Pandemie in den USA

Mehr Neuinfektionen – die Corona-Lage spitzt sich wieder zu

Von Frauke Steffens, New York
17.07.2021
, 13:56
Menschen in New York genießen die Zeit ohne Corona-Beschränkungen am East River.
In Amerika steigt die Inzidenz wieder. Vor allem in Gegenden mit geringen Impfraten. In New York genießen die Menschen derweil die Zeit ohne Einschränkungen, während Los Angeles wieder eine Maskenpflicht verhängt.
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Wer dieser Tage in New York ins Kino oder in eine Bar geht, kann den Eindruck gewinnen, die Pandemie sei vorüber. Menschen drängeln sich in voll besetzten Kneipen, ins Kino kommt man ohne Maske und braucht keinen Abstand zum Nachbarn mehr einzuhalten. Seit alle Beschränkungen aufgehoben wurden, tragen die New Yorker ihre Masken vor allem in der U-Bahn und im Bus. Inzwischen hat sich die Zahl der Covid-Neuinfektionen allerdings wieder verdoppelt: Gab es vor einigen Wochen noch um die 200 Neuinfektionen pro Tag, sind es inzwischen wieder mehr als 500. Und trotz einer ambitionierten Impf-Kampagne stagniert der Anteil der in der Stadt New York vollständig geimpften Erwachsenen bei 64 Prozent.

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Der Anstieg der Infektionszahlen wird der Delta-Variante des Virus zugeschrieben, die inzwischen für 40 Prozent der Neuansteckungen verantwortlich ist. Und er spiegelt den nationalen Trend. Vor weniger als vier Wochen wurden landesweit noch durchschnittlich um die 11.000 neue Fälle am Tag registriert. Inzwischen sind es im Sieben-Tage-Mittel 28.000 Neuansteckungen. Krankenhäuser in besonders betroffenen Bundesstaaten wie Louisiana und Mississippi berichten, dass sich ihre Intensivstationen wieder mit Covid-19-Patienten füllen. In Mississippi, wo zur Zeit sieben Kinder mit dem Virus auf der Intensivstation liegen, sind nur 33,5 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

Seitenhieb gegen Fauci

Im ganzen Land sind es fast die Hälfte der Einwohner. Trotzdem gehen die Fallzahlen in beinahe allen Bundesstaaten nach oben. Besonders viele Neuansteckungen gab es in den vergangenen Wochen in Staaten mit niedrigen Impfquoten. In Arkansas etwa gab es Anfang Juni weniger als 200 neue Infektionen am Tag – inzwischen sind es wieder fast 1000 täglich. Die Behörden machen die Delta-Variante für den Anstieg in dem Staat im Süden verantwortlich und appellieren an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. In etlichen Gegenden mit hoher Impfquote sind die Infektionszahlen dagegen sehr niedrig. So meldete Vermont, der Bundesstaat mit den meisten Immunisierten, im Mittel über sieben Tage elf tägliche Neuansteckungen. Mit fast 75 Prozent ein- oder zweimal Geimpften nähert sich der Staat Bedingungen der Herdenimmunität.

Vermont hat mit Phil Scott einen gemäßigt republikanischen Gouverneur, ist aber einer der liberalsten Bundesstaaten. Andere republikanische Bundesstaaten machten selbst während der tödlichsten Phasen der Pandemie mit aggressiven Öffnungsstrategien Schlagzeilen. Dazu gehörte Florida, wo es zur Zeit mehr als 5600 Neuansteckungen täglich gibt. Dort fielen alle Schutzregeln gegen das Virus bereits im Frühjahr. Aus dem Sonnenstaat gab es immer wieder Berichte darüber, dass die Behörden die Zahl der Toten zu niedrig angesetzt haben könnten. Zur Zeit liegt deren offizielle Zählung bei 38.000 Verstorbenen. Insgesamt starben in den Vereinigten Staaten bislang mehr als 608.000 Menschen nach einer Covid-19-Infektion.

