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Der tiefe Fall des Bo Xilai

Polit-Thriller, garniert mit Mord

Von Michael Radunski
 - 15:02
Steiler Aufstieg, tiefer Fall: Bo Xilaizur Bildergalerie

Jetzt geht es also um Mord – und alles mutet inzwischen an wie ein Polit-Thriller: Ein aufstrebender Politiker legt sich mit Parteiestablishment an, sein langjähriger Weggefährte flüchtet mit vermeintlichem Geheimunterlagen ins amerikanische Konsulat. Der Politiker wird daraufhin gestürzt und verliert all seine Ämter. Doch was sich liest wie ein Buch von John Le Carré, ist der tiefe Fall des Bo Xilai, bis vor kurzem noch Hoffnungsträger von Chinas „Neuen Linken“. Nun wird auch noch gegen Bos Frau Gu Kailai ermittelt: wegen der Ermordung des britischen Geschäftsmannes Neil Heywood.

Heywood, ein langjähriger Freund und enger Vertrauter der Familie Bo, wurde am 15. November vergangenen Jahres tot im Chongqinger Hotel „Nanshan Lijing Holiday“ aufgefunden. Die amtliche Diagnose von damals: Tod durch übermäßigen Alkoholkonsum. Schnell und ohne Autopsie wurde die Leiche eingeäschert. Nun heißt es jedoch, Bos Frau und Heywood hätten geschäftliche Differenzen gehabt. Der Fall müsse neu untersucht werden. „Der Tod von Neil Heywood ist ein ernster Kriminalfall, in den die Familie und Mitarbeiter eines Partei- und Staatsführers verwickelt sind“, schreibt die Pekinger Zeitung „Renmin Ribao“.

Chinesischen Medienberichten zufolge soll Heywood für Bos Frau Gu jahrelang Geld ins Ausland transferiert haben. Kurz vor Heywoods Tod sei es allerdings zu einem Streit zwischen den beiden darüber gekommen, wie viel Geld Heywood für seine Dienste erhalten solle. Ein Vertrauter sagte gegenüber der Zeitung „New York Times“, dass Bos Frau sich von Heywood betrogen gefühlt habe.

Die Geschichte begann eigentlich schon 1992 im nordostchinesischen Dalian: Bos Frau betrieb in der Hafenstadt lange eine Anwaltskanzlei. Nachdem sie in Amerika einige chinesische Unternehmen erfolgreich vertreten hatte, galt sie bald als eine der besten Anwältinnen Chinas. In Amerika trat sie gerne unter dem Pseudonym Horus L. Kai auf. Horus, der ägyptische Sonnengott, diente auch als Namenspatron für ihre eigene Kanzlei. Nebenbei unterstützte sie ausländische Unternehmer beim Kauf von Immobilien in Dalian. Ihr Ehemann Bo Xilai war von 1993 bis 2000 Bürgermeister von Dalian.

Aus jener Zeit datiert auch die Bekanntschaft zwischen Bo, seiner Frau Gu und Neil Heywood. Der 1970 in London geborene Heywood studierte an der renommierten Wirtschaftsuniversität Warwick, wo er 1992 auch seinen Abschluss machte. Es war die Zeit des rasanten Wirtschaftswachstums in China, und wie viele westliche Wirtschaftsexperten vor ihm wollte auch Heywood sein Glück in der Volksrepublik versuchen. Allerdings arbeitete Heywood zunächst als Englischlehrer – in Dalian.

Markenzeichen roter Ferrari

Dort kam er erstmals in Kontakt mit Bo Xilai, den er wegen einer Geschäftsidee kontaktiert haben soll. Heywood gründete die Beratungsgesellschaft „Heywood Boddington Associates“ mit Sitz in London und bezeichnete sich fortan als Vermittler zwischen Familie Bo und britischen Geschäftsleuten. Er wurde zu einem „bai shoutao“, zum sogenannten weißen Handschuh für Bos Familie: Heywood tätigte im Namen der Familie deren finanzielle Geschäfte. Dazu gehörte auch, dass Heywood Bos Sohn zu einer Ausbildung an der nicht ganz günstigen Londoner Eliteschule Harrow verholfen haben soll. Die Schulleitung verlangt eine Schulgebühr von 35.000 Euro jährlich. Mittlerweile studiert Bos Sohn an der amerikanischen Elite-Universität Harvard. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in der chinesischen Hauptstadt Peking hat Bos Sohn ein Markenzeichen: seinen roten Ferrari.

Und auch die anderen Mitglieder der Familie Bo haben schillernde Lebensläufe: Bos älterer Bruder, Bo Xiyong, arbeitet seit Jahren als Geschäftsführer der staatlichen „China Everbright Holdings“. Dort erhält er ein Jahresgehalt von 1,3 Millionen Euro, allerdings benutzt er dafür wie Bos Frau auch ein Pseudonym. Es sind Decknamen, die verheimlichen sollen, an wen in Wirklichkeit das Geld fließt. Eine Schwester von Bos Frau soll in Hongkong acht Privatunternehmen geführt haben. Und Bos Frau selbst, Gu Kailai, hat während der Schulzeit ihres Sohnes in Großbritannien die Firma Adad Ltd. gegründet. Über die Firma selbst ist wenig bekannt, registriert war sie in der Grafschaft Dorset – nicht weit vom Wohnort der Familie Heywood entfernt.

