatoren werben für Impfung

Die Hinweise mehren sich nun, dass die Delta-Variante konservativen Politikern und Medienleuten einen Schrecken eingejagt hat. Der republikanische Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, warb als Opfer der Kinderlähmung stets für die Impfungen, in jüngster Zeit aber deutlich eindringlicher. Floridas Gouverneur Ron DeSantis, der lange voller Stolz eine eigenständige Pandemiebekämpfung verfolgte, die sich auf den Schutz der besonders Verletzlichen konzentrierte, wirbt nach dramatischen Zahlen für mehr Impfungen. Ein konservativer Meinungsforscher wird mit der Aussage zitiert, die Republikaner fürchten, dass ihnen ihre Wähler wegsterben.

Stellt Impfungen infrage: Fox-News-Moderator Tucker Carlson im März 2017 in New York
Stellt Impfungen infrage: Fox-News-Moderator Tucker Carlson im März 2017 in New York Bild: AP

Auch einige Fox News-Moderatoren fordern nun ihr Zuschauer auf, sich impfen zu lassen. Selbst der bekannte Trump-Anhänger Sean Hannity befürwortet nun öffentlich das Impfen. Das Weiße Haus hatte nach eigenen Angaben Journalisten und Produzenten mit Gesundheitsexperten der Regierung zusammengebracht, um über das Virus und seine Bekämpfung zu informieren. Fox News selbst verlangt von seinen Mitarbeitern im Büro, entweder Masken zu tragen oder sich impfen zu lassen. Eine Rolle könnte auch die Angst vor Gerichtsverfahren spielen. Anwälte bereiten im Auftrag Angehöriger von Covid-Opfern Klagen gegen Medien und Moderatoren vor, die die Leute in die Irre geführt haben – wider besseren Wissens. Es hält sich das hartnäckige Gerücht, dass alle Fox-Moderatoren geimpft sind.

ANZEIGE

Bundesstaaten mit schlechter Impfquote holen auf

Ganz ohne Wirkung scheinen die neuen Botschaften nicht zu bleiben. In den vergangenen Tagen haben die Bundesstaaten mit besonders schlechter Impfquote aufgeholt. Einen Beitrag dazu könnte auch der Fall des Radiomoderators Phil Valentine leisten, der von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde. Valentine ist schwer an Covid-19 erkrankt. Ein Lungenflügel ist befallen. Nachts hängt er an einem Beatmungsgerät, tagsüber trägt er eine Sauerstoffmaske. Laut jüngster Meldung seines Radiosenders ist sein Zustand kritisch.

Sein Bruder Mark Valentine und sein Sender teilten mit, dass der Radiomoderator nun anders über Impfungen denke. Er sei nie Impfgegner gewesen, nun aber bedauere er, nicht stärker fürs Impfen geworben zu haben. Er wolle das ändern. Familie, Freunde und der Anteil der Anhänger und Hörer, die ihm diesen Schwenk nicht übel nehmen, hoffen, dass er dazu noch Gelegenheit und Kraft findet.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE