FAZ plus ArtikelTaiwan-Konflikt

Die Welt soll sich an chinesische Militäraggressionen gewöhnen

Von Friederike Böge und Sofia Dreisbach
06.08.2022
, 12:38
Ausschnitt eines Video der chinesischen Volksbefreiungsarmee, das den Abschuss eines Lenkflugkörpers am 4. August zeigt.
Nancy Pelosi besucht Taiwan, China hält darauf ein Militärmanöver nahe der Insel ab. Alle Seiten versuchen nun, ihre Interessen zu sichern.
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Es gibt ein Bild, das im Zusammenhang mit China oft verwendet wird: ein Frosch in einem Kochtopf, in dem die Wassertemperatur langsam bis zum Siedepunkt erhöht wird. Wenn man den Frosch in kochendes Wasser werfen würde, würde er sofort wieder herausspringen. Wenn man die Temperatur aber langsam erhöht, bleibt er im Wasser sitzen und stirbt. Das Bild soll eine chinesische Methode darstellen, die das Land besonders erfolgreich im Inland einsetzt. Überwachung und Repression wurden in kleinen Schritten verstärkt, sodass sich viele Leute daran gewöhnt haben. Im Südchinesischen Meer ließ Präsident Xi Jinping künstliche Inseln aufschütten und versprach seinem amerikanischen Amtskollegen Barack Obama, dass daraus keine Militärbasen werden würden. Heute sind sie das. In Hongkong wurde ein Demokratieaktivist nach dem anderen festgenommen, bis keiner mehr da war.

Der Sprecher des amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, bemühte nun das Bild vom Frosch, um die chinesischen Militärmanöver rund um den Inselstaat zu beschreiben. Die Schießübungen sollen am Sonntag vorbei sein. Doch danach wird die Temperatur im Kochtopf gestiegen sein. Während der Manöver hat China die Grenzen seines militärischen Operationsraums rund um Taiwan neu definiert. Es hat erstmals Raketen über Taiwan hinweggeschossen und erstmals Raketen in die japanische Exklusive Wirtschaftszone gelenkt. Es ist erstmals seit den 1950er-Jahren in den Luftraum über den Kinmen-Inseln eingedrungen. Es hat eine beispiellos hohe Zahl an Militärschiffen und -flugzeugen über jene Linie geschickt, die die Taiwanstraße in der Mitte teilt und früher mal als informeller Puffer zwischen den Konfliktparteien diente. Man kann davon ausgehen, dass die Grenzverschiebungen dauerhaft sind und China ähnliche Operationen künftig wieder abhalten wird. Genauso, wie sich viele Chinesen an Überwachung und Repression gewöhnt haben, soll sich die Welt an chinesische Militäraggressionen gewöhnen. Gefährlich ist das, weil es ungewollte Zusammenstöße möglich macht und weil es China in die Lage versetzt, für eine Invasion oder Seeblockade zu üben und aus einer solchen vermeintlichen Manöveroperation aus anzugreifen.

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Quelle: F.A.S.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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Sofia Dreisbach
Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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