General Haftar brüskiert Rom

„Ein widerwärtiges Angebot“

Von Matthias Rüb, Rom
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 15:36
Hafen von Mazara del Vallo auf Sizilien. Von hier aus brechen Fischer vor die libysche Küste auf, um Rotgarnelen zu fangen.
Seit zwei Wochen sind die Besatzungen von zwei sizilianischen Fischerbooten in Libyen in der Gewalt der Miliz von General Khalifa Haftar. Freilassen will er sie nur, wenn die Regierung in Rom zu einem „Gefangenenaustausch“ bereit ist.

Nach der Festsetzung zweier sizilianischer Fischerboote und deren Besatzung in der ostlybischen Hafenstadt Bengasi vor zwei Wochen droht eine schwere diplomatische Krise zwischen Italien und Libyen. Die Schiffe „Antartide“ und „Medinea“ mit zusammen 18 Mann Besatzung waren am 1. September etwa 35 Seemeilen vor der libyschen Küste von Kriegsschiffen unter Kontrolle des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar aufgebracht und in den Hafen von Bengasi eskortiert worden. Seit Jahren schwelt ein Konflikt zwischen Italien und Libyen um die Fischgründe vor Libyen, wo italienische Fischer, vornehmlich aus der westsizilianischen Hafenstadt Mazara del Vallo, die begehrten „gamberi rossi“ (Rotgarnelen) fangen.

Gewöhnlich werden festgesetzte italienische Fischerboote und deren Besatzung nach Zahlung eines Lösegelds von bis zu 50.000 Euro durch die Regierung in Rom von den Libyern wieder freigegeben. Die Rotgarnelen werden mit langen Schleppnetzen gefangen. Die italienischen Fischerboote sind in den Fanggründen vor Libyen oft viele Tage unterwegs und haben deshalb Dieselöl im Wert von bis zu 50.000 Euro an Bord. Dies und das erhoffte Lösegeld aus Rom macht die italienischen Fischerboote zur begehrten Beute für libysche Milizen, allen voran jene Haftars.

Ein Ablenkungsmanöver?

Der Fall der nun festgesetzten Schiffe wird durch die Regierungskrise in der von General Haftar kontrollierten ostlybischen Region Kyreneika kompliziert. Haftar steht an der Spitze der internatonal nicht anerkannten „Gegenregierung“ in Bengasi, deren Parlament sich in Tobruk im äußersten Osten Libyens befindet. Haftar versucht, die von den UN anerkannte Regierung in der Hauptstadt Tripolis unter Führung von Ministerpräsident Fajez Sarradsch zu stürzen. Nach anhaltenden, teils gewaltsamen Proteste gegen die schlechten Lebensbedingungen, die häufigen Stromausfälle und die prekäre Trinkwasserversorgung war das Kabinett Haftars am Sonntagabend zurückgetreten.

Am Samstag hatten aufgebrachte Demonstranten den Hauptsitz der Regierung Haftar in Bengasi in Brand gesetzt. Durch Schüsse auf Demonstranten bei Protesten wurden nach Angaben von Nachrichtenagenturen am Sonntag mindestens fünf Menschen verletzt. Angesichts der Bedrohung im Inneren verschärft Haftar nun den Konflikt mit Italien. Als Gegenleistung für die Freilassung der seit zwei Wochen in Bengasi festgesetzten 18 Italiener fordert Haftar die Freilassung von vier Libyern, die in Italien wegen Menschenschmuggels und fahrlässiger Tötung zu 20 bis 30 Jahren Haft verurteilt worden waren.

Staatsanwalt: „Widerwärtige“ Forderung

Nach Überzeugung der sizilianischen Gerichte hatten die vier jungen Libyer im August 2015 jene Überfahrt von Flüchtlingsbooten organisiert, bei der 49 Migranten ertrunken waren. Die Angehörigen der 23 bis 25 Jahre alten Libyer behaupten, bei den Männer habe es sich um professionelle Fußballspieler gehandelt, die gemeinsam mit den anderen Bootsflüchtlingen die Überfahrt nach Italien unternommen hätten, um ihre Karriere in Deutschland fortzusetzen. Unterdessen wächst der Druck auf die Regierung in Rom durch die Angehörigen der in Bengasi festgesetzten Fischer. In deren Heimatstadt Mazara del Vallo ist es wiederholt zu Protesten gekommen. Die Angehörigen der Fischer wollen ihren Protest nach Rom tragen, sollte nicht bald eine Lösung gefunden werden.

Aus Gerichtskreisen in Sizilien heißt es, eine Freilassung der vier rechtskräftig verurteilten Libyer sei schwer vorstellbar. Der zuständige Staatsanwalt, der die Verurteilung der Libyer erreicht hatte, bezeichnete die Forderung Haftars nach einem „Gefangenaustausch“ als „widerwärtig“. Derweil bekommt Haftar im Streit mit Rom um die Gefangenen überraschend Unterstützung von der Regierung in Tripolis. Die offiziellen diplomatischen Vertretungen Libyens in Italien unterstützen die Forderung der Angehörigen der verurteilten Libyer nach deren Freilassung im Austausch gegen die in Bengasi festgesetzten sizilianischen Fischer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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