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Gouverneur Ron DeSantis legte dennoch in den letzten Tagen noch einmal nach. Seine Kampagne für die Wiederwahl im kommenden Jahr stellte T-Shirts und andere Materialien vor, die den Schriftzug „Don't Fauci My Florida“ tragen. Das heißt in etwa „Macht mein Florida nicht zu einem Fauci-Staat“, und gemeint ist Anthony Fauci, Chefberater des Weißen Hauses für die Virus-Bekämpfung. Fauci machte sich bereits unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump einen Namen, indem er für strengere Schutzmaßnahmen wie das Maskentragen warb. Masken und inzwischen auch die Impfung betiteln viele Republikaner und Trump-Anhänger als Angriff auf ihre Freiheit. DeSantis, den viele für einen möglichen Trump-Nachfolger halten, setzt offen auf diese Stimmung, obwohl es in Florida mit die meisten Neuansteckungen, Todesfälle und Krankenhauseinweisungen im ganzen Land gibt. „Wie zur Hölle soll ich ein Bier trinken, wenn ich eine Maske trage“, steht auf Trinkflaschenhaltern der Kampagne – ein Zitat des Gouverneurs.

Entgegen der CDC-Empfehlung

Bei den Impfungen fährt DeSantis eine gemischte Strategie: er empfiehlt sie offiziell, verbietet Firmen aber, Impfnachweise von Kunden in Geschäften, Bars oder bei Musikveranstaltungen zu fordern. Er hatte auch Erfolg mit einer Klage gegen die Seuchenschutzbehörde CDC: die kann eine ursprünglich geltende Impfquoten von 95 Prozent für Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen nicht mehr durchsetzen, die in Florida ankern. Florida liegt indessen mit 47,3 Prozent vollständig Geimpften Einwohnern nur geringfügig unter dem Bundesschnitt von 48,5.

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Das Coronavirus dient auch anderen Gouverneuren zur Profilierung – und dabei werden Spannungen zwischen möglichen Aspiranten auf Trumps Nachfolge deutlich. Die republikanische Regierungschefin von South Dakota, Kristi Noem, brüstete sich bei der Conservative Political Action Conference (CPAC) in Dallas damit, dass ihr Bundesstaat nie einen „Shutdown“ verordnet habe – im Gegensatz zu anderen. Es gebe „republikanische Gouverneure im ganzen Land, die so tun, als hätten sie nie ihre Staaten heruntergefahren“ und die sich nicht mehr an die eigenen Maskenverordnungen erinnern wollten, sagte Noem. Tatsächlich hatte auch sie Restriktionen erlassen.

South Dakota hatte die meisten Todesfälle erst in der zweiten Welle im November, Behördenangaben zufolge war einer von sieben Einwohnern bereits infiziert – das ist mehr als in den meisten anderen Bundesstaaten. Und gemessen an der Bevölkerungszahl starben in South Dakota fast sechsmal so viele Menschen an Covid wie in Vermont, wie die „Washington Post“ kürzlich berechnete – 230 je 100.000 Einwohner verglichen mit 40. Dass die Infektionszahlen beider Staaten sich anglichen, obwohl die Strategien so unterschiedlich sind, hängt demnach mit der hohen Zahl der Vorinfektionen in South Dakota zusammen.

Die meisten Bundesstaaten belassen es vorerst bei den Öffnungen und Empfehlungen. Doch Los Angeles County, der bevölkerungsstärkste Landkreis der Nation, zog jetzt die Notbremse. Ab diesem Wochenende müssen alle, die sich im öffentlichen Raum drinnen aufhalten, wieder Mund-Nasenschutz tragen. Das widerspricht den Empfehlungen der Seuchenkontrollbehörde in Washington, die das nur noch für Ungeimpfte empfiehlt. Doch in und um Los Angeles fürchtet man, dass die Öffnungen viel zu früh kamen. Bis zum 15. Juni, als die Restriktionen aufgehoben wurden, lag die tägliche Zahl der Neuinfektionen über sieben Tage bei durchschnittlich 173. In den sieben Tagen bis vergangenen Mittwoch waren es im Mittel 1077 Fälle am Tag. Davon ist New York weit entfernt – doch die Menschen, die in den vollen Kinos sitzen, nutzen vielleicht auch die Zeit bis zu einer neuen Runde schärferer Regeln.

Quelle: FAZ.NET
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