Millionen-Gehälter, zahlreiche Pseudonyme, verstreuter privater Firmenbesitz und eine eigene Anwaltskanzlei - das alles in einer Familie, deren Oberhaupt öffentlich die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich anprangerte und dafür das sozialistische Erbe des „Großen Steuermanns“ Mao Zedongs propagierte?

Eine mögliche Verbindung von Gu Kailai mit dem Tod des 41 Jahre alten Heywood würde - fast schon zu - gut in die gesamte Affäre um Bo Xilai passen. Denn der eigentliche Absturz Bo Xilais beginnt in der zentralchinesischen Stadt Chongqing, als Anfang Februar der dortige Polizeichef Wang Lijun ohne Angabe von Gründen entlassen wurde.

Das Chongqinger Model

Seit 2007 ist Bo Xilai Parteivorsitzender in der Millionen-Metropole, sein Polizeichef Wang Lijun ist ein enger Weggefährte Bos. Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit in Dalian. Im rund 2700 Kilometer entfernten Chongqing wollten sie gemeinsam die Schattenseiten des chinesischen Wirtschaftswachstums in den Griff bekommen: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die grassierende Korruption. Sie gehen entschlossen gegen Mafia-Mitglieder und korrupte Beamte vor, allein in den ersten Monaten wurden mehr als 5000 Menschen verhaftet. Zudem stellte Bo für einkommensschwache Bürger preiswerte Wohnungen zur Verfügung und erließ ihnen die Zahlung von Schulgeld. Garniert wurde das Ganze mit einer kräftigen Portion Nostalgie: Immer wieder knüpfte Bo an das revolutionäre Erbe Mao Zedongs an. Er ließ aus dem Chongqinger Fernsehen Werbung verbannen, stattdessen forderte er mehr Berichte über seine „roten Kampagnen“. Er ließ die Stadt mit roten Fahnen beflaggen und revolutionäre Lieder aus der Mao-Zeit singen. Mitten in Chinas entfesselten Raubtierkapitalismus sollte Chongqing zum sozialistischen Idyll werden. Trotzdem mischte sich unter die Erfolgsmeldungen immer wieder Kritik. Denn in ihrem Kampf gegen die Korruption nahmen es der Parteivorsitzende und sein Polizeichef nicht immer allzu genau mit Recht und Gesetz.

Dann, am 6. Februar, der Bruch: die Demission von Polizeichef Wang. Es dauerte nicht lange, da kursierten erste Gerüchte über ein angebliches Zerwürfnis zwischen Bo und Wang. Einige von Wangs Mitarbeiter sollen demnach Anhaltspunkte dafür haben, dass bei Heywoods Tod möglicherweise Gift im Spiel gewesen sein könnte. Den vorbereiteten Bericht, in dem vom Alkoholtod die Rede war, wollten sie jedenfalls nicht unterschreiben. Ebenfalls in dem Bericht vermerkt ist, dass Heywood für Bos Frau mehrere hundert Millionen Dollar, angeblich aus der Zeit in Dalian, ins Ausland transferiert habe.

Wang fürchtete offenbar um sein Leben und floh in das amerikanische Generalkonsulat im 300 Kilometer entfernten Chengdu. Auf Weisung von Bo umstellten ihm treue Polizisten aus Chongqing daraufhin das Konsulat, um Wang festzunehmen. Die Geschichte erhielt damit unvermittelt eine internationale Dimension – sehr zum Verdruss der Führung in Peking. Tags darauf die nächste Volte: Wang Lijun verließ das amerikanische Konsulat wieder – offiziell auf eigenen Wunsch. Sicherheitsbeamte aus Peking eskortierten den ehemaligen Polizeichef vorbei an den Polizisten aus Chongqing in die Hauptstadt. Unter dem Vorwurf des Hochverrats steht er seitdem er unter Hausarrest.

Bos vorerst letzter Auftritt

Wenige Wochen später, im März, tagte der Nationale Volkskongress in Peking. Mit dabei ist auch Parteivorsitzende von Chongqing, Bo Xilai. Wie jedes Jahr um diese Zeit kommt das chinesische Parlament in Peking zusammen, um die Gesetzesvorhaben der Regierung abzunicken. Vor allem weil dieses Jahr im Herbst ein Führungswechsel an der chinesischen Staatsspitze ansteht, soll die diesjährige Sitzung von Chinas Parlament reibungslos verlaufen. Es wird ein Generationenwechsel sein, der nur alle zehn Jahre ansteht.

Es sollte Bos vorerst letzter öffentlicher Auftritt sein, denn direkt nach Ende des Volkskongresses wurde er als Parteichef von Chongqing abgesetzt. Die Begründung folgte erst einige Tage später: „Genosse Bo wird wegen schwerwiegender Verletzungen der Disziplin ausgeschlossen.“ Seither steht der ehemalige Politstar unter Hausarrest. Und die Diskussionen um einen Machtkampf in den höchsten Kreisen der Partei wollen nicht mehr verstummen.

China sei „ein sozialistisches Land, in dem das Gesetz regiert“ ist nun der Tenor in den chinesischen Medien. Jeder sei vor dem Gesetz gleich, „unabhängig von seinem Status“, niemand werde vor der gerechten Bestrafung verschont. Und so ist der tiefe Fall des Bo Xilai Ausdruck eines heftigen Machtkampfs hinter den Kulissen: „Marktliberale“ gegen die „Neuen Linken“. Mit Bo Xilai haben Chinas „Neuen Linken“ eine ihrer schillerndsten Figuren verloren.

Quelle: FAZ.NET
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