Neuling Hołownia in Polen

Er beschloss, die Welt seiner Tochter zu retten

Von Gerhard Gnauck, Warschau
15.04.2021
, 14:32
Szymon Hołownia im Juni 2020 vor einer Fernseh-Wahldebatte in Warschau
Laut Umfragen ist der Quereinsteiger Szymon Hołownia neuer polnischer Oppositionsführer. Er verspricht ein solidarisches und grünes Polen. Warum gelingt ihm, woran viele scheiterten?

Szymon Hołownia ist ein Quereinsteiger in die Politik, aber er begann im Frühjahr 2020 gleich ganz oben: Der Publizist und soziale Aktivist zog mit damals 43 Jahren in den Wahlkampf um das Präsidentenamt. Als Neuling überzeugte er 2,7 Millionen Wähler, das bedeutete 13,9 Prozent der Stimmen, und belegte einen ehrenvollen dritten Platz. Seither hat er eine steile Erfolgskurve in der polnischen Politik vorzuweisen.

Die von ihm gegründete Partei wurde Anfang April auch offiziell registriert. Sie verspricht, dass sie „nicht an den nächsten Wahlkampf denkt, sondern an die nächste Generation“, wie Hołownia sagt. Deshalb der Name: Polska 2050, Polen 2050. Innerhalb weniger Monate konnte Hołownia vier Abgeordnete der „alten“ Parteien abwerben, von der größten Oppositionspartei, der liberalen Bürgerplattform (PO), und der Linken. Damit hat Polen 2050 einen sogenannten Zirkel im Parlament, die Keimzelle einer Fraktion.

Wie ist das gelungen? Das politische System in Polen ist festgefahren. Die zwei großen Parteien, die nationalkonservative PiS und die PO wurden beide 2001 gegründet, drei Jahre vor Polens EU-Beitritt. Inzwischen liegen sie in einer tödlichen Umklammerung. Der einen fällt es immer schwerer, wirksam zu regieren. Der anderen fällt es unverändert schwer, eine Alternative zu bieten. Hołownia sah, dass eine dritte Kraft gebraucht wurde, um dieses „kranke Duopol“ aufzubrechen. Er selbst hat nach eigener Aussage lange Zeit die PO gewählt, die Schwesterpartei der deutschen CDU/CSU. Doch über diese Partei sagen viele Beobachter, sie habe nach bald sechs Jahren in der Opposition den Schwung verloren.

Kann der Neuling gegen die PiS bestehen?

Das war Hołownias Chance. Zwar hat es in Polen immer wieder Neulinge gegeben, die gegen „die Etablierten“ antraten und die bei landesweiten Wahlen aus dem Stand bis zu 21 Prozent der Stimmen holten: etwa der Rocksänger Paweł Kukiz auf der Rechten, der liberale Bank-Chefökonom Ryszard Petru und der Unternehmer Janusz Palikot, der versuchte, eine linke Sammelbewegung zu gründen. An die Schalthebel der Macht gelangten sie jedoch nicht. Wird es bei Hołownia anders sein?

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Regulär fänden Parlamentswahlen erst im Herbst 2023 statt. Doch der Neue setzt klar auf vorgezogene Wahlen, über die gerade lebhaft spekuliert wird. Als ihn die liberale „Gazeta Wyborcza“ kürzlich fragte, ob er denn auch bereit sei, Regierungschef zu werden, sagte er: „Na klar würde ich diese Mission auf mich nehmen.“ Im nächsten Satz schob er nach, Polen brauche in turbulenten Zeiten einen aktiveren Präsidenten als den gegenwärtigen, deshalb würde er sich auch 2025 um dieses Amt bewerben.

Aktuell ist er die Nummer zwei in den Umfragen. Einige seiner politischen Rezepte hat er in seinem Buch „Fabryka Jutra“ (Wo das Morgen produziert wird) verraten. Es trägt den Untertitel: „Wie ich beschloss, alles hinzuwerfen und die Welt meiner Tochter zu retten.“ Hołownia schreibt: „In einer Gesellschaft, die von (Fernseh-)Serien geprägt ist, ist Politik wie Netflix. Sie muss dem Abnehmer nonstop immer neue Episoden einer Story liefern, die ihn reinzieht, Emotionen mobilisiert, zum Nachdenken zwingt und ihn ermuntert, dranzubleiben.“ Hołownias erster Wahlkampf fand in Zeiten der Pandemie statt. Das zwang ihn, jeden Tag zwei Stunden lang über Facebook zu den Wählern zu sprechen. Er redet gut, bildhaft und schnell wie ein Maschinengewehr, wobei er seine blauen Augen mit bohrendem Blick auf den Zuschauer richtet.

