Wahlkampf in Frankreich

Der FN und das Problem Fillon

Von Michaela Wiegel
30.11.2016
, 20:42
Marine Le Pen muss rund 18 Millionen Wähler mobilisieren, um in den Elysée-Palast einzuziehen. Das scheint gegen Fillon unmöglich. Wie sich der Front National auf den neuen Gegner einstellt.

„François Fillon stellt uns vor ein strategisches Problem“, analysierte Marion Maréchal-Le Pen, die Front-National-Abgeordnete und Nichte der Präsidentschaftskandidatin den Erfolg des früheren Premierministers. „Fillon ist der gefährlichste Gegner für den Front National“, sagte sie vor der Vereinigung der französischen Parlamentsreporter am 23. November in Paris.

Die gaullistischen Töne Fillons zur Souveränität und „Grandeur“ Frankreichs und sein harter Kurs gegenüber dem „islamischen Totalitarismus“ seien für FN-Wähler attraktiv. Auch seine Versprechen, Einwanderungsquoten einzuführen und die Familienpolitik zu stärken sowie Werte wie Fleiß, Autorität und Respekt zu betonen, seien verführerisch für Sympathisanten ihrer Partei.

Es bestehe die Gefahr, dass Fillon dem FN gerade im Mittelmeerraum die Wählerschaft streitig mache. Doch die FN-Abgeordnete kritisierte Fillon als Betrüger, der nicht ernsthaft beabsichtige, seine Versprechen einzulösen. Er wolle nicht die EU verlassen und auch keine Zollschranken wiedereinführen.

FN schießt gegen Fillon

Für ihre offenen Ausführungen ist Maréchal Le Pen von ihrer Tante Marine Le Pen gerüffelt worden. Die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin hat ihre Partei jetzt auf eine Gegenoffensive eingeschworen, die sich auf Fillons „ultraliberale“ Reformpolitik konzentriert. Fillon sei der „Kandidat Brüssels“, der Frankreich die von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewünschten Reformen aufzwingen werde, sagte Marine Le Pen. Die Parteichefin nannte Fillon den „Kandidaten der sozialen Repression“.

Maréchal Le Pen wurde vorgeschickt, ihm zudem „Volksferne“ vorzuhalten. Die Abgeordnete beschwerte sich darüber, dass Fillon sich seit 2012 weigere, ihr in der Nationalversammlung zur Begrüßung die Hand zu geben. Er sei ein „Jünger der politischen Korrektheit“, sagte sie.

Paris
Fillon gewinnt Stichwahl bei Frankreichs Konservativen
© dpa, reuters

Der FN-Europaabgeordnete Bernard Monot hielt Fillon vor, von Finanzminister Wolfgang Schäuble „auserwählt“ worden zu sein. „Das Projekt Fillons passt der europäischen Elite, weil es Frankreichs Vasallen-Stellung gegenüber Deutschland und der ultraliberalen EU festigt“, äußerte der FN-Mann. Nur Le Pen garantiere, dass Frankreich nicht mehr von den Deutschen an die Kandare genommen werde.

FN sieht sich als Vertreter des Volkes

Parteiintern verschiebt der Sieg Fillons das Kräfteverhältnis zwischen dem staatsorientierten und dem wertkonservativen Flügel. Der stellvertretende Parteivorsitzende Florian Philippot sieht sich gestärkt. Er steht für einen Wirtschaftskurs, der eine staatlich gelenkte Planwirtschaft mit Protektionismus verbindet. Das FN-Wirtschaftsprogramm ähnelt dem der Kommunistischen Partei (KPF) zu Beginn der Achtziger Jahre. Die Selbstständigen, Handwerker und Kleinhändler, die zur FN-Wählerschaft zählen, sehen diesen Linksruck in der Wirtschaftspolitik kritisch und setzen auf Maréchal-Le Pen als Gegenpol.

Nun gibt jedoch Philippot die Angriffslinie gegen Fillon vor. Die geplanten Reformen seien „brutal“, sagte er. „Fillon ist ultraliberal und antisozial“, so Philippot. Der FN vertrete die Interessen des „Volkes“ und werde deshalb keine Schwierigkeiten haben, sich gegen den Kandidaten der „Rotary-Clubs“ und „Landgutbesitzer“ durchzusetzen.

Hinter den Kulissen debattieren die FN-Führungskader darüber, ob Marine Le Pen sich nicht eine neue Wahlstrategie für die nächsten fünf Monate zurechtlegen muss. „Der Diskurs über die Werte und die moralisch-geistige Lage macht einen Teil des Erfolgs Fillons aus und wir dürfen dies nicht außer Acht lassen“, warnte der FN-Europaabgeordnete Bruno Gollnisch. Gollnisch gehörte der Führungsgarde um Jean-Marie Le Pen an.

Prognosen sprechen gegen Le Pen

Die Wahl in den Elysée-Palast kann Marine Le Pen nur gelingen, wenn sie im zweiten Wahlgang große Wählerreserven mobilisiert. Bislang setzten die FN-Wahlstrategen auf die von Sarkozy enttäuschte konservative Wählerschaft, denen der Mitte-Rechts-Politiker Alain Juppé als zu gemäßigt und lasch erschien.

Doch das Szenario Fillon hat diese Pläne durcheinandergewirbelt. Um die Präsidentenwahl zu gewinnen, muss ein Kandidat etwa 18 Millionen Stimmen auf sich vereinigen. Das beste Ergebnis, das Marine Le Pens Partei je erzielt hat, waren 6,8 Millionen Stimmen bei den Regionalwahlen im Dezember 2015. Im ersten Wahlgang der Präsidentenwahlen 2012 kam Le Pen auf 6,3 Millionen Stimmen. Die günstigsten Umfrageergebnisse sagen der Rechtspopulistin 10 Millionen Stimmen für den ersten Wahlgang 2017 vorher.

Um zu gewinnen, müsste sie für den zweiten Wahlgang annähernd acht Millionen Wähler zusätzlich mobilisieren. Dabei ist es ausgeschlossen, dass sie von Wahlempfehlungen der linken Kandidaten profitiert. Parteigründer Jean-Marie Le Pen, der seit langem mit der Strategie seiner Tochter hadert, kritisierte von neuem die staatsgläubige Linkswende des FN. „Ich könnte bei den Präsidentenwahlen womöglich nicht für Marine Le Pen stimmen“, twitterte er.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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