Wofür Hołownia steht, ist vielen jedoch noch nicht ganz klar. Ziel ist in der Summe ein „grünes, solidarisches, demokratisches und sicheres Polen“. Er fordert etwa mehr Gemeinsinn statt der „Stammeskriege“ und kulturellen Konflikte der zwei großen politischen Lager, die Polen verwüsteten. Polen müsse lernen, was Papst Franziskus genial ausgedrückt habe: „Einheit ist nicht Einförmigkeit. Einheit ist versöhnte Vielfalt.“

Kritische weltanschauliche Fragen, etwa das umstrittene verschärfte Abtreibungsrecht, sollten in Referenden zur Abstimmung gestellt werden. 2013 sagte der Publizist Hołownia: „Abtreibung ist Mord, in jedem einzelnen Fall.“ Heute darauf angesprochen, sagt er, seine Meinung habe sich nicht geändert. Doch ethische Positionen, das habe schon Thomas von Aquin gesagt, ließen sich nicht immer eins zu eins in rechtliche übertragen.

Der mittelalterliche Heilige war einer der bedeutendsten Theologen der Geschichte – und Dominikaner. Auch der junge Hołownia war Novize dieses Ordens; dann wählte er einen anderen Weg. Er fing ein Psychologiestudium an, wurde schließlich Journalist. Mit 21 Jahren begann er bei der „Gazeta Wyborcza“ und war später viele Jahre Moderator einer Talentshow mit Millionenpublikum im Privatsender TVN. Damit wurde er bekannt.

Als Politiker stellt Hołownia nun jeden Monat ein Thema seiner Agenda vor. Das erste waren die Beziehungen zwischen dem Staat und der mächtigen katholischen Kirche. Hier müsse, sagt der bekennende Katholik und Kirchenkritiker, Transparenz geschaffen werden und eine Entflechtung stattfinden, gerade was das Finanzielle angeht. Damit hat sich Hołownia offenbar Feinde gemacht. Als er im Wahlkampf – wie immer – in einer Warschauer Kirche die Kommunion empfangen wollte, weigerte sich der Priester. Es kam zu einem Wortwechsel, schließlich gab der Priester nach, später entschuldigte sich ein Kirchensprecher.

Feldzug der PiS-nahen Medien

Auch die PiS-nahen Medien schießen sich inzwischen auf den „linken Hołownia“ ein. Der amüsiert sich nach eigenen Angaben darüber, wenn er liest, seine „Hintermänner“ seien der „teuflische Soros“, der liberale amerikanische Mäzen, die polnische Milliardärin und caritative Aktivistin Dominika Kulczyk oder der EVP-Vorsitzende Donald Tusk. Nicht das Geld irgendwelcher Sponsoren habe ihn vorangebracht, sagt Hołownia, sondern die Energie und die Ideen (und Spenden) seiner Mitstreiter.

Hołownias Aussagen zum Thema Klima sind für Polen, wo immer noch etwa siebzig Prozent des Stroms aus Kohle gewonnen werden, geradezu revolutionär: „In meiner Lebenszeit wird es kein wichtigeres Thema geben. Klima ist heute die totale Erzählung, daran hängt alles, von der Landwirtschaft bis zur Migration.“ Er fordert den Kohleausstieg Polens bis 2040 und ist einem Einstieg in die Kernenergie nicht abgeneigt.

Damit ist Hołownia nicht weit entfernt von den neuesten Versprechungen der Regierung, doch auf anderen Feldern kritisiert er sie scharf, etwa wegen der „Paranoia“ des PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński, der die EU als Feindbild aufbaue. „Er will uns, zusammen mit Putins Kumpeln Orbán und Salvini, raus aus der EU und Richtung Russland schieben. Warum redet Kaczyński nicht davon, was uns die Zusammenarbeit bringt? Wo wären wir jetzt ohne die gemeinsamen Impfstoffkäufe der EU?“

Als kürzlich bei der Verteilung der Impftermine in Polen einiges durcheinanderging, hatte Hołownia – wie manche Gleichaltrige – Glück, konnte sich einen Termin sichern und machte das publik. Staatspräsident Andrzej Duda ließ sich dazu hinreißen, dessen Impf-Eile in einem halb ironischen Tweet als „menschliche Schwäche“ zu bezeichnen. So schafft es der Neue, die Blicke der Altpolitiker auf sich zu ziehen.

„Hołownias Partei ist noch nicht so stark wie zum Beispiel die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien“, sagt Jarosław Flis, Soziologieprofessor an der Krakauer Universität, der F.A.Z. Doch er sieht ein großes Potential von Polen 2050: „Wenn man zusammenzählt, liegen 56 Prozent der Macht in Polens Kommunen in den Händen von lokalen Wählervereinigungen, die alle mit der bissigen PiS im Kleinkrieg sind. Die Eliten vor Ort denken oft: Alles ist okay, nur nicht die PiS.“ Während die liberale PO sich über die Jahre politisch nach links bewegt habe – in Polen bedeute das: zu den materiell bessergestellten Großstädtern –, müsse Hołownia die ärmeren Wähler der Mitte im Auge behalten. Denn ohne die, sagt Flis, „kann niemand in Polen Wahlen gewinnen“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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